Götter und Menschen

Abstammung, Grundlegendes

Tacitus beschreibt die Abstammung der Germanen von ihren Göttern anders als es in den Eddas zu finden ist - dennoch gibt es Parallelen.

Nach Tacitus (Germania 2,9) gab es einen "erdgeborenen" Gott Tuisto, dessen Name "Zwitter" bedeutet. Man könnte hier vielleicht die Parallele zur nordgermanischen Vorstellung von Ymir ziehen. Tuisto hatte einen Sohn, der Mannus hieß. Mannus steht vermutlich einfach für "Mensch", siehe auch die Mannaz-Rune (altind. Manu, der erste Mensch).
Von Mannus sollen die 3 Hauptstämme (Kultgruppen) der Germanen abstammen: Die Hermi(n)onen (Irminonen) (Irmin = Tiu) an Ober- und Mittelelbe, die Ingwäonen (Ingwi = Freyr?) an der Nordseeküste und die zwischen Rhein und Weser siedelnden Istwäonen (Istwi = Wotan?, so auch Baetke; nach Herrmann aber Tiwaz-Istwaz) (Götterentsprechungen nach Büssem / Neher, Siedlungsgebietzuordnungen nach Mauersberger).
Diese Vater - Sohn - 3 Söhne Abfolge hat indoeuropäische Entsprechungen; z.B. entspricht Mannus dem altindischen Mánus.

Zum Teil wird die Herkunft auch auf ein göttliches Paar zurückgeführt. Bekannt sind die Alcis (aus Tacitus Germania), man könnte auch Hengist und Horsa (Angelsachsen, Jüten), Iþur und Aio, Aggi und Ebbi (Langobarden) oder Raus und Raptos (hasdingische Wandalen) nennen (nach Simek).

Auch in der nordischen Mythologie ist es so, daß der Mensch von den Göttern erschaffen wurde. Nach einer längeren Vorgeschichte (Urriese Ymir, Riesen, Götter; siehe Stammtafel / Welten) finden Odin und seine beiden Brüder Vili und Ve (Hönir und Lodur?) (vgl. 3 Mannus-Söhne!) zwei Baumstämme am Strand und gestalten daraus das erste menschliche Paar, den Mann Ask (Esche) und Embla (Ulme), seine Gefährtin. Es wird berichtet (Gylfaginning), daß Odin Atem und Leben gab, Vili Verstand und Bewegung und Ve Aussehen, Sprache, Gehör und Sehkraft. Bei Häny lautet das so: "Leben gab Odin, Geist gab Hönir, Wärme gab Lodur und frohe Farbe."
Achtung, folgender Unterschied ist wichtig: Ask und Embla wurden als erste Menschen erschaffen, die Götter Odin, Vili und Ve sind die Schöpfer. Der Gott Rig (Heimdallr? Odin?) aber, der umherwandert und mit Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten Kinder zeugt (Rigsthula), ist nicht der Erschaffer der Menschen, sondern der Stände der menschlichen Gesellschaft - selbst wenn man ihn mit Odin gleichsetzt!

Diese Weitergabe von "göttlichen Eigenschaften" bedeutet, daß wir Menschen von den Gottheiten abstammen. Wir leben auf einer anderen Ebene (sind aus "anderem Holz geschnitzt"), sind aber in gewisser Hinsicht eins mit ihnen. Auch die Erschaffung der Welten durch die Götter aus Ymirs Körper zeigt auf, daß durch dieses göttliche Einwirken alles mit allem verbunden ist. Diese Relation Menschen - Götter wird in der nordischen Mythologie sehr deutlich: Die Götter erscheinen keineswegas als unfehlbare oder moralisch besonders hochstehende Wesenheiten. Sie 'leben ihr Leben' und kümmern sich um ihre Belange. Sie kämpfen um ihr Dasein gegen die Riesen, verlieben sich und heiraten, verspotten sich und halten dennoch zueinander (na ja, von Loki vielleicht mal abgesehen).
Man muß sich nur mal das Harbarðsljoð zu Gemüte führen: Odin steht als Fährmann verkleidet an einem Flußufer, sein Sohn Thor kommt von einem kleinen Jagdausflug (mit Riesentöten) zurück und will nach Hause. Er bittet den Fährmann, ihn überzusetzen. Der falsche Fährmann weigert sich aber und verwickelt Thor in einen Dialog, in dem er klarmacht, daß Odin (er selbst) die Fürsten erhält, die im Kampfe fallen (die also nach Walhalla kommen), während sein Sohnemann Thor nur die Knechte erhält. Ich habe einmal gelesen, daß dieses Lied der Liederedda die 'Urfeindschaft' zwischen Magier und Krieger thematisiert. Auf jeden Fall ist der verbale Schlagabtausch der beiden zum Schmunzeln.

