Einführung 

Opferpfahl (gesehen an der Mosel)

Rituale der Alten Sitte sind stark vom Gottesverständnis geprägt, wie es auch auf der Seite über höhere Mythologie dargelegt ist. Grundaspekt ist das 'Treueverhältnis' der Menschen zu den Göttern, was einen eher partnerschaftlichen Charakter hat. Ob Bittopfer (Votivgaben) oder Dankopfer, Sinn des Opferns ist es, mit den Göttern in einen Austausch zu treten. Gerade der frühe Mensch war sehr stark abhängig von der Natur und glaubte, daß er mit Hilfe seiner Götter bessere Chancen im alltäglichen Lebenskampf hatte. Wenn z.B. Hagel große Teile der Ernte vernichtete, dann mußten die Menschen sich auf eine Hungersnot einstellen. Walter Baetke nennt dieses Opfern von Gaben mit der Bitte um Gegengabe (vergeltender oder vorbeugender Charakter des Opfers) als eine von zwei grundsätzlichen Auffassungen zum Thema Opfer. Die Zweite (in Anlehnung an Grönbech) sieht das Opfer als Akt der Vereinigung mit der Gottheit: "Durch die kultische Blutsbrüderschaft, die der Mensch beim Opferfest mit der Gottheit schließt, wird er mit ihrer Kraft erfüllt." (Baetke)
Wichtig zum Verständnis heidnischer Rituale ist, daß sich die Wirklichkeit der Götter nur dann offenbart, wenn man mit ihnen praktisch in Kontakt tritt. Das Heidentum ist eine praktische Religion, die gelebt werden will.
Das Opfern als solches war "Ehrensache", man handelte also ehrenvoll, wenn man opferte, was wiederum nicht nur die eigene Ehre mehrte, sondern vor allem die der gesamten Sippe (man kann hier auch vom Heil sprechen).

Ergänzend ein Zitat aus Hasenfratz: "'Wenn man mit Naturvölkern zusammenlebt', so der Ethnologe Thiel, 'gewinnt man den Eindruck, dass Religion mehr die Aufgabe hat, die materielle Existenz abzusichern als dem Leben einen Sinn zu geben. Der Lebenssinn wird nämlich weitgehend von der Gesellschaft, in der man lebt, bestimmt.'"
Dazu paßt auch der Einleitungssatz zum Kapitel über Riten und Kulte (bei Maier): "Weitaus stärker als das neuzeitliche Christentum war die Religion der Germanen von rituellen Handlungen geprägt."
Noch heute ist der Spruch 'Ein Geschenk verlangt nach einem Gegengeschenk!' bekannt. Das ist sozusagen eine ur-germanische Einstellung, zusammengefaßt im Do-ut-des-Prinzip: 'Ich gebe, damit du gibst'. Wenn man also beim Julfest für ein gutes Jahr und Frieden opfert (Blota til árs ok friðar), dann tut man das im Wissen darum (bzw. in der Hoffnung), daß die Götter ihren Anteil an dieser guten Ernte haben werden, daß man sie also durch ein Geschenk zu einem Gegengeschenk veranlassen kann. Man macht - profan ausgedrückt - mit den Göttern einen "Handel", man sichert seine eigene Existenz dadurch, daß man den Göttern opfert - Sinnfindung ist erst in unserer heutigen Überflußgesellschaft ein Aspekt von Religion, so Hasenfratz: "Das Faktum, dass in unserer westlichen, postmodernen Zivilisation existentielle Grundbedürfnisse weitgehend abgesichert sind ..., verengt für die Religion ihre Funktion der Kontingenzbewältigung auf die Sinnstiftung ..."
Doch letztlich ist der Ausdruck "Handel" zu profan: Wer ein Geschenk gibt bzw. eine Gegengabe erhält, der gibt oder nimmt nicht nur den rein materiellen Wert der Sache. Denn mit jedem Geschenk gibt der Schenkende einen Teil von seinem Heil und seiner Ehre an den Beschenkten. Und so hoffen wir Menschen, für unsere dargebrachten Opfer auch Heil zu erhalten.
Um noch einmal auf Baetke zurückzukommen: An anderer Stelle wurde er schon derart zitiert, daß die Götter als Persönlichkeiten aufgefaßt werden müssen. Es ist also wichtig, "... daß die Götter nicht als unpersönliche Kräfte, sondern als Personen gefaßt wurden, die einen Willen haben. An ihn kann der Mensch sich wenden, um die Hilfe der Gottheit zu erlangen. Dies tut er mit Opfer und Gebet; beides kann nur aus dem Persönlichkeitscharakter der Götter richtig gedeutet werden." (Baetke) Überspitzt gesagt: Ob die Gottheit ein an sie gerichtetes Opfer "erhört", hängt von ihrem Willen ab. Persönlichkeit und Wille sind demnach die Charakteristika der Gottheiten. Aber: "Der Mensch schuldet dem Gott nicht ein Opfer, wie er dem Mitmenschen einen Euro schuldet. (...) Das Opfer ist nicht um des Gottes willen da. Der Gott braucht keinen Braten. Was er allerdings braucht, ist die Möglichkeit zu erscheinen, um im Menschenleben genauso wirksam zu werden, wie er es in der Natur ist." (R. Falter)

