Das Waffenopfer

Stichworte: Schwertopfer, Speeropfer, Schildopfer, Messeropfer, Axtopfer, Beilopfer

 

Inhalt

Einleitung
Abgrenzung
Individuelle Waffenopfer
Waffenbeuteopfer
Zusammenfassung
Mein Speeropfer
Quellen und Verweise


Einleitung

Waffenopfer sind Teil der germanischen Tradition. Es ist jedoch zu unterscheiden, ob es sich um erbeutete Waffen einer kriegerischen Auseinandersetzung handelt, den sogenannten Kriegsbeuteopfern, oder individuellen Niederlegungen einzelner Personen oder kleiner Gruppen. Waffen waren Statussymbole, zugleich Wertgegenstände oder aber Kriegsbeute.

Die Unterteilung ist aus dem Grunde wichtig, weil sie uns Aufschluß über die Hintergründe und Vorstellungen beider Opferformen gibt. Das sollte uns bewußt sein, wenn wir entweder ein eigenes Waffenopfer vornehmen wollen oder ein Waffenopfer im Rahmen eines Opferrituals der Alten Sitte verstehen möchten. Daher gehe ich der Frage nach, in wie weit sich solche individuellen Waffenopfer kulturhistorisch belegen lassen, oder ob man ausschließlich von Kriegsbeuteopfern sprechen darf, die ohne Zweifel sehr verbreitet waren. Dazu werden Waffenopfer unterschieden in:

Als physische Reste von Opferungen können sie uns in Form archäologischer Funde allerdings nur bedingt Auskunft vom eigentlichen Opfervorgang geben. Glücklicherweise konnte jedoch gerade in den letzten Jahrzehnten aufgrund neuer Ausgrabungen eine solche Menge an Material über die germanischen Opferkulte dazugewonnen werden, daß daraus viele neue Erkenntnisse hervorgegangen sind. So wissen wir von der absichtlichen Zerstörung tausender Waffen und ihrer Verbrennung, bevor sie als Kriegsbeuteopfer in Mooren versenkt wurden – und zugleich von Niederlegungen wertvoller Fibeln und kostbarer Schwerter in Moorseen, die sich als private Opfergaben ansprechen lassen, weil derartige Gegenstände nicht einfach verloren gehen.

Abgrenzung

Waffenhorte können auch als Selbstausstattung fürs Jenseits angelegt worden sein. Es könnte  beispielsweise in der Bronzezeit in Norddeutschland in einigen Fällen so gewesen sein, daß die Bewaffnung aus Schwert, Speer und Beil statt als Grabbeigabe als Depot vergraben wurde.

Einige Depotfunde mit verhältnismäßig gleichartigem Inhalt könnten ursprünglich auch von Händlern stammen. Hier schwankt die Deutung zwischen Opfergabe und Händlerdepot.

Manche Funde (speziell im römischen Bereich) werden als Waffenopfer von Übergangsriten im Rahmen des Kriegerlebens gedeutet. Die Waffen wurden entweder durch junge Krieger aufgrund eines Gelübdes oder von Altgedienten als zeremonieller Abschluß des aktiven Kriegerdaseins geopfert. Um Kriegsbeute kann es sich nicht handeln, weil es Auxiliareinheiten  der römischen Armee nicht erlaubt war, Waffen vom Schlachtfeld einzubehalten.


Individuelle Waffenopfer

Schon während des Neolithikums wurden Waffen und Werkzeuge (zum Beispiel Flintäxte) sowohl einzeln als auch in größerer Anzahl geopfert. Bei Kopenhagen (Sigerdal) fand man 13 beieinanderliegende Äxte, in Gammerod Maglemose (Mittelseeland) vier Äxte, in Smorumovre (Seeland) zehn Äxte [1], die im Kontext des Waffenopfers stehen.
In der Bronzezeit  wurden Schwerter und Speerspitzen, sowie Beile und auch Prunkäxte ebenfalls als Einzelobjekte oder in Gruppen niedergelegt. Durch ihr Versenken in Flüssen, Seen oder Mooren werden sie explizit als Waffenopfer angesprochen [2], ohne zwangsläufig Beuteopfer einer kriegerischen Auseinandersetzung zu sein.

Wobei einige Depotfunde mit einigermaßen gleichartigem Inhalt auch von Händlern angelegt sein können, wie eingangs erwähnt schwankt hier die Deutung zwischen Opfergabe und Händlerdepot. Dazu gehören unter anderem Halsringe, Beile oder Sicheln, die möglicherweise doppelfunktional als Werkzeug sowie Waffe genutzt wurden.