Diesen Göttern muß sich der Mensch nicht knechtig unterordnen, diese Götter versprechen keine "jenseitige Belohnung" für irgendetwas, kein "Reich", das nicht von dieser Welt ist. Die Götter leben in ihren Sozialstrukturen und die Menschen in recht ähnlichen auf Midgard. Die Götter sind keine Vorbilder, was z.B. ein friedvolles Miteinander usw. angeht. Moralische Forderungen stellen die germanischen Götter nicht, es ist aber sehr wohl möglich, sich an ihren Handlungen zu orientieren.

Interessant ist es auch, sich die Wirkungsbereiche und -weisen der Götter anzuschauen. Wenn man also um Fruchtbarkeit opfert, dann kann man sich z.B. an eine der drei Gottheiten Odin, Thor oder Freyr wenden. Jede dieser Gottheiten fördert Fruchtbarkeit auf andere Weise. Odin ist der Wilde Jäger, der den Saaten Fruchtbarkeit spendend lärmend im Wintersturm über die Felder jagt. Thor ist der Kämpfer, der aktiv Riesen verdrängt, die der Fruchtbarkeit der Felder schaden würden. Seine Gewitter beenden Dürreperioden und spenden langersehnten Regen. Freyr hingegen steht für ein langsames, fast unbeobachtetes Wachsen und Gedeihen im Schoß der Erde; auch für milden Regen. Alle drei Gottheiten haben Fruchtbarkeitsaspekte, aber keiner ist "DER" Fruchtbarkeitsgott.

Man beachte auch, daß die Götter nicht als vollkommene Wesenheiten dargestellt werden. Sie haben oft gerade in ihren "Spezialgebieten" Rückschläge hinzunehmen. Freyr muß Gerda erst mit Flüchen gefügig machen, Freya klagt um ihren verlorenen Mann Od, dem gerechten Tyr wird die Hand abgebissen, Odin verliert sein Auge für mehr Weisheit usw. Gerade diese Opfer / Rückschläge machen eine Annäherung an diese Götter einfacher als an einen vollkommen und allmächtig gedachten Gott.

"Das Heidentum charakterisiert sich nicht allein durch Merkmale wie sein aristokratisches Lebensideal und die heroische Haltung gegenüber den Konflikten des Lebens, seine Ethik, die sich auf die Ehre gründet (Schande statt Sünde), die Durchheiligung der Welt, die Bejahung der Körperlichkeit, der Gesundheit, der Sexualität, die Negierung der Jenseitigkeit - dies mag zutreffend sein, gewiß. Jedoch fordert die Frontstellung Monotheismus/Polytheismus nicht eine Debatte über die Anzahl der Götter, sondern über deren Qualität. Der zentrale Punkt ... ist daher die Frage, ob die Welt und das Sein nach dualistischen Kriterien zu beurteilen sind oder nicht. ...
Das Heidentum ... verwirft den Dualismus des gut oder böse, des falsch oder richtig, es überwindet sowohl die Trennung von Gott und der Welt wie die von Körper und Geist. Kein absolutes Entweder-oder, sondern ein duldsames Sowohl-als-auch. Die gegensätzlichen Positionen des christlichen Glaubens (gehorsam-hochmütig, schwach-anmaßend, demütig-selbstbewußt, etc.) ersetzt das Heidentum durch die kommunizierenden Paare edel-niedrig, ehrbar-entehrt, krank-gesund, mutig-feige, usw.."
   Björn Ulbrich

Gottesverständnis 

An open connection to the Gods is a prize worth struggling for, but it is one that is hard won.
In a world filled with moral relativism and situational ethics, it is also a gift easily lost."
   [G. Krasskova]

Die zentralen Punkte einer Religion sind ihre Götter, aber was sind Götter? Dies ist auch eine der wichtigsten Fragen, die jeder religiöse Mensch für sich klären muß.
Man kann sich dem Phänomen durch verschiedene Fragen nähern: Was sind die Götter? Wo sind sie? Wie nehme ich sie wahr? Welche Gestalt / äußere Form haben sie? Sind sie mit dem Land verbunden oder mit den Menschen oder mit beiden?

