Hertha • Nerthus • Erþo

(Terra Mater)

"Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah der Priester darin das Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die Umfahrt, welche den Lenz einbrachte und die Gefilde mit Fruchtbarkeit segnete."
   W. Golther

Allgemeines

Nerthus

Beginnen wir mit dem Namen "Nerthus": Nerthus, das ist Mutter Erde. So beschreibt Tacitus diese Göttin, über die man sich sehr gut bei Britt-Mari Näsström informieren kann, in seiner Darstellung der germanischen Stämme. Nerthus erscheint dort als Fruchtbarkeitsgöttin, deren Heiliger Hain auf einer Insel im Meer liegt. Der Umzug von 7 ingwäonischen Stämmen in einer Kultgemeinschaft im Frühjahr ist fruchtbarkeitsmagisch zu deuten.

Näsström versucht den Namen der Göttin aus den folgenden Sprachen herzuleiten:
indogermanisch ner- = männliche oder erschaffende Kraft
keltisch: nerthos = Kraft
griechisch: nerteroi = aus der Unterwelt
sanskrit: nart = Tänzer (auf rituelle Tänze verweisend)
litauisch: nerti = (ein-)tauchen bzw. nerseti = spielen

Fehu

Bei Hasenfratz (S. 106) und de Vries (§ 448) läßt sich außerdem noch folgende Deutung finden: Nerthus kommt von ner-: 'unten', zur Unterwelt gehörend, was sich noch im althochdeutschen Wort nërthrîche = in ërthrîche (im Erdreich) findet. Die Erklärungsansätze "unten" und "Unterwelt" passen zur Erdgöttin.

Die Wurzel ner- steckt auch im Namen des altisländischen Gottes Njörðr, der die Entsprechung zu Nerthus darstellt. Es stellt sich hier die Frage, inwieweit Nerthus und Njörd identisch sind. Wie ich schon auf meiner Freyr-Seite dargelegt habe, sind Freyr und Freya Kinder des Meeresgottes Njörd. Da die urgermanischen u-Stämme im Femininum und Maskulinum gleich lauten, könnten Nerthus und Njörd sprachlich identisch. Die Frage ist nun, ob Nerthus die weibliche Verkörperung von Njörd ist (auch im mythologischen Sinne von Schwester) oder ob Nerthus gar androgyn zu denken ist. Die "Schwester-These" vertritt Hasenfratz, wohingegen Amstadt vermutet, daß Nerthus der Name eines Paares ist, das im patriarchalischen nordgermanischen Glaube zum Gott Njörd wurde. Auch De Vries ist der Meinung, daß Fruchtbarkeitsgottheiten ein androgynes Konzept hatten und daß sie sich regional unterschiedlich in eine männliche oder weibliche Gottheit entwickeln können. Dazu passen würden die Nameserklärungen, die auf eine männliche, erschaffende Kraft hindeuten. Nerthus wäre dann die mit gleichen Attributen ausgestattete Gefährtin dieses Gottes.

In seiner mythischen Erzählung "Das letzte Nerthusfest auf Helgoland" beschreibt Schulze-Berghof Njörd und Nerthus als Götterpaar, als Gott und Göttin.

Die im Zweiten Merseburger Zauberspruch erscheinenden Vol und Volla, deren Namen auf eine Beziehung zur Fruchtbarkeit schließen lassen, deuten darauf hin, daß eine Relation Nerthus - Vol - Volla zu Njörd - Freyr - Freya erlaubt sein kann. Interessant ist der Hinweis Åke Ström, daß sich in Schweden einige Ortsnamen von einer weiblichen Njörd ableiten!