Aus der Latènezeit stammen größtenteils Flußfunde, wie Schwerter, Speerspitzen und Helme, die zumeist als Einzelstücke geborgen werden [3]. Zum Beispiel aus dem Rhein bei Mainz zehn Schwerter,  bei Roermond aus der Maas fünf Schwerter, aus der Themse oder aus der Witham etliche Speerspitzen und Schwerter. Viele dieser Funde sind oftmals verbogen. Man geht von absichtlicher Zerstörung aus. Im Areal des keltischen Heiligtums von Manching sind zahlreiche Schwerter und Speerspitzen ausgegraben worden, die aus der Zeit um 200 v.u.Z. stammen. Es fanden sich ebenfalls  in der keltischen Siedlung Basel-Stadt kleinere Funde von Speerspitzen und Äxten, die als individuelle Opferniederlegungen gedeutet werden. Während der späten Latènezeit wurden auch einzelne Luxus-Schutzwaffen in Mooren versenkt, wie der 1857 gefundene Prunkschild an der Themse bei Battersea nahe London (1. Jh. n.u.Z.), der Bronzeschild aus der Witham bei Washingborough (2. Jh. v.u.Z.) oder ein Schild bei Wandsworth (um 100 v.u.Z.).

So spiegeln auch niedergelegte Waffen innerhalb von Befestigungen der vorrömischen Eisenzeit individuelle (als auch kollektive) Opferhandlungen wider. Zunächst ging man noch von zu Boden gefallenen Kampfresten aus, die sich jedoch im Laufe weiterer Analysen und neuer Funde (zum Beispiel auf dem Dünsberg bei Gießen) als Waffenopfer herausstellten. Die gefundenen Schwertklingen, Streitäxte, Lanzenspitzen und Schildteile tragen zwar auch deutliche Spuren absichtlicher Zerstörung, die aber nicht von einem Kampf herrühren können, was daher auf bewußte Niederlegungen hinweist [4]. Zwei Fundschichten lassen an dieser Stelle erkennen, daß eine längere Tradition der kultischen Opferung von Waffen, Pferdegeschirr und Wagenteilen bestanden hat – ausgenommen die jüngeren römischen Fernwaffen wie Schleuderbleie und Pfeilspitzen, die natürlich durchaus von Kämpfen stammen werden. Auf anderen Höhensiedlungen wie zum Beispiel der Altenburg bei Römersberg, der Altenburg bei Niedenstein, auf dem Wilzenberg und auf dem Eisenberg bei Battenberg sind vergleichbare Situationen nachgewiesen.
Im Landkreis Osnabrück konnten auf der Schnippenburg aus einer großen Anzahl von Metallgegenständen (unter anderem Frauenschmuck aus Bronze) auch einige Waffen geborgen werden. Da es sich hier erwiesenermaßen um einen Opferplatz handelt, der im Verhältnis jedoch nur geringe Spuren von Waffen aufweist, wird von individuellen Waffenopfern ausgegangen.

Waffenopfer finden sich auch in den Brandopferplätzen, zum Beispiel auf der Pillerhöhe im oberen Inntal. Hier wurden also während der Eisenzeit nicht nur viele Rinder, Schafe und Ziegen geopfert, sondern auch Waffen (darunter auch Miniaturwaffen) [5]. Bei den Miniaturwaffenopfern ist der religiöse Hintergrund nicht vollständig klar. So fanden sich im Heiligtum auf der Pillerhöhe hunderte Miniaturschilde aus Bronze und Eisen, zwischen 3,5 bis 10 cm groß. Von der Form ähnlich der Hjortspring-Schilde. Andere Fundkomplexe enthielten Miniaturkessel, hunderte kleine Schwerter, Äxte, Speerspitzen, Dolche und Werkzeug. Miniaturschwerter und Schilde wurden auch häufig in Frauengräbern als Amulette gefunden, was an eine Schutzfunktion denken läßt.

Opferplätze individuellen Charakters in nordgermanischen Mooren sind zum Beispiel folgende bekannt [6][7]:

In diesem Zusammenhang sei auch der Fund von Kunserdorf in Brandenburg mit einem Bronzekessel und verbogenem zweischneidigen Schwert und Scheide erwähnt.
Um noch mal auf die im Kreis angeordneten Speere zurückzukommen: Simek schreibt, daß man beispielsweise in Vimose eine Art von Umhegung nachweisen konnte, die aus senkrecht in den Boden gerammten Speeren bestand. Er führt aus…

Typischer sind solche Anlagen aber für diejenigen Opfermoore, die nicht ausschließlich den Waffenbeuteopfern dienten, also etwa Thorsberg, Kragehul oder Skedemosse, aber auch das Opfermoor von Oberdorla in Thüringen, wo es gar keine Beuteopfer gab. Skedemosse auf Öland etwa ist als Opferstätte einer viehzüchterischen Bevölkerung zu interpretieren, die den regulären zivilen Opferungen diente, mitunter aber auch Waffenopfer umfassen konnte. [Simek, S.18]