Exkurs: Wenn wir uns heute fragen, wie wir uns die Götter vorzustellen haben, dann macht es m.E. als erstes Sinn, einmal zu schauen, wie sich die früheren Menschen diese vorstellten. Kann man das überhaupt herausfinden? Das ist aus dem einen Grund nicht so leicht, da man zwar über Darstellungen verfügt, diese aber in fast beliebiger Weise deuten kann. Hier sind sicher zuerst die bronzezeitlichen Felsritzungen (z.B. in Schweden) zu nennen. Viele Bilder zeigen Personen. Die große Figur von Litsleby zeigt einen Mann, der einen Speer hält [Bild laden]. Dieses Bild ist immer wieder mit dem Gott Odin in Verbindung gebracht worden. Männer mit erigiertem Penis und Schwertern wurden als Freyr gedeutet. Wie auf der o.g. Seite erwähnt, kann man die Felsritzungen in einem religiösen Kontext deuten. Ob aber die große, über andere Ritzungen geschlagene Speergott-Figur einen Odins-Vorläufer darstellt, wird immer offenbleiben. Diesen Rückschluß beantwortet Derolez mit Verweis auf Dumézil mit 'ja'. Die indogermanischen Gottheiten müssen auch als in der Bronzezeit vorhanden verstanden werden. Bei Abbildungen der Sonnenscheibe (z.B. Sonnenwagen von Trundholm) muß dann ebenfalls überlegt werden, ob hier die Sonne als Prinzip oder als personifiziert gedachte Gottheit gemeint ist. Dann kennt man einige anthropomorphe Figuren aus Holz, die sich in Mooren erhalten haben. Von diesen dürfte das Paar von Eutin am bekanntesten sein. Auch hier gibt es bei der Deutung als Götter Probleme: Zum einen können historischen Menschen dargestellt sein, zum anderen muß man sich fragen, ob die Holzidole als solche verehrt wurden oder ob man sie als Darstellung abstrakter Gottheiten sah. Oder: wie deutet man die gehörnte Figur auf den Hörnern von Gallehus? Letztlich wird man versuchen müssen, aus literarischen, späteren Quellen auf diese frühen Abbildungen rückzuschließen. Beispiel: Wenn ein gotländischer Bildstein einen Reiter auf einem achtbeinigen Pferd zeigt, dann ist dieser Reiter ziemlich eindeutig als Odin identifizierbar. Als erste römische Quelle äußert sich Caesar dergestalt über die Germanen, daß sie nur Naturerscheinungen verehren. Dumézil hat versucht, diese Aussage mit bekannten Göttern zu vergleichen (Sol = Wodan, Vulcanus = Donar, Luna = Nerthus; nach Derolez), was aber sehr spekulativ ist. In Tacitus Germania hingegen wird darauf verwiesen, daß die Germanen sich die Götter generell nicht in menschlicher Vorstellung denken und diese auch nicht in Idolform (als Beispiel) in Tempel "einsperren". Neben Götternamen wird hier von einem "Geheimnis" gesprochen, das pantheistische Anklänge aufkommen läßt (s. dazu Gottesbegriff).

