Runensätze

Das Futhark

24 Runen bilden das sogenannte "Ältere Futhark" (oder Gemeingermanische Futhark, weil es auch im südgermanischen Raum Verwendung fand). 'Futhark' ist eine Aneinanderreihung der ersten 6 Runen-Lautwerte (vgl. "Alphabeta"). Das Futhark ist aus mindestens 6 mehr oder weniger erhaltenen Inschriften bekannt, deren älteste aus der Zeit um 400 u.Z. stammt (Stein von Kylver). Insgesamt kennt man ca. 350 Inschriften im älteren Futhark. Düwel geht davon aus, daß das ältere Futhark den Inschriften von ca. 200 u.Z. bis 750 u.Z. zugrundeliegt. Die Inschriften stimmen im wesentlichen überein, jedoch können die beiden letzten Runen Dagaz und Othala vertauscht sein.
(Im Gegensatz dazu gibt es im skandinavischen, jüngeren Futhark mehr als 6000 Inschriften, davon alleine 3600 aus Schweden (Simek).)

Auf der Seite zu den Runen-Ressourcen gibt es eine Einführung zu guten Büchern. Hier gibt es das ältere Futhark in einer Übersichtstabelle.

Stein auf steinzeitlichem Grabfeld

Diese Runen werden in drei Gruppen (ættir = 'Achtel' / 'Geschlecht') à 8 Zeichen eingeteilt. Schon auf den Brakteaten von Vadstena und Grumpan (um 500 u.Z.) ist diese Einteilung belegt.
Die 3 Ættir sollten nicht als Freyrs Ætt, Ætt von Hagalaz / Hagals Ætt und Tyrs Ætt bezeichnet werden, da diese Götternamen aus viel späterer Zeit stammen.
Darüberhinaus gibt es auch die Zuordnung bestimmter Interpretationen zu den Ættir, wie F. Aswynn es macht. Demnach stehen die Runen im ersten Ætt für die grundlegenden, weltlichen Belange; die im zweiten Ætt für die psychologischen Aspekte auf eher individueller Ebene; die im dritten sind als Integration der beiden ersten Ættir auf höherer Ebene aufzufassen und beschäftigen sich mit sozialen Aspekten. Dieser Deutung stimme ich weitgehend zu, s.a. Infoseite zu den Runen.
Eine ähnliche Unterteilung greift das Dumezilsche Schema der Unterteilung eines Pantheons auf (s. dazu auch die Seite über Höhere Mythologie): Die Funktionen der Fruchtbarkeit, Stärke und Herrschaft werden auf die 3 Ættir verteilt, so daß das erste mit der Fruchtbarkeit und Ernährung zu tun hat, das zweite mit Stärke und Kampf und das dritte mit Königtum und Priesterschaft.

Ob die Runen des gesamten Futharks eine sinnvolle Abfolge haben, ist immer wieder diskutiert worden. Mir persönlich gefallen zwei Deutungen:
Da ist die "runische Reise", die Jennifer Smith, eine Kanadierin, propagiert. Sie sagt, daß die Runen von Fehu bis Othala einen Einweihungsweg darstellen, der den Suchenden zu einer höheren Bewußtseinsebene führt. In ähnlicher Weise beschreibt Steve McNallen die Runenabfolge als Lebensreise.
Freya Aswynns mythologische Deutung hingegen halte ich für an den Haaren herbeigezogen und kann ihr nicht im geringsten zustimmen.

Anfertigung eines Runensatzes

Für Zwecke der Weissagung schnitzt man einen Runensatz. Runen können verschiedenartig angefertigt sein. Manchmal werden richtige Stäbe geschnitten, auf deren Seite die Runen eingeritzt werden. Meist sieht man aber Steine oder Holzscheiben, die die Runen tragen. Ich persönlich lehne jedes andere Material als Holz (oder Knochen) ab.

Welche Holzsorte man nimmt, kann recht frei entschieden werden. Laut Tacitus war es ein "fruchttragender" Baum, was nicht auf einen Obstbaum hinweist, sondern auf Bäume, die Eicheln, Nüsse oder Bucheckern tragen. Hier kann man z.B. darauf hinweisen, daß Buchecker mit got. akran (Frucht) zusammenhängt. Man kann auch entsprechend der Baumzuordnung zu bestimmten Göttern den Baum wählen, der dem eigenen fulltrui geweiht ist. Thors Bäume sind z.B. Eiche und Haselnuß, während die Esche und Eibe Odin geweiht sind (man bedenke, daß Speere oft aus Eschenholz hergestellt wurden). Die Eibe wird auch mit Hel assoziiert und ist gut geeignet, wenn man einen sehr "dunklen" Satz herstellen möchte (aus Eibenholz fertigt man Bögen). Die Linde, der alte Thingbaum, kann mit Tyr assoziiert werden. Obstbäume können natürlich auch verwendet werden, z.B. Apfel (Beziehung zu Idun) oder Kirsche (Freya (auch: Linde)). Die Birke assoziiere ich mit Frigg, die Buche mit Tyr / Tiwaz.

Ich selbst habe einen Runensatz aus Haselnuß und einen weiteren aus schwedischer Birke. Den - für mich wesentlich wichtigeren - Satz aus Haselnuß schnitt ich in der Wonnenacht 1993, kurz nach Mitternacht. Der Haselast war ca. 9 Jahre alt (s. 9 Welten usw.) und wuchs an einem Bach, in dessen Nähe ich als Kind oft gespielt habe. Haselnuß ist mit der Birke verwandt, hat also trotz der Beziehung zu Thor auch einen weiblichen Aspekt. Weiterhin gilt Haselnuß als blitzsicher und war schon in alter Zeit ein Symbol für Unsterblichkeit, erwachendes Leben und Liebe. In Ranke-Graves' "Die weiße Göttin" wird die Weide mit Verzauberung verbunden, die Eiche mit Königtum und der Hasel mit Weisheit. Obwohl der Haselbusch als Symbol weißer Magie und Heilkunst gilt, erhalte ich häufig recht 'dunkle' Antworten, während der Birkensatz klarer ist.

