Altarformen einst und jetzt

Stallr und Hörgr

Einleitung

Altäre, die der erhöhten Ablage von Kultgegenständen dienen, waren schon in vorchristlicher Zeit bekannt. Sie wurden aus vorhandenen Naturmaterialien wie Stein, Holz oder Erde geschaffen und als Steinbau, Erd- bzw. Sodenaufschüttung oder Holzgerüst realisiert. Dies kann man sich beispielsweise sehr gut im Freilichtmuseum Opfermoor Niederdorla ansehen, in dem vor- und frühgeschichtliche Kultanlagen archäologisch untersucht und rekonstruiert worden sind. Im nordgermanischen Göttertempel (Blóthús, Góðahús) wurde der Altar Stallr genannt und hatte seinen Platz im Afhús. Dieser Teil des Kultgebäudes stellte eine Art Anbau dar, der zur kultischen Verwendung neben dem Stallr auch die Stafr (Holzidole, Götterbilder) beinhaltete. Als Tempelausstattung war der Stallr wohl in erster Linie für die aufgestellten Götterbilder vorgesehen.

Grundsätzlich werden auf dem Altar die Opfergaben den Göttern übergeben, soweit nicht andere Bedingungen wie beim Trankopfer vorliegen. Als Ort der Kulthandlung kann der Altar allein oder in einem heiligen Bereich (öffentlich oder privat) stehen und mit Götterbildern verbunden sein.

Material Bezeichnung Grundbedeutung
Holz
an. Stallr, Stalli
Gestell, Gerüst, Holzkonstruktion, Altartisch, auch häuslicher Kult
Stein
an. Hörgr, ae. hærg, hearg, ahd. Harug, Harg
Steinbau, Steinaufschüttung, Steinaltar
Erde
nicht überliefert
Erd- bzw. Sodenaufschüttung, Rasenplaggenaltar

Stallr - Altartisch und Kultgerüst

Stallr (oder Stalli) deutet, im Gegensatz zum Hörgr, auf eine Holzkonstruktion hin, die in unterschiedlichen Ausführungen in Erscheinung treten konnte. Den bereits erwähnten Stallr im Afhús eines Kultgebäudes wird man sich vermutlich als eine Art Tisch vorstellen können. Anders verhält es sich bei der Bauform des Tempels von Barger-Oosterveld in den Niederlanden, 1250 v.u.Z. (http://nl.wikipedia.org/wiki/Tempeltje_van_Barger-Oosterveld). Jan De Vries schreibt schon 1970 in seiner Altgermanischen Religionsgeschichte, daß aus der Bronzezeit Spuren von kleinen Holzbauten mit quadratischem Grundriß von etwa ein bis zwei Meter Seitenlänge bekannt sind, die als „Tempelchen“ angesehen werden. De Vries geht davon aus, daß die längere Dauer des Heidentums in Skandinavien eine Weiterentwicklung der ursprünglich primitiven Form ermöglicht hat. Dies lenkt die Aufmerksamkeit auf den wesentlich älteren, der Bronzezeit angehörigen Kultbau von Barger-Oosterveld, wo in einem Moor ein eigentümliches, von einem Steinring umgebenes Gerüst gefunden worden ist, das aus vier Eichenpfosten besteht, die oben durch einen Rahmen mit Horndarstellungen verbundenen sind. Dieses Gestell wird als Kultbau gedeutet. Ähnliche Anlagen im germanischen Gebiet sind aus dem Moor von Veggerslev in Jütland (bei Randers) bekannt, wo eine durch Holzpackungen und Pfähle befestigte Unterlage einen Opferplatz bildet. Eine andere Holzanlage wurde in Käringsjön (Halland), Schweden ausgegraben (jüngere Römische Kaiserzeit). Dies läßt, im Neolithikum beginnend, Opferplätze unter freiem Himmel erkennen, die durch Holzbauwerke als Kultanlage eingefaßt waren und einem Stallr entsprechen.

Bild: Kultanlage im Freilichtmuseum Opfermoor Niederdorla

In der Ynglingasaga (24. Frá Álfi ok Yngva) nennt ein Skalde einen schwedischer König "vörðr véstalls", Hüter des Tempelaltars. In vé-stallr kennzeichnet das zusätzliche Vé den Stallr als Altar (dem Heiligtum zugehörig). Hier könnte der Stallr speziell im Afhús des Göttertempels (also der Altartisch) gemeint sein.

Zusammengefaßt lassen sich zwei Arten eines Stallr unterscheiden:
a) Ein kleiner, mittlerer bis größerer Altartisch.
b) Ein Kultgerüst, das den Opferplatz umgibt und von etwa zwei Meter Höhe und Seitenlänge ist.

Beispiele für heutige Formen

Was die Gestaltung des Ritualplatzes und speziell des Altartisches betrifft, bin ich kein Freund bunter Batiktücher mit keltischen Motiven. Und ebenso wenig industriell gefertigter Ritualgegenstände und indonesischer Soar-Holzschnitzereien. Ich bevorzuge Objekte und Gestaltungsweisen von schlichter Natürlichkeit, die sich durch das Ausbleiben greller Farben und auffälliger Formen in die Umgebung des Kultortes einpassen. Hier möchte ich zwei Beispiele eines leicht transportablen Stallr vorstellen, der sowohl in freier Natur als auch zu Hause aufgestellt werden kann. Ich habe ihn so konstruiert, daß er zusammengelegt in einem Rucksack (Blótrucksack) verstaut wird.