Fangen wir mit der psychologischen Ebene an: Man kann sich die Götter im Rahmen der Archetypen vorstellen, die der Psychiater Carl Gustav Jung beschrieben hat. Diese Archetypen sind allen Völkern eigene Urbilder, die sich tief wie ein Flußbett in die seelische Landschaft eingegegraben haben. "Man kann daher von einem Archetypus 'Wotan' sprechen, der als autonomer seelischer Faktor kollektive Wirkungen erzeugt und dadurch ein Bild seiner eigenen Natur entwirft." (C.G. Jung). Man muß die Archetypen als Medium verstehen, als Vehikel, um das Wesen der Götter zu beschreiben. Archetypus Wotan und Gott Wotan sind nach dieser Vorstellung nicht identisch - andererseits ist nicht gesagt, daß es 'hinter' dem Archetypus auch noch einen wesenhaften Wotan gibt. Archetypen funktionieren wie ein Radioempfänger: Wir sehen oder hören Radiowellen nicht, können sie aber mittels Radioempfänger hörbar machen. Wie ein Radio ist ein Archetypus zu verstehen - er kanalisiert und macht verstehbar.
Ähnlich vorsichtig muß man m.E. mit der Sichtweise des derzeit in Heidenkreisen beliebten Philosophen Reinhard Falter sein. Er schreibt beispielsweise: "Heute können wir die Götter als Benennung von Qualitäten verstehen, die wahrzunehmen den Menschen ausmacht. Einerseits können wir dann betonen, daß sie menschliche Geschöpfe sind, andererseits, daß die Menschen durch sie geformt sind." (R. Falter)
Falter unterscheidet zwischen der Erfahrungsreligion, in der die Götter "Konzeptualisierung von Erfahrungen" sind, und der Offenbarungsreligion, die auf Verkündungen beruht. Die Götter der Ersteren seien erfahrbar, so sei der "Flußgott" die "Gestalt gewordene Atmosphäre des Flusses" (Falter, a.a.O.), diese Atmosphäre sei als göttlich zu bezeichnen. Falter weiter: "In dem in mir aufsteigenden Zorn, im zähnefletschenden Wolf, im Schreien einer Menge, die die Todesstrafe für einen Terroristen fordert, und im angeschwollen daherbrausenden Wildbach erlebe ich die Qualität, die der Grieche Ares, der Römer Mars nennen würde".
Ähnlich wie bei Jung ist der Begriff "Götter" hier darauf reduziert, Mittler zu sein, sie sind "Benennungen der Grundcharaktere oder Grundgesten, die Natur und Menschenwelt, Landschaft und Seelenlandschaft miteinander verbindet. Nur was in der Natur (dem Außermenschlichen), im Psychischen (dem Innermenschlichen) und im Sozialen (dem Zwischenmenschichen) gleichermaßen vorkommt, ist ein Gott." (Falter, a.a.O.).
Falters Aussagen werden in heidnischen Foren gern so wiedergegeben, daß man im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen nicht an einen transzendenten Gott glauben muß, sondern daß man die Götter ja "ganz einfach" erfahren könne. Hier wird jedoch m.E. der Fehler begangen, die erfahrbaren Erscheinungen als wesenhaft göttlich zu interpretieren - und damit liegt man auf der Ebene von Falters Aussage, daß die Götter "menschliche Geschöpfe" seien (- auch wenn "außermenschlich" etwas wahrgenommen wird).
Letztlich empfinde ich den Begriff "Erfahrungsreligion" als im heidnischen Umfeld überstrapaziert. Vielleicht ist er so ein typischer Modebegriff, mit dem man am Ende des 2. Jahrtausends u.Z. das Unfaßbare faßbar machen möchte.

"We talk about the gods as höpt or bönd, meaning fetters or ties - they are the ones who bind us to our surroundings, and we are tied and bound to the gods in an intimate way. The nature of the gods is within us, as well, and we can also mirror the [gods]."
   [Hilmar Örn Hilmarsson , norsemyth.org/2011/06/interview-with-hilmar-orn-hilmarsson-of.html]

Wenn wir uns von den Begriffen Archetypen, Kanalisierung, Mittler, Atmosphäre abwenden, müssen wir das Dahinterstehende benennen. Das sind erlebbare Kräfte, die man auch wesenhaft begreifen kann. Baetke  stützt diese Sichtweise: "Die Germanen kannten keine 'Natur' ... sondern nur lebendige Kräfte, die auf sie wirkten, ihr Leben bestimmten und auf ihr Gemüt tiefen Eindruck machten. ... Auch diese Erwägungen sprechen dafür, daß die Götter nicht als Naturkräfte, überhaupt nicht als Kräfte, als Kraft oder Macht zu fassen sind, sondern als Persönlichkeiten. Nicht in ihren Beziehungen zur Natur, sondern in ihrer menschlichen Erscheinung ist ihr Wesen zu suchen ...".
Baetke schreibt weiter, daß die Götter "als Personen gefaßt wurden, die einen Willen haben. An ihn kann der Mensch sich wenden, um die Hilfe der Gottheit zu erlangen. Dies tut er mit Opfer und Gebet; beides kann nur aus dem Persönlichkeitscharakter der Götter richtig gedeutet werden."
Ich kann also von einem Dreischritt Wesenheit - Mittler - Mensch ausgehen. Mittler - das sind die die Erfahrungen mit Göttlichkeit und der Versuch, sie zu benennen. Wahrnehmbare Phänomene, "Atmosphären", Naturerscheinungen, archetypische Figuren, Träume, Tranceerfahrungen usw. künden von diesen Göttern. Immer aber muß die Distanzierung erfolgen: Donar ist nicht Blitz und Donner in ihrer physikalischen Realität, aber diese Wettererscheinungen transportieren seine Qualität. Dazu noch einmal Baetke: "Bei keinem Gott läßt sich die Entwicklung aus einem Naturgeist feststellen. Auch Thor-Donar tritt niemals wirklich als Donnergott auf, weder in Deutschland, noch im Norden."
Sehr schön und erwähnenswert in diesem Zusammenhang auch folgendes Zitat von Schneider: "Wodan ist uns keine alte Elementarmacht, kein Naturgott Sturm. Aber das Entstehen der Gestalt wird nie begreifen, wer nicht das nächtliche Wogen und Sausen in Wald und Gebirge, die Stimmung der Sturmnacht auf Feld und Meer kennt und den starken Drang des Menschen mitfühlt, hinter dieser Macht einen Mächtigen, hinter dieser Raserei einen Rasenden zu sehen. (...) In diesem Toben der Natur sieht man woðuz, d.h. Wut, und Woðanaz, einen Wütenden."