"Do ut des lautet der Grundgedanke des Opfers. Der Mensch gibt, aber die Gottheit muß mit einer Gegengabe antworten. Wir berühren hier eine uralte, allgemeinmenschliche Anschauung, die in der primitiven Gesellschaft ihre volle Bedeutung hatte und von der in heutigen Volksbräuchen die letzten unverstandenen Reste fortbestehen."
    de Vries

Gerade wenn man Régis Boyers Bücher über die Wikinger liest, erhält man eine Ahnung davon, welch lakonisches Gottesbild die Menschen damals hatten. Wenn man dann noch das Zitat von de Vries über die Magie liest, kann man verstehen, daß das Religionsverständnis der Germanen sehr praktisch war. Ein Spruch aus den Havamal legt beispielsweise nahe, daß es besser sei, gar nicht als zu viel zu opfern.

"Opferung von Lebewesen, Verzehr ihres Fleisches, rituelle Trankopfer, feierliche Eide: All das erzeugte Übereinstimmung in einer Gruppe, in der die enge Verflechtung übernatürlicher und menschlicher Mächte dank bestimmter bedeutungstragender Gesten spürbar wurde. Das heißt nicht, daß die Mächte des Schicksals sich dadurch gezwungen gesehen hätten, ihre Entschlüsse aufzuheben oder den Gang der Dinge zu verändern - "man überlebt das Urteil der Nornen nicht einen Abend" bemerkt zu Recht der Dichter. Die Menschen wollten sich versichern, daß der diesen Mächten entströmende Lebensfluß ihnen zugänglich blieb und von Liebe erfüllt war. Denn soweit wir wissen, kannte diese Religion keinen Selbstmord (außer in bestimmten Ritualen), keine Verzweiflung, kein Aufbegehren und vor allem keinen tiefen Zweifel und kein Gefühl der Absurdität. Sie war eine Religion des Lebens."
   Régis Boyer

Der tägliche, informelle Kontakt zu den Gottheiten wird über Anrufungen oder kurze Meditationen hergestellt. Siehe hierfür auch meine Seite über kleine Rituale für Anfänger. Hingegen sind die großen Ritualfeiern Kulthandlungen, an denen die ganze Sippe teilnimmt bzw. der ganze Stamm teilnahm.

Märråberget, Schweden
Sahen so evtl. hörgr aus?

Das Blot / blóta

"Sie halten ein Fest, bei dem sie sich zu Ehren ihres Gottes versammeln und essen und trinken. Jeder, der ein Tier als Opfer schlachtet, hat ein Holzgestell vor seiner Haustüre und hängt das Opfertier dort auf, ob es nun Ochse oder Widder, Geißbock oder Eber ist, damit die Leute wissen, daß er ein Opfer zu Ehren seines Gottes abhält."
   At-Tartushi (um 950 über Haithabu)