Die Kontinuität der Waffenfunde an bestimmten Plätzen, teilweise seit der Bronzezeit, spricht aus archäologischer Sicht für Waffenopfer von zumeist Einzelpersonen. In Mecklenburg-Vorpommern sind zum Beispiel durchgängig von der vorrömischen Eisenzeit bis in die slawische Zeit Flußopfer belegt. Aus der Warnow bei Schwaan im Kreis Rostock stammen drei Schwerter, vier Speerspitzen, eine Pfeilspitze und eine Axt aus der Römischen Kaiserzeit. Darauf folgen fünf Schwerter und ein Speer aus der Völkerwanderungszeit und dann drei Schwerter, fünf Streitäxte und elf Speere aus slawischer Zeit. An anderer Stelle der Warnow fand man auch Waffen aus der Bronzezeit. Weitere Funde kommen aus der Oder von Friedrichsthal bei Schwedt, aus Flüssen um Demmin oder von Lühesand in der Elbe bei Stade [8]. Nebenbei ist auch die geographische Verbreitung der Waffenopferfunde interessant, denn während die Waffen im westlichen Ostseegebiet und im Baltikum größtenteils in Mooren geopfert wurden, findet man sie in Mecklenburg-Vorpommern vorwiegend in Flüssen.

Abschließend läßt sich sagen, daß verschiedene Niederlegungen wertvoller Waffen und persönlicher Ausrüstungsgegenstände in Mooren, Flüssen, Seen oder an anderen markanten Geländepunkten (bei großen Steinen) eindeutig Opfergaben einzelner Personen, kleinerer Gruppen oder Kriegergefolgschaften sind. So beispielsweise die silbervergoldeten Schwertscheidenbeschläge von Nydam, die silbernen Schwertscheidenbeschläge von Sjörup sowie das zu einem Schwert zugehörige Ringe-Paar aus Gold von Gudme. Derartige Opferniederlegungen von beträchtlichem Wert geben auch einen gewichtigen Hinweis auf den Rang des Opfers. In Thorsberg etwa nimmt die Opferung von einzelnen teuren Armringen und Bügelfibeln ab dem 2.Jahrhundert zu und wird durch Opfer von einzelnen sehr wertvollen Schwertern und Speeren ergänzt [Simek].

Waffenbeuteopfer

Im südlichen Skandinavien sind mittlerweile mehr als 40 Moore mit Kriegsbeuteopfern bekannt, mit weit über 50 verschieden großen Niederlegungen und mehr als 40 000 Waffenteilen allein aus dänischen Mooren. Das geographische Zentrum dieser Opfer ist um Jütland und Fünen zu lokalisieren und erstreckt sich von den letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung bis ins 1.Jahrtausend nach der Zeitrechnung. Bekannte und gut erforschte Moore sind Thorsberg bei Schleswig (Süderbrarup), Nydam in Angeln, Hjortspring, Ejsbøl, Illerup Ådal, Vimose, Kragehul und Illemose auf Fünen, Hassle Bösarp auf Schonen, Balsmyr auf Bornholm und Skedemosse auf Öland [nach Simek]. In Hjortspring fand man beispielsweise die geopferte Ausrüstung von etwa 100 Kriegern und ein Schiff für 25 Mann [9].

Die Waffen wurden sowohl funktionstüchtig mit Kampfspuren als auch in völlig zerstörtem Zustand geopfert [10]. Schwerter und Speerspitzen wurden verbogen, Schilde zerschmettert und selbst die Pferdeknochen weisen massive Hiebspuren auf. An einigen Stellen sind die Waffen zuvor verbrannt worden. Komplette Krieger- und Pferdeausrüstungen wurden in Seen versenkt und in Nydam auch die Schiffe. Es muß sich um den totalen Sieg bzw. eine totale Niederlage gehandelt haben. In den Aufzeichnungen des Tacitus heißt es für das Jahr 58 v.u.Z.: „Aber der Krieg ging für die Hermunduren günstig, für die Chatten umso verhängnisvoller aus, weil beide für den Fall des Sieges das gegnerische Heer dem Ziu und Wotan geweiht hatten, ein Gelübde, nach dem Pferd und Mann, kurz alles der Vernichtung anheimfällt.“ (Tacitus Annalen 13.57.2)

Die Waffen stammen entweder von Angreifern, die vor Ort abgewehrt und besiegt wurden, oder sie wurden aus der Ferne mit nach Hause genommen, damit die eroberte Kriegsbeute zum Abschluß im Rahmen eines Siegesrituals im Moor geopfert wurde. Es wird angenommen, daß die leichten Waffen wie Speere und Schilde vorwiegend aus dem südlichen Norwegen, östlichen Schweden und aus Nordwestdeutschland kamen, insbesondere die Schwerter jedoch aus dem römischen Bereich.