Stallr - einige Beispielbilder

 

 

 

Hörgr - Steinaltar

Der altnordische Hörgr (plural Hörgar, ahd. Harug, ae. Hearg, daraus noch Ortsnamen wie Harrow, Harrowden, Harrowdown (nach Derolez)) zählt ebenfalls zu den religiösen Bauwerken, unterscheidet sich zum Stallr aber darin, daß er aus einer angehäuften oder aufgeschichteten Steinformation besteht (Grundbedeutung Steinhaufen). Ursprünglich darf er als natürliche Erhöhung, Opferstein oder Felsvorsprung verstanden werden. Ein auf dem Hörgr brennendes Feuer kann der Übergabe der Opfer dienen. Hörgr als 'Steinhaufen' kann bedeuten, daß man Steine aufschichtete und diese mit dem Opferblut bespritzte. Wenn der "Altar" nach dem Fest nicht verändert wurde, war das darauf verbleibende Blut Zeugnis des "Bundes" der Menschen mit den Göttern. Archäologisch sind diese Steinhaufen belegt. Anfang 2012 wurde in Südnorwegen ein Opferplatz gefunden, bei dem ein solcher Steinaltar einen Durchmesser von 15m (!) bei einer Höhe von einem Meter hatte. [aftenposten.no/nyheter/iriks/Fant-hedensk-helligdom-uten-sidestykke-6727104.html]

"Das Blut des Opfers diente als Mittel zur Verteilung der Heiligkeit. Es wurde über den Stein oder über den Steinhaufen - Stallr oder Hörg - am heiligen Ort gegossen." Grönbech

Zugleich ist es möglich, daß ein kultisches Gerüst den Ort umgibt. Wie schon erwähnt, kann ein Stallr auch als Einfassung einer Opferstätte fungieren. Hier nimmt der Hörgr die zentrale Funktion des Opferaltars ein, während er von einem Holzwerk eingerahmt wird (eingehegter Steinaltar). Zusätzlich ist auch vorstellbar, daß ein Hörgr als steinerne Einfassung für einen Stafr (Holzidol, Götterbild) Verwendung fand.

Bild: Diese einfache Skizze gibt vielleicht ein ungefähres Bild, wie so ein Hörgr mit Holzfassung grundsätzlich ausgesehen haben könnte.

Das erinnert ein wenig an die Rundheiligtümer, in deren kreisförmigen Zaunanlagen aus Haselruten sich verschiedene Objekte wie Kultstangen und Göttergestalten befinden (Opfermoor Niederdorla).

In diesem Zusammenhang finde ich die Kultstätten der heutigen litauischen und baltischen Religionsgemeinschaften (lv. Dievturi, li. Romuva) erwähnenswert. Über die Internetsuche stößt man auf viele interessante Fotos, die exakt den Vorstellungen eines Hörgr entsprechen. Ein großangelegtes Heiligtum mit einem Steinaltar im Zentrum und umlaufender Holzkonstruktion befindet sich in der Nähe von Moletai in Litauen. Es ist in dem Buch "Rasa - Götter und Rituale des baltischen Heidentums" von Jonas Trinkunas auf Seite 118 abgebildet. (Verweise: Buch, Bild des Heiligtums). Bei Interesse empfehle ich die Bildersuche unter dem Stichwort "Romuva". Aus Urheberrechtsgründen werde ich hier keine der Fotos abbilden, füge aber entsprechende Verweise an, denen man folgen kann:

 

Altnordischer Hintergrund

In Strophe 10 des Hyndlaliedes heißt es:

Hörg hann mér gerði hlaðinn steinum, nú er grjót þat at gleri orðit, (Hyndluljóð)

"Er baute mir einen Hörgr, aus Steinen geschichtet, nun ist dies Gestein zu Glas geworden", das heißt vermutlich durch die Opferbrände verglast. Ebenfalls werden in dem norwegischen Verbot des Kults von "haugar" und "hörgar" auf heidnischen Grabhügeln Altäre im Freien gemeint sein. In Grimnismál 16 (Grímnismál, Das Lied von Grimnir) ist die Rede von Njörðrs hátimbruðum hörgi, womit Njörds heilige Stätte gemeint sein. Die Völuspá Strophe 7 beschreibt, wie in der Urzeit die Götter auf den Idafelden hörgr ok hof hátimbroðo, also Hof und Heiligtum emporzimmerten.

Fazit

In germanischer Zeit wird es zwei Arten von Altären für Opfergaben und andere Kulthandlungen gegeben haben, einerseits Steinformationen, Steinaltare (an. Hörgr), andererseits Holzkonstruktionen (an. Stallr). Ortsnamen in Schweden wie Thorshälla (Thórshörgr) und Onsjö (Odenshög) weisen darauf hin, daß diese Orte noch in historischer Zeit dem Götterkult dienten. Daneben sind seit der Bronzezeit Holzgestelle bekannt, die eine Opferstätte mit einem Steinkreis umgeben.

 

Quellen

Beck, De Vries, Simek

 

Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: - | Weitere Autoren: - | Stand: 10.05.2015 | Urheberrecht beachten!