Das Wort für opfern, das im nord-, ost- und westgermanischen Sprachraum durchgehend mit religiösem Kontext belegt ist, ist "blóta" (ahd. pluozan). Blóta steht allgemein für "durch Opfer (ver)ehren". Es heißt also z.B. blóta Óðin - Odin durch Opfer verehren. Nach Beck wird im Altnordischen im Zusammenhang mit blóta der Dativ bzw. Akkusativ vermieden. Snorri Sturluson verwendet z.B. einen Präpositionalausdruck (blóta til Óðins) oder nimmt 'gefa', ein anderes Wort für 'weihen', hinzu: gefa Óðni son sinn. (Beck schreibt, daß gefa die "verbale Dedikation des Opfers an den Opferempfänger ausdrückt".) Im Sprachgebrauch deutscher Anhänger der Alten Sitte hat sich das Nomen 'Blot' für das Opferritual eingebürgert. Man sagt: wir halten ein Blot, anstatt (korrekter) zu sagen: wir bloten heute. In diesem Sinne orientiert sich auch mein Beispielritual am Wort Blót.
Im Zentrum des Opferns stand die Übergabe eines Dings oder Tieres an die Götter. Die (materielle) Opfergabe heißt (so bezeichnete man auch Gold und Silber als blótfé), für das Opfertier gab es die Bezeichnung tafn. Dazu Pileatus: "Interessant ist die Grammatik des Verbs: So pluozt man nicht 'dem Gott ein Pferd', sondern pluozt 'das Gott mittels eines Pferdes'."
Neben "bloten" wird auch "blozen" im deutschsprachigen Raum für das Opfern benutzt. Interessant finde ich den Hinweis, daß man den Namen "Blocksberg" als abgewandelte Form von "Blozberg", also einem Opferplatz auf einem Berg, deuten könne.

Laut Simek hängt blóta etymologisch nicht mit dem Wort Blut zusammen. Wir erfahren an zwei Saga-Stellen, daß Blut des Opfertieres in einer Schüssel (hlaut-bollar) gesammelt und dann mit Zweigen (hlautteinnar) über die Anwesenden gesprenkelt wurde, so z.B. in der Hákonar saga góða 14 (weitere Blot-Schilderung in der Kjalnesinga Saga 2, 4). In der Eyrbyggja saga 4 heißt es entsprechend: "There was a sacrificial bowl on the platform too, with a sacrificial twig shaped like a priest's aspergillum for the blood of animals killed as offerings to the gods to be sprinkled from the bowl." (Palsson / Edwards). Die Übersetzer sehen jedoch in dieser Ausgestaltung eine sehr zweifelhafte heidnische Realität. Simek weist aber darauf hin, daß die hlautteinar tatsächlich Losstäbe waren. Auch Maier schreibt zu dieser Überlieferung: "Tatsächlich handelt es sich dabei aber wohl nur um eine phantasievolle Rückspiegelung in Anlehnung an den christlichen Gebrauch von Sprengwedel und Weihwasser."
Andererseits führt Beck aus, daß es mit "sóa" noch ein weiteres Wort für Opfern gebe. Interessanterweise werden blóta und sóa in Hávamál 144 in den berühmten "Weißt du"-Fragen verwendet, nämlich biðja in einer Zeile mit blóta (also Bitten und Opfern) und in der nächsten Zeile senda und sóa (Senden und Opfern (Simrock: Tilgen, Genzmer: Schlachten)). Auf diese Genzmersche Übertragung als 'Schlachten' stellt Beck ab, wenn sie ausführt, daß sóa das blutige Opfer bedeutet, blóta hingegen das Opfern allgemein. Das wiederum müsse nicht bedeuten, daß blóta kein Tieropfer beinhalte, denn es gebe in anderen (vorderasiatischen) Kulturen auch das unblutige Töten von Opfertieren, z.B. durch Erdrosseln und Ersticken. Hier scheint es mir interessant, auf Moorleichenfunde hinzuweisen, bei denen man noch eine Erdrosselung nachweisen (vermuten) kann, z.B. beim Mädchen von Yde [de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4dchen_von_Yde] oder dem Mann von Windeby (Windeby II) [de.wikipedia.org/wiki/Mann_von_Windeby]. Auch das Ertränken der Sklaven, die beim Hertha-Umzug dabei sind, wäre solch ein unblutiges Menschenopfer. Wichtig ist, daß sóa nur an wenigen Stellen der altnordischen Literatur belegt ist, dort aber mit blutigem Töten in Verbindung steht. Später trat eine Bedeutungsänderung von sóa in 'verschwenden' ein.
Gleichwohl wird im Falle eines blutigen Opfers das Blut des Opfertieres aufgefangen worden sein, da es eventuell zur Weissagung diente, wie es aus frühgermanischer Zeit bekannt ist.
Ein Heide, der den alten Göttern opferte, hieß blótmaðr, das Opfern nannte man blótskapr (Opferschaft) oder blótdomr (Opfertum).
Bei der Verwendung der althochdeutschen Ausdrücke für das Opfer (und ihren Entsprechungen in lateinischen Quellen) läßt sich erkennen, daß das Trankopfer (bluostrar) von der Opferung sonstiger Gaben (gilt) abgetrennt war.

