Anrufungen

Allgemeines

Régis Boyer geht davon aus, daß es bei den Wikingern keine Gebete im heute üblichen Sinn gegeben hat. Andere Autoren sehen das jedoch völlig anders. Wer christliche Gebete erwartet, die mit einem christlichen Gottesverständnis korrelieren, der wird allerdings enttäuscht sein. Das Verhältnis des Germanen zu seinen Göttern war anders: Er opferte ihnen, um Wohlstand und Wohlergehen zu erhalten. Seine Bitten waren nicht das "Gottvertrauen", das ein Christ an den Tag legen würde. Die Gebete der Germanen werden auf jeden Fall kein unterwürfiges Betteln gewesen sein. Die Germanen, so ist man versucht zu vermuten, haben doch eher ein wenig selbstbewußter den Kontakt mit ihren Göttern gesucht. Man kann davon ausgehen, daß die Gottheiten angerufen wurden - ich unterscheide die Anrufung auch inhaltlich vom Gebet. Sprachlich unterscheidet auch Steinbock, indem er den althochdeutschen Ausdruck "gibet" für den Bitteil des Rituals verwendet.

In der einfachsten Form kann die Anrufung das Nennen des Namens sein: "Wotan!" oder auch an alle Götter: "Ásaheill ok Vana!" (Heil den Asen und Vanen!)
Algiz Dann können es formalisierte Sprüche sein, die eventuell dem Begriff der "Stoßgebete" ähneln. Ob es in historischer Zeit ausgefeilte, lange Anrufungen gab, weiß ich nicht.
Für längere Anrufungen kann man die "Priesterhaltung" einnehmen, die der Rune Algiz entspricht. Man kann diese Haltung als historisch belegt ansehen: Tacitus schildert, daß die Germanen sich an ihre Götter wandten, indem sie gen Himmel aufblickten (es liegt nahe, daß sie dabei auch die Hände erhoben). Auf der Markussäule in Rom ist solch ein Germane abgebildet, der nach oben schaut und die Hände erhoben hat. Auch eine Bronzefigur eines betenden Germanen ist erhalten: der Germane kniet auf einem Knie und hebt die Hände zum Himmel.

Wie schreibt man Anrufungen? Nun, ganz einfach wie ein Gedicht. Wer es etwas näher am historischen Vorbild haben möchte, sollte sich mit der Verskunst der Germanen beschäftigen. Ein gleichnamiges Buch ist von Klaus von See erschienen. Auch in der vom Arun-Verlag herausgegebenen Jordan-Edda ist ein Kapitel (von Jordan) über den epischen Vers der Germanen und sein Stabreim. Weiterhin gibt es einen guten Text von Fritz Steinbock (OR).
Allerdings ist es am einfachsten, einfach drauflos zu sprechen. Wenn man die Augen schließt und den Geist auf die Gottheit lenkt, kommen die Worte von ganz alleine.

Diana Paxson hat eine Art Schablone für einfache Anrufungen vorgegeben:
Hail [best-known name of the deity and a descriptive epithet]
Child of [parent, if known], lover of [spouse, if known]
You who dwell in [hall]
You did [summarize one or more of the deity's deeds]
With your [characteristic tool or weapon]
Come swiftly to aid me [or, Come and be with us]
As I [summarize situation or problem]

Natürlich mag man sich fragen, ob das nicht doch ein wenig zu förmlich und steif ist.

Beispiele für allgemeine Anrufungen

Gesegnet sei mir, seliger Tag,
Seid mir gesegnet, Söhne des Tages,
Zusammen auch ihr gesegnet, ihr Schwestern
Erde und Nacht! Mit geneigten Augen
Seht uns hier sitzen und sendet uns Heil.

Götter und Göttinnen, gütig seid uns,
Gründet uns Glück auf der grünenden Erde,
Verleihet uns (beiden) Erlauchtgebornen
So lange wir leben geläufige Rede,
Hellen Witz und heilende Hände.
   [Sigrdrifumal (Jordan)]

Heil den Asen! Heil den Vanen!
Göttinnen und Götter unseres Landes und unserer Ahnen!
Himmel und Erde habt ihr geordnet,
Midgard erhoben und mit Heil erfüllt.
Ihr gebt Leben und Liebe, Lust und Kraft,
Willen, Weisheit und Wachstum der Welt.
So wie die Ahnen Euch ehrten, laßt es auch uns tun!
Für all eure Segnungen sagen wir Dank
Und vergelten Gabe mit Gabe.
Gewährt uns auch weiter, was wir erbitten,
Und lohnt unsere Treue mit Treue.
So war’s bei den Ahnen, so sei es bei uns.
Heil unseren Göttern!
   [F. Steinbock, 'Das heilige Fest']

Thor, dein Hammer sei mir Zeichen, Unheil und Verderben müssen weichen!
Hoch im Norden, dort wo Asgard liegt, Thor über das Unheil siegt!
Im Osten die Sonne erwacht, Tag für Tag nach jeder Nacht!
Der Hammer im Süden die Stätte weiht, heiliges Blót mit göttlich Geleit!
Im Westen beginnt die Nacht, doch Heimdall stehts über uns wacht!
Hört ihr hohen Götter, was ich von euch erbitte:
Schutz und Weihe für diese heilige Mitte!
   [Platzweihe von Ellen R.]

