Nah und ferne, weich und hart

... zum Gottesverständnis der Neuheiden

Die Alte Sitte (Asatru) ist die Rekonstruktion des Glaubens der germanischen Stämme. Wir haben aus verschiedensten Quellen Informationen über die Götter und die Sitte ihrer Verehrung, aber oft fehlen uns die Details, die gerade auch das Lebensgefühl und den Umgang mit den Göttern nachvollziehbar machen. Wir wissen leider nicht mehr so genau, wie der typische Germane seine Götter erlebte.
Von daher ist das theoretische Wissen, das wir uns erarbeiten, immer nur bruchstückhaft und tote Materie. Mit Leben müssen wir die Religion wieder füllen und zwar durch praktische Arbeit im vorgesteckten Rahmen dessen, was uns die Quellen hergeben. Das bedeutet auch, daß wir unser Verhältnis zu den Göttern reflektieren müssen: Wie erscheinen mir die Götter? Woher weiß ich von ihrer Existenz? Geben sie mir Zeichen? Hatte ich überhaupt je ein Erlebnis, das mich göttliche Kraft spüren ließ? Ein Beispiel: Für moderne Heiden ist Wotan ein Gott der Germanen, genauer: der Südgermanen. Man weiß etwas über die Wilde Jagd, aber auch das ist häufig schon säkularisierte Information: Die Wilde Jagd, so eine Deutung, das seien kultische Männerbünde gewesen, die nachts lärmend umherzogen, keineswegs aber der Gott selbst mit einem Heer von Toten. De Vries schreibt, daß bei Wotan wohl das horrendum überwogen haben könnte - die Menschen fürchteten diesen Gott und brachten ihm Menschenopfer dar, vielleicht um ihn zu beschwichtigen. Wie weit ist doch der Weg vom germanischen Bauern und seiner Furcht und Achtung vor dem wilden Gott bis hin zum heutigen Neuheiden, der den Inhalt mehrerer Bücher kennt und nüchtern über Wotan referieren kann! Dieser Neuheide muß sich fragen lassen: Hast Du (Ehr-)Furcht vor Wotan? Weißt Du um seine Tödlichkeit, wenn Du ihn mit seiner Wilden Jagd in tiefster Mittwinternacht triffst?

"Es ist ... schon deutlich geworden, daß für das Verständnis des Kultus alles auf die Auffassung von dem Wesen der Götter selbst ankommt. Man hält mit Recht im allgemeinen den Kult für das Primäre, den Mythus für das Sekundäre. Aber der Kult setzt doch eine bestimmte Gottesvorstellung schon voraus und ist Ausdruck der durch sie bedingten Religiosität. Wie der Gott, so ist sein Kult."
   [Baetke]

Ich glaube - um damit zum Thema des Artikels zu kommen -, daß sich die Götter im Bewußtsein der Menschen, die wieder an sie glauben (wollen), verändert haben. Ich bin der Meinung, daß dies eine "automatische Schutzfunktion" ist, um nicht mit der reinen, ungezähmten Energie der Götter in Kontakt zu kommen. Denn diese Götter sind ja anders als der, dessen Sohn uns auffordert, auch die andere Wange hinzuhalten. Ein Bild: So wie wir in steinernen Häusern wohnen und nicht mehr in dünnwandigen Zelten oder Holzhütten hausen, so haben wir die Götter mit Mäntelchen überzogen, die die gespannten Muskeln darunter nicht mehr zeigen. Und wir lieben es, das Bild eines Gottes zu sehen, vermeiden aber oft, ihm in die Augen zu schauen. So ist der Umgang mit den Göttern für uns moderne Menschen "safe and sane" geworden. Zwei Aspekte veranlassen mich zu dieser Aussage: Wir leben in einer abgesicherten Welt, in der wir nicht täglich um unser Überleben kämpfen müssen. Wir haben sichere Häuser mit warmen Stuben, eine hohe Ärztedichte, High-Tech-Medizin, gegen viele Krankheiten ein Mittelchen, Versicherungen für und gegen alles und jedes. Wir fühlen uns sicher und ich bin überzeugt davon, daß dies eine ganz bestimmte mentale Einstellung hervorbringt. Vor diesem Hintergrund ist auch das Gefühl des Terrors zu sehen, das die Menschen beispielsweise nach den Anschlägen vom 11.9.2001 in New York überkam. Da war der (massenhafte) Tod in die zivilisierte Welt eingedrungen und hatte (fast) ihr Herz getroffen. Und plötzlich sind sie wieder da, die Opfer und die Helden, die, die widerstanden haben und die, die untergegangen sind. Ihre Geschichten werden erzählt, wie früher die Skalden die Krieger rühmten.
Somit bedeutet das, daß wir als Zivilisationsmenschen "weicher" geworden sind, was auch Konrad Lorenz so darstellt. Nicht nur haben unsere "Wohlstandskörper" rundere Formen, wir haben auch eine "weichere Birne" bekommen, sind nicht mehr in der Lage, in kritischen Situationen die Panik im Zaum zu halten oder starke Schmerzen zu ertragen. Wenn dann das Schicksal mit Krankheit oder Verbrechen unerbittlich zuschlägt, sind wir heutigen (westlichen) Menschen schnell an den Grenzen der Belastbarkeit angekommen. Wo sind da unsere Götter? Unter dem "Mäntelchen" versteckt? Ich erinnere mich an die Aussage eines Wissenschaftlers in der TV-Dokumentation "Herrschaft in Alamannien": Er zeigte einen Unterkiefer einer alamannischen Frau, der vom Eiter eines kranken Zahnes "durchfressen" worden war. Diese Frau muß höllische Schmerzen gehabt haben, aber an der Erkrankung als solcher wurde nichts behandelt. Der Wissenschaftler sprach davon, daß die Menschen damals wohl eine höhere Schmerztoleranz hatten.
Der Tod ist allemal ein gutes Beispielthema – es gab ihn damals zur Genüge, ganz nah, in der eigenen Sippe, die noch viel größer war als heute. Hohe Kindersterblichkeit, relativ kurze Lebenserwartung (bei Erfordernis, das Eigene auch mit Waffen zu verteidigen) ...