Fol ende Uodan uuorun zi holza.
du uuart demo Balderes uolon sin uuoz birenkit.
thu biguol en Sinthgunt, Sunna era suister,
thu biguol en Friia, Uolla era suister,
thu biguol en Uodan, so he uuola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki,
sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin!"
Vol und Wodan ritten in den Wald.
Da verrenkte sich Balders Fohlen einen Fuß.
Da besprach ihn Sindgund (und) Sunna, ihre Schwester,
da besprach ihn Frija (und) Volla, ihre Schwester,
da besprach ihn Wodan, so gut wie (nur) er es konnte:
wie die Verrenkung des Knochens, so die des Blutes,
so die des ganzen Gliedes!
Knochen an Knochen, Blut zu Blut,
Glied an Glied, als ob sie zusammengeleimt wären!
Zweiter Merseburger Zauberspruch (vor 750 u.Z.)

Hertha

Aber ist "Nerthus" überhaupt der richtige Name dieser Göttin? Ein grundsätzliches Problem bei diesen Spekulationen ergibt sich daraus, daß Nerthus nur eine Form dieses Namens ist, der in Germania-Handschriften auch ganz anders wiedergegeben wird, z.B. als Nerthum, Neithum, Verthum, Hertha. Wäre Nerthus definitiv die falsche Schreibweise, dann wären alle Mutmaßungen in obigem Sinne eben auch falsch - zumindest müßig.
In diesem Sinne schreibt Lotte Motz (zit. nach Lund): "There are, in fact, reasons why the equation Nerthus-Njorðr should be questioned. Nerthus, i.e. nertum, is only one of several forms transmitted by the manuscripts: the others are necthum, neithum, herthum, Neherthum, Verthum. The variant nerthum was chosen by Grimm because it corresponds to Njorðr."
Demzufolge basiert unsere heutige Verwendung des Göttinnennamens Nerthus auf der Auswahl, die Grimm getroffen hat...
Für (H)ertha ((h)ertham) spricht die Gleichheit mit urgerman. ertha, got. airþa, ahd. erda = Erde. In weiteren Sprachen: Eorðe (ae.), Irthe (afr.), Erða (as.), Hreda (bei Beda). Lund meint, daß ertham mehr für sich habe als nerthum. Es sei jedoch hinzugefügt, daß etliche Forscher, so z.B. Much, 'Hertha' als Erfindung ansehen. Nach Much bietet die Überliefung keinen Anlaß zu Zweifeln (an Nerthus).
Die Personifizierung der Erde im Norden heißt Jord (Jörð) und wird als Thors Mutter verstanden. Thor heißt Jarðar burr oder Jarðar sunr (Sohn der Erde). Hierdurch wäre auch der direkte Bezug zum Angelsächsischen Flursegen gegeben, in dem es heißt:

"eorðan ic bidde and upheofon...
Erce, Erce, Erce, eorðan modor...
Hal wes þu, folde, fira modor!"

"die Erde bitte ich und den Himmel...
Erce, Erce, Erce, Mutter Erde...
Heil sei dir, Erdflur, Mutter der Männer!"

In der jüngsten Zeit ist man daher weitgehend der auch von Gardenstone vertretenen Meinung, daß es sich in der Tat bei 'Hertha' um den richtigen Gottesnamen handelt. Andererseits geht Schwarz davon aus, daß Tacitus die Angaben zum Semnonenhain und den Nerthusbund von der semnonischen Seherin Ganna haben könnte, die er in Rom befragen konnte. Würde diese Annahme stimmen, wäre sie ein gewichtiges Argument für die Namensform Nerthus.