Auch Mythen beschreiben diese Qualitäten, fassen sie zusammen, gestalten das Bild des Gottes aus. Glaube ist demnach der Wunsch und aktive Versuch, die Gottheit hinter dem Erlebten / Erfahrenen zu sehen. Falter (a.a.O.) dazu: "Mythische Rede bedeutet Rede in Handlungen. Der Charakter eines Gottes läßt sich treffender in Mythen, also erzählten Ereignissen und Handlungen, als in Eigenschaftswörtern wiedergeben. Mythische Erzählung ist Vorbereitung auf die Epiphanie, das heißt das Erscheinen eines Göttlichen in menschlich verständlicher (nicht immer menschlicher) Gestalt."
Sehr schön hat Theodore Roszak so etwas auch ausgedrückt (in: Where the Wasteland ends - Politics and Transcendence in Postindustrial Society; zit. nach Adler): "This diverse family of religions and philosophies [represents] the Old Gnosis - the old way of knowing, which delighted in finding the sacred in the profane (...) This is not, of course, religion as many people in our society know it. It is a visionary style of knowledge, not a theological one; its proper language is myth and ritual; its foundation is rapture, not faith and doctrine; and its experience of nature is one of living communion."

Wesenhafte Göttlichkeit erfahre ich nicht nur außerpersönlich, sondern - wie oben schon bei der Nennung von Träumen und Tranceerfahrungen erwähnt - auch in meiner Person, also als Empfindung oder Vision. Der Gründer der Germanischen Glaubensgemeinschaft, Ludwig Fahrenkrog, drückte dieses "Gott in uns" so aus, "dasz die Gottheit alles in allem oder das All nur eine Offenbarung der Gottheit sei. (...) Ist aber Gott in allem - und also nicht nur in mir, dann bin ich auch der Andere. Ist aber Gott in mir, dann ist auch sein Gesetz in mir, dann bedarf es weder eines geschriebenen Gesetzes noch eines Mittlers ..." (zit. nach Junker).

Das Postulat der Wesenhaftigkeit der Götter impliziert natürlich auch einen Aufenthaltsort oder - genereller - eine Art des Aufenthalts / des Seins. Dazu ist in Asatrukreisen schon viel diskutiert worden. Sind Odin und Thor in den USA "anwesend", wo es eine starke Asatrubewegung gibt? Anders gefragt: Als die Wikinger einst nach Vinland reisten, nahmen sie ihre skandinavischen Götter mit? Hat die letzten Endes mißglückte Landnahme dort auch damit zu tun, daß ihre Götter eben nicht da waren? (Ein Gedanke, den ich auch bei de Vries in anderem Zusammenahng las.) Björn Ingvisson, amerikanischer Asatruanhänger, schrieb nach seiner Reise nach Deutschland auf der Mailingliste Asatru-E (Erlaubnis des Autors zur Wiedergabe eingeholt): "I lived in Würzburg, Germany, in 1986 and during that time, especially when I went walking in the woods, I sensed presences that were unlike what I sensed when I hiked in the American wilderness. (...) The feelings in the German forest led to a further feeling of 'coming home', though I had never been in Germany before. I sense the landspirits in the U.S. to be definitely Native American and I honor them; but there was such a feeling of familiarity with the German landwights."
Ich habe ähnliche Erfahrungen bei meinen Schwedenreisen gemacht. Der Versuch der Beantwortung dieser Frage muß letztlich ausbleiben - will man nicht tausenden Asentreuen außerhalb der mittel- und nordeuropäischen Länder ihre Berechtigung absprechen. Für mich ist es so, daß ich Freyr eigentlich nur richtig in Schweden wahrnehmen kann; umgekehrt ist Wodan der Gott meiner Heimat - und so sehr ich Kontakt zu Nerthus suche, ich finde ihn nicht in den rheinischen Mittelgebirgen. Ich glaube daran, daß die Götter zum Land gehören - genaue Grenzen und "Verbreitungsgebiete" kann man wohl nicht nennen.
Jenseits der Frage nach der Beziehung von Göttern und Land muß auch besprochen werden, wie man sich wesenhafte Gottheiten vorstellt. Ich glaube, viele Asatruar denken sich Götter als in einer anderen "Sphäre" existieren, auf einer anderen Bewußtseinsebene. Das ist eine verlockende Vorstellung, transzendiert sie doch unser Alltagsbewußtsein hin auf "das Besondere", die nicht so ohne weiteres zugängliche Ebene der Götter. Hier passen dann auch alle Techniken, sich mit dieser Ebene (den Göttern) zu vereinen, z.B. schamanische oder allgemeine Trance-Techniken, auch das Utiseta.

