Herbstblót

Raidho Kenaz Gebo

Inhalt

Allgemein

Beim Herbstfest wird vielen Gottheiten gedankt, die alle je in ihrer Weise an der Ernte und dem Wohlergehen der Menschen beteiligt sind. Freyr und Freya für ihre zur Fruchtbarkeit gewordenen Kraft, Frigg, die Haushalt und Mütterlichkeit vereint; Woðan, der Befruchter; Thor, der Beschützer. Ihnen allen wird in einem groß angelegten Blot gedankt. Der Altar sollte festlich geschmückt werden und wie heute noch beim Erntedank üblich, dürfen Früchte nicht fehlen. Dazu gehören auch Kräuter, die in der Zeit nach Mittsommer gesammelt und getrocknet werden, um sie später als Räucherwerk zu verwenden. Kräuterbündel aus Beifuß, Schafgarbe, Rainfarn und vielen mehr werden für die Kräuterweihe bereitgelegt.

Herbst, die Tage beginnen recht kühl und manchmal auch schon neblig. Die Zeit des Altweibersommers geht vorbei. Die Bezeichnung "Altweiber" bezieht sich möglicherweise auf die Nornen, die am Gewebe des Schicksals spinnen. Im Altweibersommer sieht man einige dieser "Fäden" durch die Lüfte treiben. Nach anderer Deutung sollen diese Fäden das graue Haar alter Frauen symbolisieren.

Ursprünglich vermischten sich in diesem Fest Dank an die Erdmutter (für die Wachstumskraft, die sich in der Ernte manifestiert hat) mit Dank an den Himmelsvater (für Sonne und Regen, die die Ernte gedeihen ließen). Die Rune Gebo ist dazu sehr passend. Raidho symbolisiert hier die vollendete Ordnung und Kenaz das Wissen, die Einsicht.

Festzeitpunkt

Zum Herbstopfer, an. Haustblót, gibt es verschiedene Hinweise in den altnordischen Sagas. Manche erwähnen es zur Zeit der Winternächte (Vetrnætr). Andere Schriftzeugnisse lassen hingegen die Nähe zur Tagundnachtgleiche im September erkennen. Wichtig ist auf jeden Fall der Zusammenhang mit den großen Thingversammlungen, denn diese waren nicht nur gemeinsame Beratungen und Rechtsthinge, sondern auch Opferfeste. De Vries geht sogar davon aus, daß der Zweck dieser Zusammenkünfte ursprünglich ein religiöser gewesen ist, aber weil dies auch die Gelegenheit bot, öffentliche Angelegenheiten zu behandeln, bekamen sie auch eine rechtliche und politische Bedeutung.

Für den angelsächsischen Bereich läßt sich auf den von Beda Venerabilis (De temporum ratione, c.15) überlieferten Monatsnamen hālægmōnath hinweisen, der als mensis sacrorum, also der heilige Monat erläutert wird. De Vries verdanken wir in diesem Zusammenhang den Verweis auf die aufschlußreiche Stelle in einem altenglischen Text (Herzfeld, Early English Text Society Nr. 116):

[...] se mōnað hātte on lēden Septembris ond on ūre geþeode hāligmōnað, forðon þe ūre yldran, þā þā hi hæðene wæron, on þām mōnðe hi guldon heora deofolgeldum.

[...] dieser Monat hieß auf Lateinisch Septembris und in unserer Sprache Heiligmonat, weil unsere Vorfahren, als sie noch Heiden waren, in diesem Monat ihre Teufelsopfer hielten.

Für den westgermanischen Bereich gibt es eine Mitteilung aus römischer Zeit, daß die Nerthusfeier im Frühling abgehalten wurde, während die Opferfeier der Göttin Tamfana im Spätsommer zur Zeit der germanischen Ernte- und Herbstfeierlichkeiten stattfand.

Für den nordischen Bereich möchte ich zunächst eine Stelle im Ágrip af Nóregs konunga sögum heranziehen, die ich auf der Seite zum Mittsommerblót ausführlich behandle. Hier geht es um die Substitution heidnischer Opferfeste durch christliche Feiertage, erwähnt wird ein haustǫl, ein Herbstbier zur Michaelismesse im September.

Weiterhin berichtet Snorri Sturluson in der Heimskringla (II, 223) von drei Opferfesten, und zwar im Herbst (at vetrnóttum) nach der Ernte til árs (Jahreswachstum), im Mittwinter til gróðrar (gute Ernte) und das dritte im Anfang des Sommers til sigrs (für den Sieg):

In Drontheim ist fast das ganze Volk heidnisch, wenn auch einige Männer dort getauft sind. Nun ist es Brauch, im Herbst ein Opfer zu begehen und den Winter zu begrüßen, ein zweites zu Mittwinter und ein drittes zum Sommeranfang, um den Sommer zu begrüßen.