Der damalige Hammaburg-Herd des Vereins für Germanisches Heidentum e.V. stellte ein Nerthus-Idol im Wald auf (siehe auch hier):

Die Hertha-Prozession

Tacitus schreibt in seiner Darstellung der suebischen Stämme, hier vor allem der die Ostsee bewohnenden Aviones, Reudigni, Angli, Varini, Eudoses, Suardones und Nuithones:

"... daß sie gemeinsam die Nerthus - das ist die Mutter Erde - verehren und glauben, sie nehme an dem Leben der Menschen teil und komme zu den Stämmen gefahren.
Auf einer Insel im Ozean steht ein heiliger Hain, und in ihm befindet sich, mit einem Tuche zugedeckt, ein geweihter Wagen; nur der Priester darf ihn berühren. Er merkt es, wenn sich die Göttin in dem Heiligtum eingefunden hat, und geleitet sie unter vielen Ehrenbezeugungen, wenn sie - von Kühen gezogen - (durch das Land fährt). Dann gibt es Freudentage, und festlich geschmückt sind alle Stätten, die die Göttin ihres Besuches und ihres Aufenthaltes würdigt. Man zieht dann nicht in den Krieg, ergreift die Waffen nicht, sicher verwahrt liegt alles Eisen. Frieden und Ruhe kennt und liebt man freilich nur dann und nur so lange, bis derselbe Priester die Göttin, die des Umgangs mit den Sterblichen müde geworden ist, ihrem heiligen Bezirk wieder zurückgibt. Dann werden Wagen und Decke und, wenn man dem Glauben schenken will, die Gottheit selbst in einem versteckt gelegenen See abgewaschen. Hilfsdienste leisten dabei Sklaven, die alsbald derselbe See verschlingt. Ein geheimer Schauder umgibt daher den Brauch und eine heilige Scheu, zu erkunden, was das wohl sein mag, was nur Todgeweihte zu Gesicht bekommen..."
   Tacitus

Wo sich das erwähnte Heiligtum der Nerthus befunden haben soll, ist bis heute unklar. Höchstwahrscheinlich ist es auf einer der Ostseeinseln zu lokalisieren, die meisten Forscher gehen hier von Rügen aus, wo es im übrigen ja auch einen Hertha-See gibt. Ernst Künzl macht dazu folgende Überlegung:

Nerthus war auf einer Ozeaninsel zu Hause, was ja nur eine Ostseeinsel heißen kann. Dabei kann man an eine der südlichen dänischen Inseln denken, z. B. an Falster oder an Lolland, den Ort des Fürsten von Hoby. Wahrscheinlicher ist freilich eine der nahe an der deutschen Ostseeküste gelegenen Inseln, also Fehmarn, Rügen oder Usedom. Wegen des Hains und des Sees sollte es schon eine Insel nicht ganz kleinen Zuschnitts gewesen sein. Dass Rügens Kap Arkona ein zentraler slawischer Religionsort im frühen Mittelalter war, mag man als Kontinuität ansehen. Zwar war der Gott Svantevit des slawischen Arkona ein Mann, aber auch der Kultschutzbund der slawischen Lutizen erinnert an den 1000 Jahre älteren Kultverband der Nerthusverehrer. Eine Nerthushainlokalisierung auf Rügen oder auf Fehmarn löst auch ein technisches Problem: Nerthus wird auf einem von Kühen gezogenen Kultwagen gefahren. Eine Überfahrt von der Insel auf das Festland war notwendig, was von den beiden deutschen Inseln leichter als von den entfernten dänischen zu bewerkstelligen war.