Die "rauhe Natur" der Götter ist selbstverständlich immer noch da, sie ist noch immer spürbar, v.a. in Situationen, in denen wir an Grenzen gehen, in Extremsituationen psychischer oder körperlicher Art. Nicht umsonst glauben viele Menschen, daß ihnen die Götter plötzlich (wieder) so nahe sind, wenn sie fasten oder wenn sie mit Leid und Tod konfrontiert werden. Aber wir modernen Menschen leben in einer veränderten Welt und gehen mit den Göttern und der Realität jenseits von Midgard anders um, als es unsere Vorfahren taten. Wer einmal sah, wie ein Blitz in ein Haus einschlug, der weiß, wer Donar ist. Als ich im Schneesturm in einer Nacht der Julzeit alleine im Wald unterwegs war, wußte ich, daß Wotan ganz nah ist. Ich hatte Angst und bat ihn, mich sicher zum Blot-Platz gelangen zu lassen – und wieder zurück. Auch in der Sexualität, der Fortpflanzung können wir die Götter ganz nah spüren: Als ich den ersten Schrei meines Sohnes hörte, glaubte ich, Frigga stünde neben uns, und als wir später alleine waren, galten ihr meine ersten Worte. In vielen anderen Dingen sehen wir noch die rauhe, ungebändigte Natur der Götter, die sich ja nicht verändert hat - es ist nur unsere Wahrnehmung, die sich verändert hat. Viele Menschen in heutiger Zeit ertragen das Leben offenbar nur noch weichgespült, aber dazu passen unsere Götter nicht, so glaube ich.

Wie ist das nun zu beurteilen? Ich denke, daß es grundlegend wichtig ist, die Götter in der richtigen Weise zu verstehen. Diese leidenschaftlichen, donnernden und stürmischen Götter sind eine Chance, das Leben wieder mit allen Höhen und Tiefen zu erleben. Denn wir haben es nicht mit kuschelweichen Götterchen zu tun, sondern mit Wesenheiten, die mit den Eckpunkten unserer Existenz verbunden sind. Wir stammen, wie die Edda uns lehrt, von den Göttern ab, und unser Leben und unser Tod sind mit diesen Göttern verbunden, Generation auf Generation - darauf gilt es die Wahrnehmung zu lenken. Wir müssen wieder ein Gespür dafür entwickeln, was die ganz archaischen Grundbausteine unseres Daseins sind. Im Kontakt mit unserem innersten Wesen können wir auch diese ungezähmte Göttlichkeit erfahren und zulassen. Ich behaupte einmal, daß uns in der Nachfolge dieser Götter nichts aus der Bahn werfen kann. Das Leben geht weiter, lehren uns das nicht Eddas und Sagas? Ich denke dabei z.B. an Egil Skallagrimsson, der anläßlich des Todes seines Sohnes dichtete:
"Life fades, I must fall / And face my own end / Not in misery and mourning, / But with a man's heart." (Das Leben schwindet, ich muß fallen und meinem eigenen Ende entgegensehen. Nicht in Jammer und Klage, sondern mit dem Herz eines Mannes.)

Wer diese Göttlichkeit zulassen kann, wer sich im Spiegel dieser Götter – wie in Asfrids Tausendgötterlied (s.u.) – als weich und als hart empfinden kann, der ist auf dem besten Weg, das Wesen dieser germanischen Götter – unserer Götter – zu verstehen.

Ein Beitrag für das Ringhorn 39 des VfGH (minimal überarbeitet).

1) Tausend Gesichter hat die Erde, daß alles neu und anders werde.
Tausend Götter von verschied'ner Art, nah und ferne, weich und hart.

2) Alle Götter wollen wir verehren, Ehre, die ihnen gebührt, vermehren.
Alle Götter rufen wir herbei: gebt uns Kraft und bleibt uns treu!

3) Wir wollen euch die Treue halten, woll'n uns nach eurem Bild gestalten:
Wodans Weisheit, Donars Kraft, Frey(rs) und Freyas Lust und Leidenschaft.

4) Tausend Jahre mußten wir schweigen, durften Göttertreu nicht zeigen.
Tausendfach erklingt der Ruf erneut: kommt zurück, wir sind bereit!
[Text: Asfrid, Musik: V. Wagner]

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!