In der Egils Saga heißt es in Kapitel 2:

Einmal im Herbst war viel Volk in Gaular zum Herbstopfer zusammengekommen.
Isländersagas

In der Saga von den Leuten auf Eyr, der Eyrbyggja Saga, lesen wir in Kapitel 12 von einem Herbstgelage, welches fester Bestandteil der Opferfeierlichkeiten war:

Þorgrím tötete Vésteinn Vésteinsson beim Herbstgelage im Haukadal. Im Herbst darauf aber, als Þorgrím fünfundzwanzig war, wie sein Vater bei seinem Tod, da erschlug ihn sein Schwager Gísli beim Herbstgelage auf Sæból.
Isländersagas

In Kapitel 32 wird ein Herbstgelage noch mal in folgendem Zusammenhang erwähnt:

In diesem Herbst veranstaltete Arnkell bei sich ein großes Herbstgelage, und es war seine Gewohnheit, seinen Freund Úlfar zu allen Gelagen einzuladen und ihn dann jedes Mal mit Geschenken zu verabschieden.
Isländersagas

Aus der Víga-Glúms Saga erfahren wir in Kapitel 27 von einem Herbstthing. Und wie weiter oben bereits erwähnt, war eine Thingversammlung auch immer mit einem Blót verbunden.

Den Sommer über hielt sich Glúm auf seinem Hof auf. Es war seine Pflicht, das Herbstthing mit einer Zeremonie zu eröffnen und den Thingfrieden zu verkünden.
Isländersagas

Das Herbstthing wird auch in der Grágás, dem altisländischen Rechtsbuch, beschrieben:

Das Herbstthing soll man heiligen gleich wie die anderen Thinge, und die Rechtsbuße des Mannes erhöht sich dort an dem geheiligten Herbstthing wie an den Thingen. Baetke

In der Gísla saga Súrssonar ist von einem Herbstblót zur Zeit der Winternächte zu lesen, in Kapitel 15:

Þorgrím wollte zur Zeit der Winternächte ein Herbstfest feiern, den Winter zu begrüßen und dem Gott Frey zu opfern, und dazu lädt er seinen Bruder Börk ein und Eyjólf Þórðarson und viele andere angesehene Leute.
Isländersagas

Fazit

Es stellt sich jetzt natürlich die Frage, wie sich das einordnen läßt. Wir haben verhältnismäßig viele Hinweise zum Herbstblót, die sich jedoch allesamt nur schwer zeitlich bestimmen lassen. Nach unserem heutigen Kalender würde ich sie größtenteils im späten September verorten. Genauere Angaben lassen sich wohl nicht treffen, denke ich. Obwohl ich aber auch sagen muß, daß wir mit dieser Menge an Schriftzeugnissen gar nicht schlecht dastehen. Von daher tendiere ich dazu, das Herbstblót auf die Tagundnachtgleiche im Herbst zu legen.

Darüber hinaus sehe ich das Herbstblót und die Winternächte als eigenständige Feste an, allein daher, weil Herbst und Ernte, sowie Winternächte und Winterbeginn thematisch nicht zueinander passen.

 

Götter und Opfergaben

Wie eingangs geschrieben, gilt unser Dank für Ernte und Wohlergehen besonders Freyr und Freya für ihre zur Fruchtbarkeit gewordenen Kraft, Frigg, die Haushalt und Mütterlichkeit vereint und Thor, der in seinen sommerlichen Fahrten die heranreifenden Pflanzen vor Hagel und Sturm verschonte, während er donnernd durch die regenschweren Wolken fuhr. An Woðan läßt sich jetzt, aber auch noch mal zu Jul, speziell unter dem Aspekt des Sigrblót denken. Denn hier sprachen wir ihn als Sigföðr an, den wir um Heil und Beistand für die jährlichen Vorhaben, Wünsche und Nöte baten. Nicht wimmernd in schicksalsergebener Hoffnung, daß uns das Glück in die Hände fallen möge, tatenlos und bequem, wie es unsere Gesellschaft vielerorts nunmal gern hätte. Nein, aufrecht um den bitteren Funken bittend, der über Gelingen oder Nichtgelingen entscheidet. Anders brauchen wir dem Sigföðr nicht entgegenzutreten und anders wird er unseren Dank wohl auch nicht annehmen wollen.

Als Opfergabe eignet sich daher alles, was irgendwie mit der Ernte zusammenhängt. Also klassischerweise Obst und Gemüse vorzugsweise aus eigenem Anbau, Getreide, Nüsse, Kräuter, selbstgebackenes Brot, selbstgebrautes Bier, selbstgegorener Met und vieles mehr.
Gegenüber dem Sigföðr muß man selbst abwägen, wie man ihm seinen Dank entgegenzubringen gedenkt. Denn auch hier gilt - und vielleicht ganz besonders: Jede Gabe verlangt Gegengabe.

Besser nichts erbittet,
als zuviel geopfert:
auf Vergeltung die Gabe beruht.
Besser nichts gegeben,
als zu Großes gespendet.

Das Opfer öffnet den Weg zu einem Wirken der Gottheit. Der Mensch darf darauf gefaßt sein, daß der Gott aus seiner Macht heraus die Gabe erwidern wird, aber man weiß im Voraus nicht, wie die Antwort lauten wird. Man soll mit großer Behutsamkeit zu den Göttern in Beziehung treten. [...]
Der Opfernde stellt sich mitten in dieses Kraftfeld hinein; aber es hängt nicht von ihm ab, wie sich die dort geballte Kraft entladen wird. Die Strophe der Hávamál ist mithin nicht Ausdruck einer bäuerlichen Sparsamkeit, sondern einer tiefen religiösen Ehrfurcht.
De Vries

Quellen und Verweise

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Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: Stilkam | Weitere Autoren: - | Stand: 10.08.2018 | Urheberrecht beachten!