Heißt "zum Land gehören" aber auch, daß die Alte Sitte eine Naturreligion ist? Für mich heißt es das nicht. Doch müßte man zunächst definieren, was unter einer Naturreligion zu verstehen ist. Wenn ich die Natur als solche oder Naturkräfte verehre, dann betreibe ich Naturreligion, aber kein Asatru. Sehe ich jedoch die Erscheinungen in der Natur und die in ihr wirkenden Kräfte als ein Teilausdruck von Göttlichkeit, sieht die Sache schon wieder ans aus: es ist ein schmaler Grat. Noch einmal: der Blitz ist nicht Donar, genausowenig wie das Radioprogramm wesenhaft zum Radioempfänger gehört. Natürlich transportieren die Naturkräfte - wie oben ausgeführt - die Atmosphären der Götter, um beim Falterschen Begriff zu bleiben. Aber das passiert nicht nur in der Natur - Asatru kann m.E. ganz ohne Naturbezug gelebt werden. Selbst eine von manchen als zwingend empfundene Naturnähe, ökologische Lebensweise, "back to nature" usw., all diese Dinge haben nichts mit Asatru (als einer Art Grundbedingung) zu tun. Zustimmen kann ich allerdings einer Aussage, die ich vor Jahren in der Newsgroup alt.religion.asatru las: dort hieß es, Asatru sei nicht "nature-based", aber die Natur sei ein vitales Element der Religion. Mag man es so nennen.
Gerade im Zusammenhang mit der vermeintlichen Naturreligion bietet es sich an, ein Tacitus-Zitat hervorzukramen, das gerne als "Beleg" für eine Naturreligion angeführt wird: "... sie weihen Lichtungen und Haine und geben die Namen von Göttern jener weltentrückten Macht, die sie allein in frommem Erschaudern erleben."
Dabei wird oft übersehen, daß hier nicht die Rede davon ist, daß die Germanen diese Macht in den Hainen spüren, sondern daß sie ihr lediglich Haine weihen. Würde man vom Umgekehrten ausgehen, müßte man ja fast schon eine Art Pantheismus annehmen. Gänzlich läßt sich das nicht gegeneinander abgrenzen: Auch heute zieht es uns zu besonders schönen Orten in der Natur, um dort Rituale abzuhalten. Spüren wir die Götter dort intensiver?

Zum Abschluß möchte ich noch eine schöne Betrachtung wiedergeben, die Dirk Bruere am 22. Hartung 2002 in a.r.a. schrieb:

"Briefly, on one hand I view [the gods] as dynamic Archetypes somewhat akin to the entities one encounters when 'playing' Ouija. That is, they are the blending of the facets of the many psyches involved. In our case, the Gods are a distillation of the psyche of the North European peoples over several millennia. This is by no means meant to imply that they do not exist, or are some kind of fairy story. They have a life of their own, they interact with us both collectively and individually, and have a hand in shaping us as we shape them. They are our kin on a different and wider plane of being, an analogy being that we are the cells in their body. Additionally, they are the context through which that we as a culture encounter and interpret transcendent spiritual reality - that which cannot be put into words, but which can only be experienced.
On the other hand, they also represent the forces of the Natural World - Nature, most explicitly in our recognition of entities such as Wights, and the presence in the mythology of the Ice Giants, Serpent, Wolf, World Tree etc.
So, to put it crudely, I consider the Folk simply to be those who manifest the Gods in conjunction with Nature. As we all know, however, some manifest more strongly than others within our Folk, and in general other Peoples manifest different entities entirely, though they tend in many ways to be similar. We are, after all, Human."

Abgrenzungen

Reduzierung auf ein monotheistisches Modell (das Goth, Urgoth, Goth, das Gott) 

Nicht unter die hier aufgeführten Sichtweisen fällt die, nach der alle Gottheiten im Grunde genommen auf ein monotheistisches Religionsmodell reduziert werden können. Das ist eine theo- bzw. ariosophische Idee, die im Gegensatz zum reinen Polytheismus steht, wie er auf diesen Seiten vertreten wird. Auch paßt die mystische Weltsicht nicht so ganz. So schreibt Baetke: "Alles, was den Mystiker macht: schwärmerische Gottessehnsucht, Aufgeben des eigenen Selbst, Auflösung und Hingabe an das All-Eine, lag ihm (dem Germanen, V. Wagner) weltenfern. Wenn eine Ethik, so war die germanische auf Selbstbehauptung gerichtet; es war eine Kriegerethik, der Mut und Selbstbeherrschung als höchste Tugenden galten."