Zum Umzug (s.a. Kultprozessionen) ist zu sagen, daß er auf einem Wagen stattfand, der eventuell auch die Form eines Schiffes nachbildete (Car navale = Karneval). Somit läßt sich erklären, woher der Brauch kommt, prächtige Wagen zu bauen und in einem Karnevalsumzug durch die Stadt zu führen. Wir erleben hier das Relikt eines alten Fruchtbarkeitsumzugs, bei dem die Göttin über Land geführt wurde, um den Feldern Fruchtbarkeit zu bringen. Begleitet wurde die Göttin von einem Priester. Es kann vermutet werden, daß Priester und Göttin eine "heilige Hochzeit" (hieros gamos) eingingen. Dazu ist aber nichts genaueres bekannt. Man kann hier auf den Sonnenwagen von Trundholm verweisen, auf dem eine Sonnenscheibe dargestellt ist. Tacitus beschreibt, daß die Göttin Friede und Stille (pax et quies) bringt. Das ist eine "vanische Eigenschaft", die auch Freyr oder dem mythischen Idealkönig Frodi zugeschrieben wird (til árs ok friðar - für gutes Jahr und Frieden). Interessanterweise besitzt auch Freyr als mutmaßlicher Sohn der Nerthus das legendäre Schiff Skíðblaðnir – ein Zusammenhang ist gut möglich. Den von Tacitus beschriebenen See kann man auch als Eingang zur Unterwelt deuten: Die Göttin ruht dort in den Wintermonaten und kehrt im Frühling aus dem Schoß der Erde zurück.
Im Reallexikon der germanischen Altertumskunde (Beck et al., Bd. 25) findet sich: "Einige Gelehrte machen geltend, daß die dän. Moorleichen, das 'Göttinnenbild' aus dem Moor bei Viksø und der Wagen von Dejbjerg die bei Tacitus genannten Rituale stützen."

Es ist möglich, dass Tacitus bei der Beschreibung dieses Ritus an hellenistische und vorderasiatische Kulte wie die Umzüge der "Magna Mater" Kybele und ihrem Gatten Attis oder die Olympischen Spiele mit dem berühmten Festfrieden Bezug nahm und seine Erwähnung der Stämme auf die griechischen Amphiktyonie ("in der Umgebung lebenden") anspielt.

Ein Hinweis auf ein germanisches Fest zu Ehren der Erdgöttin im Frühling findet sich bei Beda Venerabilis, der (nachdem er den April = Eosturmonath der Göttin Eostre / Ostara zugeordnet hat) über den März bei den Angelsachsen schreibt:

Der Hrethmonath ist nach ihrer Göttin Hretha (Hertha?) benannt, der sie in dieser Zeit opferten.

Bemerkenswert ist weiterhin, dass laut dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens der 17. März, der ja in etwa dem astronomischen Frühjahrsbeginn entspricht, als Tag der Heiligen Gertrude gilt, von der eine Bauernregel in einer Form berichtet, die leicht an die Vorstellung der Nerthusumzüge erinnert:

St. Gertraud führt die Kuh zum Kraut, 's Roß zum Zug, die Bain (Bienen) zum Flug.

So hat man dann auch in der Neuzeit noch viele Verbindungen zum Nerthuskult gezogen, von den Umzügen der Maikönigin bis hin zu kuriosen Geschichten von einer späteren Verlagerung des Kultes nach Zwickau mit kultischer Reinigung im dortigen Schwanenteich. Immerhin ist überliefert, dass die Synode von Cloveshoe 747 solche Umzüge als heidnisches Treiben verbietet – ein möglicher Hinweis auf ein tatsächliches Weiterleben dieses Ritus im Volksbrauchtum. Auch kennt man zu Ostern (und den folgenden Feste Christi Himmelfahrt und Fronleichnam) solche Prozessionen mit der Gestalt des christlichen Heilands. Ob sich bei einer solchen Prozession auch ein Abbild der Nerthus (z.B. ein Holzidol) im Wagen befunden hat, ist nicht selbstverständlich. Tacitus erwähnt jedenfalls keines, womöglich tut er dies aber auch nur, weil dies im Widerspruch zu seiner Aussage über ein Fehlen von bildlichen Götterdarstellungen bei den Germanen stünde.

Wir von Asentr.eu gehen davon aus, daß Hertha / Nerthus weiblich ist und als Verkörperung der "Mutter Erde" gesehen werden kann, was auch Régis Boyer aufgreift, wenn er die Große Mutter (Muttergöttin, Erdmutter) in ihre 3 Aspekte aufteilt: die Liebende (Freya), die Gemahlin (Frigg), der Tod / die Todesgöttin Hel.

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: F. Walz | Stand: 17.04.2015 | Urheberrecht beachten!