Sommerlager 2005 Österreich

Somit bleiben als Blot-Bestandteile das Opfern eines Tieres, vielleicht das Röten / Färben (eines Altars?) mit dessen Blut und das rituelle Opfermahl (Blotveizla), das man je anch (christlicher) Quelle als überschwengliches Gelage bezeichnen kann. Dabei wurde dann das Fleisch der Tiere verzehrt, die man geschlachtet hatte. Der gemeinsame Verzehr ließ eine "heilige Gemeinschaft" zwischen den Menschen und ihren Göttern entstehen. "Das Blut des Opfers war der Kitt, der das Volk mit sich und der Gottheit zusammenband." (Baetke)
Beim Opfermahl gab es eine feste Sitzordnung, bei der der Hausherr auf einem Hochsitz (spezieller Stuhl) am Kopfende der Tische saß, die man wohl nur zum Essen in die Mitte stellte.
Das Tieropfer als solches hat das Heidentum mit anderen Religionen gemein, so war es auch Bestandteil im frühen Judentum und im Islam hat es sich bis heute erhalten: "Im Islam überlebte das Tieropfer in seiner ursprünglichen Form. Das Opfer vieler tausender Lämmer, Ziegen oder anderer Tiere ist eine der abschließenden Handlungen der Haddsch (Pilgerfahrt), die gleichzeitg von Moslems aus der gesamten Welt durchgeführt wird." (M. Strmiska, Herdfeuer 17, Eldaring)
Auch (ritueller) Tanz (got. laiks, mhd. leich, angels. lac) und Gesänge werden das Opfern begleitet haben. Gregor der Große schreibt über die Langobarden, daß sie ein "carmen nefandum", ein verabscheuungswürdiges Lied, gesungen hätten. Auch im Indiculus superstitionum et paganiarum wurde auf 'Gesänge' eingegangen (Text nicht erhalten). So berichtet auch Adam von Bremen in seiner Schilderung des Opfers in Uppsala, daß Gesänge angestimmt wurden, die aufgrund ihrer "Unanständigkeit" mit Stillschweigen übergangen werden sollten. Unter Hinweis auf die finnischen / samischen Lehnwörter luotte, luote (Zaubergesang) meint Beck, daß das germanische Blót auch mit Gesang verbunden war.