Zusammenfassung

Es läßt sich zusammenfassend sagen, daß die Auswertung der Massenfunde eine recht gezielte Einteilung erlaubt, wodurch Waffenbeuteopfer von individuellen Einzelopfern unterschieden werden können. Das ist an diesem Punkt wichtig, weil beiden Formen ein eigener Opferzweck zugrunde liegt – bei der Waffenbeute aus Dank für das gewährte Kriegsheil über das besiegte Heer, während beim individuellen Waffenopfer die Übergabe von etwas Wertvollem im Vordergrund steht, als Bitt- oder Dankopfer auch möglicherweise mit einem Schutzaspekt verbunden. Beispielsweise einen Speer oder ein Schild in Zeiten großer Not nicht nur im materiellen Sinne, sondern als Schutz für die Sippe vor drohendem Unheil zu geben – oder ein Schwert im Nachhinein aus Dank für die überwundene Notlage zu opfern.

Einige Mooropferplätze dienten in gewissen Zeitabschnitten auch gleichzeitig als Opferplätze mit kriegerischem und bäuerlichem Charakter, wie beispielsweise in Skedemosse, wo zur selben Zeit Gefäße mit Speisen und Waffen- sowie Goldopfer registriert wurden. Hier muß also innerhalb dieser Mischform unterschieden werden. Was alle Opfer jedoch miteinander verbindet, sind die bevorzugten Opferstellen in Seen, Mooren und Flüssen. Gewässer wurden als Tore zur anderen Welt gewählt, nicht nur weil die Opfergaben dem weiteren Zugriff entzogen sind [1]. Sie bedeuteten das Herstellen und Aufrechterhalten einer Beziehung zwischen Göttern und Menschen [11].

Mein Speeropfer

Letzten Herbst 2013 sind wir in eine bedrohliche Situation geschlittert, als ich während unseres Umzugs (und allgemeinen Veränderung unserer Lebensphase) plötzlich meinen Job verlor. Wir wurden abrupt mit der Entscheidung konfrontiert, unsere gesamte Planung zu stoppen und mit erheblichen Verlusten rückgängig zu machen, oder aufs Ganze zu gehen und das Beste zu hoffen. Wir entschieden uns für letzteres. Eine Zeit schlafloser Nächte und enormer Bemühungen begann. Das Schicksal, das uns zugeteilt worden war, möchte ich existenzbedrohend nennen.

Die Herbsttagundnachtgleiche kam näher und in mir wuchs der Entschluß, etwas ideell sehr Wertvolles zu opfern: Einen Speer, den ich vor über einem Jahrzehnt vom Schaft bis zur Spitze selber geschaffen habe. Es war damals enorm mühselig, die Spitze aus einem Stück Flachstahl herauszuarbeiten. Eine gesamte Lebensphase begleitete er mich und war für mich persönlich von hohem Wert.


Aus der Notlage heraus entschloß ich mich, meinen Speer während des Herbst-Blóts zu opfern. Ich zerbrach den Schaft und legte ihn ins Feuer - übrig blieb nur die Metallspitze. Ich vergrub sie am Rande einer Großsteinsetzung.
Doch es war kein Ausweg in Sicht. Im Gegenteil, Woche um Woche wurde es problematischer. Selbstverständlich legte ich die Hände nicht in schicksalsergebener Hoffnung in den Schoß, daß uns die Lösung zufallen möge - vor das Ergebnis stellten die Götter den Schweiß. Sie erwarten, daß wir kämpfen. Und so trat wenige Wochen nach dem Waffenopfer das erlösende Ereignis ein. Am Morgen dieses Tages hielt ich mich in Mecklenburg-Vorpommern auf, stand morgens am geöffneten Fenster mit einem Becher Kaffee in der Hand, war angespannt und ließ meinen Blick über die Felder hinüber zum ruhigen See gleiten. Über einer seitlichen Baumreihe plötzlich ein rauhes Rufen... zwei Raben stiegen über die Wipfel der Bäume, flogen eine Runde und verschwanden hinter der Anhöhe. Ab da hat es sich wieder zum Guten gewandt, beinahe in letzter Minute…

 

Quellen und Verweise

 

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Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: - | Weitere Autoren: - | Stand: 25.01.2014 | Urheberrecht beachten!