"Die Hasel wird mit Vorliebe als Lebens- und Liebes-Sinnbild verwendet und dankt dies sicher ihrer eigenen Fruchtbarkeit."
   Strobel

Hat man sich vorgenommen, einen eigenen Satz zu erstellen, wählt man zunächst den Baum. Wohlgemerkt, man sollte den Ast für die Runen auch selbst abschneiden oder -sägen. "Gute Beziehungen zum Friedhofsgärtner" (in bezug auf einem Eibenast) - wie ich neulich las - sind Unsinn. Entweder man erstellt den Satz komplett alleine oder man läßt es - etwas überspitzt gesagt. Allerdings sollte man nicht sofort drauflos schneiden, sondern sich in Ruhe hinsetzen, in sich gehen, evtl. ein Utiseta-Ritual machen. Man kann dann "erfahren", ob Ort und Baum richtig sind.

Den erhaltenen Ast kann man nun in Scheiben sägen oder (vermutlich aus mehreren Zweigen) Runenstäbe schneiden. Ob man Scheiben oder Stäbe wählt, ist relativ egal. Vermutlich sind Stäbe historischer, das aus einem Zweig geschnittene Stäbchen hieß germ. *tainaz, got. taikns, angels. tacn, altnord. teicn / teinn (Losstäbchen), fries. tenos, woraus unser heutiges Wort "Zeichen" hervorgeht. Wer unbedingt auf dem Kopf liegende Runen anders deuten möchte, sollte Stäbe wählen. Bei Scheiben geht das allerdings auch: Sie können mit der Rune nach unten fallen. Ich persönlich rate jedoch von diesen Deutungen ab, wie auf der Seite über Divination beschrieben. Von daher würde ich zu Stäben von maximal 10cm Länge raten. Man bereitet nun 24 Stäbe vor.

Nun sollte man sich einen ruhigen Tag aussuchen und sich Zeit nehmen. Man konzentriert sich auf jeweils eine Rune (visualisiert das Bild, intoniert die Rune usw.) und zieht dann aus den 24 Stäben einen. Die Rune ritzt man nun in diesen Stab.
Alternative Möglichkeit: Man zieht zuerst aus den 24 Roh-Runen eine, hält diese dann in der Hand und versucht zu ergründen, welche Rune eingeritzt werden muß. Der Unterschied: Bei der ersten Version wird davon ausgegangen, daß man durch Konzentration auf ein Runenprinzip die richtige Rune aus dem Satz herausfinden kann, während man bei der zweiten Version davon ausgeht, daß die Roh-Rune schon einen "runischen Charakter" hat und man in der Lage ist, diesen herauszufinden. Version 1 würde ich vorziehen, sie ist auch einfacher zu bewerkstelligen.
Zum Schluß kann man die Runen mit Farbe ausmalen. Manche färben die Runen mit ihrem eigenen Blut.

Den neuerschaffenen Runensatz sollte man vor dem ersten Gebrauch weihen. Die Vorgehensweise sollte man sich selbst überlegen, da dies eine sehr private Angelegenheit ist. Hier ein Vorschlag:
Nach dem Fertigstellen des Satzes wird er getrocknet. Das kann man entweder über einem Feuer machen oder auch im Backofen. Danach wird der Satz unter dem Ursprungsbaum für 3 Nächte eingegraben, wonach er wieder ausgegraben und in einem klaren Bach abgewaschen wird (es ist also sinnvoll, aufgetragene Farbe vorher mit Wachs zu versiegeln). Danach wird er an der Luft getrocknet. Im Anschluß macht man ein Ritual. Das kann ein Standard-Blot sein, bei dem man in einem meditativen Teil jede einzelne Rune in die Hand nimmt und sie durch Intonieren "lädt". Dann opfert man in gewohnter Weise und gibt anschließend alle Runen in einen vorbereiteten Beutel. Diesen hält man hoch und spricht die Worte des Runensteins von Glavendrup: "Thur wihi thasi Runar!" (Thor weihe diese Runen!). Hier kann man auch die Namen weiterer Gottheiten einsetzen.
Alternative Vorgehensweisen sind denkbar. Man kann z.B. jede einzelne Rune mit einer Körperflüssigkeit (Blut, Speichel ...) in Verbindung bringen, um den persönlichen Kontakt herzustellen.

Grundsätzlich gilt: Man sollte sich viel Zeit lassen, da ein Runensatz ein Begleiter durchs Leben ist. Man sollte nicht ständig neue Sätze anfertigen, sondern sich an einen gewöhnen. Von der Weitergabe von Runensätzen (z.B. an seine (Enkel-)Kinder) halte ich nichts. Beim Tod eines Menschen sollte sein Runensatz mit ihm verbrannt oder beerdigt werden. Ist das nicht möglich, sollte er in der Sippe aufgehoben, aber nicht mehr benutzt werden.

Direkter Sprung zu den Runen:
Fehu * Uruz * Thurisaz * Ansuz * Raidho * Kenaz * Gebo * Wunjo * Hagalaz * Nauthiz * Isa * Jera * Eihwaz * Perthro * Algiz * Sowilo * Tiwaz * Berkana * Ehwaz * Mannaz * Laguz * Ingwaz * Dagaz * Othala

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 25.01.2014 | Urheberrecht beachten!