Geopfert wurden z.B. Schmuck- oder Gebrauchsgegenstände oder Waffen (Waffenopfer), die man auch absichtlich unbrauchbar machte und dann in einen See oder in ein Moor warf. In einem Moor bei Nors / Jütland fand man ca. 100 Miniaturschiffe, die dort wohl mit der Bitte um gute / sichere Schiffahrt versenkt worden sind. In den Niederlanden fand man etliche Wikingerschwerter in Flüssen, was am ehesten so erklärt werden kann, daß diese Waffen dort geopfert (ins Wasser geworfen) wurden (Willemsen). Man opferte aber auch Tiere oder Teile davon als Speiseopfer. Gerade die in die Jungsteinzeit bzw. Bronzezeit datierten Gefäßfunde mit Tierknochen deutet man als Überreste einer kultischen Mahlzeit.   Trankopfer werden auch heute gemacht, ebenso sonstige Gegenstände. Menschenopfer gab es in heidnischer Zeit auch; dabei fällt aus archäologischer Sicht auf, daß es sich meist um recht junge Individuen handelte, die wahrscheinlich nicht natürlich starben (gelegentlich kann man Strangulation nachweisen). Vergleicht man die Anzahl der gefundenen Moorleichen mit der geschätzten Bevölkerungsdichte, dann wird deutlich, daß Menschenopfer besondere Ausnahmen waren. (Schaut man sich jedoch die neuen Knochenfunde am bereits lange bekannten Mooropferplatz Illerup Ådal an, dann müßte man diese Aussage überdenken.) Die Germanen haben nicht ständig jemanden geopfert oder hingerichtet, was auch Baetke offenbar so einschätzt, wenn er schreibt: "Es kann kein Zweifel sein, daß das Menschenopfer die größte und feierlichste der germanischen Kulthandlungen war." Auch Simek untermauert dies mit Hinweis auf das Skedemosse-Moor auf Öland, in dem vom 1. - 5. Jhd. u.Z. geopfert wurde - aber in diesem Zeitraum "nur" 38 Menschen, von denen einzelne offenbar Spuren von Kannibalismus zeigen. Simek hält diese Zahl für den Zeitraum als geringe Opferzahl, die mit Krisensituationen oder in längeren Abständen stattfindende Großfeiern verbunden sein könnte.
So muß man bei Umfang und Art der Opfergaben sicherlich auch nach dem Festanlaß fragen. Man kann von kleinen, persönlichen Riten, Sippenfeiern und Stammeszusammenkünften ausgehen. Bei ersteren wurde dann evtl. ein kleines Speiseopfer dargebracht, bei zweiteren ein Tier geschlachtet und bei letzteren größere Opfer - bis hin zum Menschenopfer.

Geopfert wurde an einem hörgr, was im weiteren Sinne von Altar gedeutet werden kann.

Eine gute Übersicht über Opferhandlungen von Germanen und Slawen gibt Müller-Wille. Danach läßt sich zunächst einmal (für den südskandinavischen Raum) eine zeitliche Veränderung in der Art des Opfers feststellen. Für die Zeit von 500 v.u.Z. bis 500 u.Z. sind viele "Fruchtbarkeitsopfer" belegt, also Tierknochen, Tongefäße (ehedem mit Inhalt) oder auch anthropomorphe Holzidole. "Menschenopfer" (im Sinne von gefundenen Menschenknochen) sind durchgängig belegt. Die Sitte, Heeresausrüstung niederzulegen (also wohl Kriegsbeute), kam nach der Zeitenwende auf. Erst spät (ab ca. 500 u.Z.) finden sich dann auch Goldblechfigürchen und Brakteaten, die also u.U. einen monetären Wert darstellten.

Generell kann man einige Übereinstimmungen in der Opferpraxis feststellen, die keineswegs durchgängig belegt sind, aber doch eine gewisse Häufigkeit haben.
Demnach sind viele Opfergaben in offene Gewässer gegeben worden, die erst später verlandeten / vermoorten. Dazu fuhr man eventuell mit einem Boot hinaus aufs Wasser, warf die Gaben vom Ufer aus hinein oder baute eine Art Plattform auf Pfählen.
Die Opfergaben - besonders Kriegsausrüstung - wurden häufig vorab zerstört. Vielleicht hat man gerade Kriegsbeute unbrauchbar gemacht, so eine Art nachträgliches "dem Feinde die Waffe stumpf machen".
Eine andere Sitte läßt sich gut belegen: Man warf Steine in diese Opferseen - nachdem das eigentliche Opfer versenkt war. Im Ejsbøl Moor in Südjütland fand man mehrere tausend faustgroße Steine.