 


 

Sichtweise der Artgemeinschaft (nach Kusserow, Rieger) 

Die Artgemeinschaft (AG) wurde 1951 von Wilhelm Kusserow gegründet und zwischen 1989 bis 2009 von Jürgen Rieger geleitet. Sie blockiert die Domain asatru.de, obwohl der von Kusserow begründete Artglaube prägnate Unterschiede zum polytheistischen Götterverständnis der Asatru aufweist. Dies geht aus den Schriften von Kusserow und Rieger hervor.

 

Zu Kusserow (Folgende Zitate und Seitenangaben beziehen sich auf Kusserow, Band 1)

Kusserow sieht in den Göttern, Göttergestalten wie er sie nennt, reine Sinnbilder (S.26) und Symbolgestalten (S.27). In Kusserows Weltsicht, die er in drei Bänden darlegt, ist lediglich in historischer Betrachtung von germanischen Göttern die Rede. Die Göttergestalten, wie er schreibt, versteht er als Symbole, deren ewige Aufgabe es sei, "Menschen Gestalten zu zeigen, die ihrem eigenen letzten Inbild - ihrem Wesens-Ideal - entsprechen" (S.26).

"Man sagt, die Götterwelt der ursprünglichen Völker sei eine "Idealisierung" ihres eigenen Wesens. Daran ist Richtiges und Irreführendes zugleich. Denn in vielen, ja, den meisten Wesenszügen sind die Götter nicht Idealisierungen, also Verschönerungen, des eigenen Wesens, sondern genaue Abbilder von uns selbst. In anderen Zügen sind sie zwar manchmal Verstärkungen unserer Kräfte (wie Thor, Wodan und Tyr, der spätere Kriegsgott), aber der Sinn dieser Verstärkung und Höherhebung ist ein anderer: Es soll die Vorbildlichkeit für unser Leben, die Inbildlichkeit als die praktische menschliche Idealbildung ausgedrückt werden, und das wird in diesen Göttergestalten erreicht. Man wird nun fragen, ob unsere Vorfahren - unserer Meinung nach - um die Sinnbildlichkeit der Göttergestalten gewußt haben; ob die Götter für sie also "auch nur" Symbole für Natur- und Geisteskräfte waren oder ob sie sie als tatsächliche menschen-ähnliche Personen empfanden, wie es die Neger- und Dämonen-Religion auf früherer Stufe war." (S.42)

Und weiter heißt es: "[...] die Vorstellungswelt des primitiven Menschen verlangt nach Personifizierung, nach Stofflichkeit, nach "realer Existenz"; und daher stammen alle Wünsche, Forderungen und Verwirklichungen von Göttergestalten, Götterbildern und geübter, opfermäßiger und Brauchtums- (Kult-) gebundener Formen der Religion." (S.43)

"Wir dürfen also sagen, daß es auch in der Vorzeit unserer Völker so war, daß viele Menschen, sagen wir ruhig, die meisten, nur bildlich vorstellen konnten und daher zur personalen Verehrung drängten. Das menschliche Gehirn und die menschliche Fantasie hält sich zunächst an die sichtbaren, meßbaren, wahrnehmbaren Werte und Tatsachen des Lebens, der sogenannten Wirklichkeit, und bildet daher aus dem Geahnten, um sich bei deren Anblick wieder an das Gemeint-Geistige erinnern zu können." (S.43)

Daraus resultiert letzendlich ein grundsätzlich anderes Götterverständnis, was auch eine Äußerung auf S.39 deutlich werden läßt: "Als eine der gewaltigsten Naturkräfte ist Thor ungeheuer stark." Das Gewitter - Blitz und Donner - ist nicht Thor selber, sondern ein Ausdruck von ihm. Wie auch ein Foto nicht die dargestellte Person selber ist. Der Vollständigkeit halber seien noch einige mythologische Fehler erwähnt, die ernsthaft fragen lassen, ob Kusserow die Edda jemals aufmerksam gelesen hat.

Fazit: In Kernfragen kommen Kusserows dargelegte Sichtweise und die hier vertretene Alte Sitte zu unterschiedlichen Ansichten. Religiöse Ausdrucksform der Alten Sitte ist das Blót, das als Austauschverhältnis mit den Göttern erlebt wird. Bei Kusserow ist das nicht Fall, weil a) in den Göttern lediglich Symbolgestalten gesehen werden und sich dementsprechend b) religiöses Empfinden nicht in Opferhandlungen ausdrückt.