"Hail the Aesir and Vanir.
Hail the Norns. Hail Creation and Life.
Hail our noble ancestors, hail comrades and hail those yet to come.
Hail the spirits of the air, tree, stone, fire and water.
Hail the spirits of our land, and hail our holy Mother Earth.
Hail all that which is holy."
   [Book of Blotar; Odinic Rite]

"Ich trinke auf euch, all ihr Hohen, in Asgard, in Wanenheim, in den heiligen Bergen und in den Grabhügeln! Möge euer Segen Midgard erfüllen, und mögen eure Namen auf immer erinnert sein: Odin und Frigg, Thor und Sif, Freyr und Freya, Tyr und Eir, Njörd und Nerthus, Balder und Nanna, Ull und Skadi, Heimdall, Forseti, Fulla - und auch Loki, der für sein Lachen gepriesen sein soll, solange seine Lippen der Lüge verschlossen bleiben. All ihr Alben, Idisen und Landgeister, gebt Heil und Hilfe, ihr Segensreichen! Schaut wohlwollend auf mich und erleuchtet den Weg, auf dem ich wandere, denn es ist der Weg meiner Ahnen."
   [Gundarsson / Eldaring]

"Die Erde bitt ich und den Oberhimmel:
Erke, Erke, Erke Erdenmutter
Es gönne(n) der allwaltende ewige Herrscher (die allwaltenden ewigen Herrscher),
Daß die Äcker grünen und gedeihen,
Voll werden und sich kräftigen,
Er (sie) gönne(n) Garben
Und des Roggens Wachstum
Und des weißen Weizens Wachstum
Und aller Erde Wachstum -
Heil sei dir, Erdflur, der Irdischen Mutter!
Sei du grünend in Gottes (der Götter) Umarmung,
Mit Frucht gefüllt den Irdischen zu frommen."
   [Angelsächsischer Flursegen; nach Strobel, Änderungen V. Wagner]

"Den Rabengott ruf´ ich und alle Berater,
Odin und alle Asen und Vanen:
Gewährt uns Weisheit und heilsames Wirken,
Rede und Rat und richtige Runen,
Heil allen, die hier sind, und Heil ihren Sippen."
   [Fritz Steinbock; VfGH]

"Feuer des Feuers, Muspellheims Kind,
Verzehrer und Flamme, den Weisen zum Rat,
Freund in der Not und freudige Flamme,
bring Licht ins Dunkel, und Schutz in das Vé."
   [Feueranrufung, H.S.]

"Heilir Æsir, heilar Ásynjur, ok öll ginnheilög goð!
Heil euch, Asen, Asinnen, heil euch, und all ihr hochheiligen Götter!"
   [Lokasenna, im Original Spottanrede Lokis]

Anrufung zum Winterblot
(hochdeutsch / Holsteiner Platt)

Heil Euch, Ihr Asen, Wanen, Elben und Idisen!
Wir rufen Euch zum Winterblot und laden Euch zu Met und Brot.
Wir bitten Euch um Freundschaft und Frieden - für uns und unsere Lieben.
Möge Euer Schutz hier walten, bis das heilige Fest gehalten.

Heil ji, ji Asen, Wanen, Elben un Idisen!
Wie ropt ji too Winterblot un lod ji in too Met un Brod.
Wie beet ji um Fründschapp un Freeden - för us un usre Leeben.
Möch ji Schutz hier wolen, bett dat hillige Fest is holen.
   Heidenkätner, 6.12.03 in Haithabu

"Heil dir,
Sól! Sunna! Sonnengöttin!

Du, welche täglich über den Himmel hin zieht,
Du, Tochter des Mundilfari,
Du, Schwester des Mani
Und Gattin des Glenr.

Mögen dich deine Pferde
Schnell und heil über den Himmel tragen.
Mögest du immer dem Wolf entgehen
Und weiter, für [Name/uns/mich] leuchten, wärmen, scheinen.

HEIL!"
   [Folker]

Wir reinigen die Stelle, wir reinigen den Ort,
Hier wollen wir halten, unseren Blot'.

Das Schwert gehalten nach Osten, dem Bösen zu trotzen;
Das Schwert gehalten nach Süden, wider den Lügen;
Das Schwert gehalten nach Westen uns allen zum Besten;
Das Schwert gehalten nach Norden die Freiheit besorgen.

Das Schwert zum Himmel gehalten wo die Götter walten;
Das Schwert zum Boden gebracht,
wo es als Egge die Furche uns schafft!
   [© 2006 Andreas G. Wilsdorf]

Anrufungen am Morgen

"Heil Dir Tag! Heil Sunna und Jörd!
Heil allen Asen und Vanen
am Morgen dieses neuen Tages!
Euch bitt' ich um Kraft,
Wille und Sieg an diesem Tag.
Helft mir, meine Ehre zu mehren,
Schaden fernzuhalten
und mit Tatkraft meine Wyrd
und die meiner Sippe zu stärken.
Heil Euch, Begleiter!"
   [© V. Wagner]

Anrufungen am Abend

"Heil Euch Asen und Wanen,
euch Disen und Ahnen,
schützt unser Haus in der Nacht,
wenn alle schlafen, haltet ihr Wacht!
   [© V. Wagner]

"Heil Dir Nacht und leuchtender (verborgener ...) Mani!
Des Tages Werk ist getan,
heraufgedämmert der Abend,
Schweigen und Schwärze halten Einzug,
Midgard schweigt und sinnt.
Heimdall, Wächtergott,
Donar, Weihegott,
in Eure Hände geben wir uns
in der Zeit der Ruhe."
   [© V. Wagner]

 

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Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!