Es sei auch noch auf Ibn Fadlans Reisebericht hingewiesen, in dem er ein Opfer der Rus (ehem. schwedischer Wikinger) beschreibt. Demnach knieten diese sich vor einem Holzidol nieder, sprachen ein Gebet (in dem sie u.a. ihre mitgeführten Waren aufzählten), legten Opfergaben nieder (Brot, Zwiebeln, Milch, Fleisch, Bier) und baten um eine Gegengabe, z.B. daß die Götter einen reichen Kaufmann senden möge, der ihnen die Waren abkaufen würde (nach Willemsen).

Das Sumbel / Symbel

Vom indogermanischen *ghutom leitet sich ab: "etwas, das Trankopfer erhält". Somit kann man u.U. Trankopfer als älteste Form des Opfers ansehen. Die Beschreibung eines formalisierten Trankrituals stammt ebenfalls aus der oben schon erwähnten Hákonar saga góða 14. Der Becher (full) wird geweiht und der erste wird dann auf Odin getrunken. Der zweite Becher wird auf Njörd und Freyr getrunken (til ars ok fridhr), dann wird der bragafull getrunken ('Häuptlingsbecher'), wobei dessen Bedeutung nicht klar zu deuten ist (evtl. Bezug zu einem berühmten verstorbenen Ahnen). Zum Schluß kommt der Minni (Gedächtnistrunk), der Trunk für die verstorbenen Ahnen. Simek sieht in diesem Trinkritual keine heidnische Sitte; mit Verweis auf Werke von Düwel und Walter meint er, daß "beide Darstellungen allzu offensichtlich eine phantasievolle Rückverlängerung christlicher Liturgie auf die heidnischen Bräuche" sind und "daher nur sehr geringen Quellenwert" haben. Generell wird die Durchführung des Sumbels im genannten Sinne allerdings von modernen Vertretern der Alten Sitte meist übernommen.
Wenn das Sumbelgetränk speziell zum Anlaß zubereitet wurde, dann sprach man z.B. von Kindsbier, Brautbier, Julbier oder Erbbier (Fischer-Fabian). Wer sich mit dem Sumbel ausführlicher beschäftigen möchte, sollte sich den Abschnitt darüber in Gundarssons 'Our Troth' durchlesen oder den deutschsprachigen Text von Pileatus. Wichtig ist, daß man die Worte, die man beim Sumbel spricht, gut überdenken sollte, denn sie gelten als "öffentliche Eide", die alle bezeugen können, die am Ritus teilnahmen. Paxson schreibt: "What is said in sumble is recorded in the Well of Wyrd and should be treated accordingly." Bauschatz schreibt über das Sumbel:

"The act of drinking takes place in the presence of the act of speech, each partaking of the fact of the other; in such activity, the power of all other actions is brought to bear upon the ritual moment and fixes it within the ever-evolving interrelation of all present actions with the past. This combination of words, their denoted actions, and the semantic elements of the drink and cup repeat the whole act of the continual speaking of the ørlog and the nurturing of the tree Yggdrasil, the central activities of the Norns. If this action is indicative of the power and presence of the past in the world of men, then here also the ritual words spoken become part of this past. They disappear into the drink; as it is drunk, the speaker of the speech, his actions, and the drink become one, assuring that all now have become part of the strata laid within the well."
   [Bauschatz]

"Unn übernahm ihren Anteil an den Vorbereitungen: Sie braute den Met, wie sie es vor den großen Festen der Sippe zu tun pflegte. Das war für sie das Wichtigste - der Trank, der die ganze Kraft und den ganzen Willen des Geschlechts in die Herzen und Adern seiner Angehörigen goß. [...] Die Kraft des Metes machte, daß, wie sie in festgeschlossenem Ring dastanden, sie denselben Blutstrom wärmend und lebenspendend durch ihrer aller Adern rinnen fühlten, so daß auch ihre Gedanken auf wunderbare Art mit Wemunds Gedanken zusammenklangen ..."
   [Åkerhielm, 'Wemunds Rache']