 


 

Zu Rieger (Folgende Zitate und Seitenangaben beziehen sich auf Rieger)

Noch deutlicher spiegeln sich die Unterschiede bei Rieger wider. Hier bedarf es weniger Zitate um festzustellen, daß Riegers Artglaube keine wesentlichen Berührungspunkte mit der Alten Sitte hat.

"Millionen Sterne und Sternenwelten, die vielfältigsten Formen des Lebens sind dem Menschen bekannt. Abermillionen von Welten und Wesen, Lebensformen und Lebensmöglichkeiten sind ihm unbekannt. Alles zusammen, Bekanntes und Unbekanntes, Erforschtes und Unerforschtes, Geschautes und Geahntes, bildet den Kosmos. In ihm ist nichts Willkürliches, alles verhält sich den Gesetzen gemäß. Selbst im Kristall herrscht noch Gesetzmäßigkeit. Wir bleiben aber bei dieser Erkenntnis nicht stehen. Diese Ordnung ist uns Gegenstand der Verehrung, sie ist für uns das Göttliche." (S.8)

"Das Göttliche ist für uns die wirkende Ordnungskraft in der Welt. Wir sprechen in diesem Zusammenhang nicht von Gott, weil dieser Begriff christlich auf eine personenhafte Vorstellung festgelegt ist. In der ältesten uns überlieferten germanischen Sprache, dem Gotischen, ist das Wort für Gott (guth) als ein Neutrum, also sächlich gebraucht, und ebenso ist altnordisch god sächlich. Die Form kam meist in der Mehrzahl vor, wobei nicht mehrere göttliche Wesen bezeichnet werden sollten, sondern die Fülle des Göttlichen in seinen vielen Wirkungen ausgedrückt werden sollte. Wir müßten deshalb heute von "das Gott" sprechen, und da dies zu befremdlich klingt, sagen wir "das Göttliche"." (S.9)

"Nicht ein hat die Menschen nach seinem Bilde geschaffen, sondern die Menschen verschiedener Rassen haben sich Götter nach ihrem Bilde geschaffen." (S.21)

Fazit: Riegers dargelegte Sichtweise, daß Götter nichts weiter als Ordnungskräfte oder menschengeschaffene Bilder seien, läßt eigentlich fragen, ob sich hier noch von religiösen Zusammenhängen sprechen läßt. Kann man hier nicht eher von einem philosophisch-weltanschauliches Konzept sprechen? In "Die Artgemeinschaft stellt sich vor" heißt es:

"Ist Religion nicht immer das Verhältnis zu einem Gott? Nun ― nicht alle Religionen halten diese Frage für wesentlich, der Konfuzianismus z. B. auch nicht. Und wenn sie Gottesvorstellungen äußern, weichen diese von Religion zu Religion oft stark ab. Über ›Gott‹ oder ›Götter‹ läßt sich nichts Sicheres aussagen, wie Kant philosophisch bewiesen hat. Die verbreitetste Religion der Welt, der Buddhismus, kommt deshalb ohne Gottesvorstellung aus. Auch die ›Artgemeinschaft‹ hält diese Frage nicht für bedeutsam." (Die Artgemeinschaft stellt sich vor)

In der Ásatrú hingegen, in der die Treue zu den Aesir und Vanir im Mittelpunkt steht (wie der Begriff schon sagt), liegt ein polytheistisches Götterverständnis vor. Rieger vertrat eine grundsätzlich andere Auffassung, die auch in bemerkenswerter Klarheit im zweiten Zitat zum Ausdruck kommt: "Wir müßten deshalb heute von "das Gott" sprechen" - hier tritt schon ansatzweise die Reduzierung auf ein monotheistisches Modell hervor (1.Abgrenzung siehe oben).

Ein abschließendes Korrektiv:

"Das altgermanische Wort goth, das die Gesamtheit der göttlichen Wesen bezeichnete und noch im späten Altnordisch ein sächliches Mehrzahlwort war (góð = Götter), leitet sich von der indogermanischen Wurzel *guthom - anrufen - ab. Die Götter sind also 'die Angerufenen', d.h. ihre Wirklichkeit offenbart sich, vollständig oder überhaupt erst, durch die Rituale, mit denen wir in Beziehung zu ihnen treten und mit ihnen kommunizieren. Das ist klar, wenn die Götter der Geist der Natur sind. Auch der Geist eines Menschen zeigt sich erst, wenn wir mit ihm in Beziehung treten."
   [VfGH]

 

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!