Tongefäß aus Haithabu

Rituale heute

Heutige Heiden halten sich meist an die Vorgaben, wie sie oben zu Blot und Sumbel dargestellt wurden. Ich habe ein typisches Blot mit kurzem Sumbel auf einer separaten Seite dargestellt.
Heutige Opfergaben sind meist Speise- und Trankopfer, man kann aber auch andere Dinge opfern, persönliche Gegenstände, deren Opferung einem wirklich etwas bedeutet. Das steht in der historischen Tradition der Schmuck- und Waffenopfer.
Tieropfer werden eigentlich nur von denen dargebracht, die tatsächlich noch in bäuerlicher Art leben und Tiere halten - oder eben von Jägern. Es gibt vereinzelt Bemühungen, das Tieropfer wieder in die heidnische Praxis einzuführen, aber da das Thema doch sehr tabuisiert ist (im Gegensatz z.B. zum Schächten bei anderen Glaubensrichtungen), hört man dazu wenig. In der Zeitschrift Herdfeuer (Eldaring, Heft 17) findet sich zum Tieropfer ein guter Artikel von Michael Strmiska. Darin wird v.a. auf die kraftvolle Erfahrung beim Tieropfer verwiesen und darauf, daß gerade dieses Opfer der vitalste Link zur Religion unserer Ahnen ist. Umgekehrt bemerkt Diana Paxson richtig: "Since we no longer count our wealth on the hoof, it is the cut of meat and the age of the drink that determine the expense, and thus how much of a 'sacrifice' it will be to offer it."
Menschenopfer sind eher nicht die Regel. :-) Man muß sich vorstellen, daß die Basis für Menschenopfer in heidnischer Zeit eine Einstellung war, die das menschliche Leben nicht als grundsätzlich unantastbar, sondern im Notfall als Opfer für die Gemeinschaft verfügbar bzw. das Leben als angemessene Strafe für eine begangene Tat ansah. Die Anerkennung der "Menschenrechte" durch demokratische Staaten in heutiger Zeit steht einer solchen Auffassung diametral entgegen. Über den Sinn braucht man nicht zu diskutieren, da der status quo unantastbar ist.
Natürlich hat sich auch der Festanlaß verändert. Bittopfer um gute Ernte sind für bestimmt über 90% der modernen Heiden nicht mehr nötig. Heute gibt es daher auch Dankopfer oder einfach "Gedächtnisfeiern" für die Götter.
Erwähnen kann ich noch, daß manche auch ein Alben- oder Disenopfer machen, sozusagen ein kleines, privates Opfer an die Wesenheiten der niederen Mythologie.

Ebenfalls häufig wurde bereits thematisiert, ob ein Sturmgott wie Wotan, der früher offenbar Menschenopfer erhielt, nun mit den Opferkeksen der Neuheiden zufrieden ist (s. dazu auch diesen Artikel). Hier wird ganz radikal das Gottesverständnis angesprochen. Wenn ich davon ausgehe, daß die Götter heute wie damals existieren, dann muß ich konstatieren, daß ich einem Gott wie Wotan nicht mehr adäquat opfern kann. Manche Asatruanhänger biegen sich das so zurecht, daß sich die Gottheiten von damals auf heute "geändert" hätten und daß somit Wotan keine Menschenopfer mehr wolle. Nun ja ... das ist Selbstbetrug.
Ich will hier postulieren, daß die Opfergabe dem Wesen der Gottheit entsprechen sollte. Fruchtbarkeitsgötter erhalten also Kekse und andere Nahrungsmittel. Wotan ist sicher auch mit symbolischen Gaben zufrieden, aber sie müssen für den Opfernden eine Bedeutung haben, die idealerweise beim Opfervorgang mit einem Verlustgefühl einhergeht. Wenn ich z.B. auf einer Urlaubsreise nur eine begrenzte Menge Pfeifentabak dabei habe und davon 50% für Freyr opfere, dann ist das u.U. eine Verlusterfahrung. Wenn ich an einem stürmischen Tag einen anstrengenden Langlauf mache, bei dem ich mich verausgabe, dann kann ich mich Wotan weihen und dadurch meine Verausgabung und meinen Durchhaltewillen dem Gott "schenken". Kampfsportler z.B. könnten sich vor Kämpfen dem Donar weihen. Tieropfer (mit den bei den Ritualgrundlagen genannten Einschränkungen) sind sicher auch einem Gott wie Wotan angemessen.

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 25.01.2016 | Urheberrecht beachten!