Der Opferzweck in altnordischen Quellen

Anhand des Wortschatzes, der in der nordgermanischen Überlieferung die jeweilige Opferhandlung beschreibt, läßt sich das Ziel der religiösen Handlung herausstellen. Unter den Termini, die sich auf das Opfer und die Opferhandlung beziehen, steht 'blóta' an erster Stelle.

 

Blóta til árs 

Als in Schweden ein schlechtes Jahr herrschte, wurde dies vom Volke allgemein auf die mangelnde Opfertätigkeit des Königs Olaf zurückgeführt. Nach Snorri versuchten sie dem Übel durch das Königsopfer abzuhelfen. Er erwähnt in der entsprechenden Strophe des Ynglingatal ein Königsopfer 'til árs' in Verbindung mit Odin.

Die erweiterte Formel 'blóta til árs ok friðar' ist bei der Forderung der Bauern an König Hakon bezeugt: "Bœndr segja, at beir vilja, at konungr blóti til árs þeim ok friðar, svá sem faðir hans gerði." Daraus läßt sich schließen, daß in Snorris Vorstellungen das 'blóta til árs ok friðar' zu den Pflichten des Königs gehörte. Ob es sich dabei ausnahmslos um eine heidnische Kultformel handelt, ist nicht ganz klar, weil sie erst in der späteren Dichtung bezeugt ist. Ein hohes Alter kann aber die Wendung 'blóta til árs' beanspruchen.

Blóta til gróðrar (til friðar ok vetrarfars) 

Die Formulierung 'blóta til gróðrar' kommt in der Ynglinga saga des Snorri Sturluson vor: "Þá skyldi blóta í móti vetri til árs, en at miðjum vetri blóta til gróðrar, it þriðja at sumri, þat var sigrblót." Das heißt: Man soll die Feste feiern zum Winteranfang für das Jahreswachstum, zum Mittwinter für die Ernte und zum dritten Mal am Sommeranfang. Das ist das Siegesfest.

Nach Snorri hat das 'miðvetrarblót' auch die Bestimmung 'til friðar ok vetrarfars góds.' Beide Formulierungen sind wohl als Zweckbeschreibungen des Mittwinteropfers zu betrachten. 'Vetrarfar' kommt nur in der Örvar-Odds saga vor (2. Völvan spáði Oddi, http://www.snerpa.is), wo die Völva Heiðr 'um vetrarfar ok forlög' weissagt.

Hafa blót fyrir til farsældar 

Nach der Heiðreks saga findet dieses Blót zu Beginn des Monats Hornung (Februar) statt. 'Farsæld' bedeutet Glück auf der Reise, gutes Fortkommen und Wohlstand im allgemeinen. Die Heiðreks saga verwendet 'farsæld' im Hinblick auf einen guten Jahresverlauf bzw. das Opfer 'til farsældar'.

Blóta til langlífis

An mehreren Stellen taucht auf, für ein langes Leben zu opfern: Die Landnáma berichtet von Hrolleifr und seiner zauberkundigen Mutter Ljót: "Þorsteinn kvað þar verit hafa Hrolleif ok mun Ljót hafa blótat til langlífis honum."

Auch die Ynglinga saga weiß von einem Blót zum Ziel eines langen Lebens und König Hálfdan gamli soll nach Snorris Bericht um die Mittwinterzeit ein großes Opfer veranstaltet haben. Man wird nicht bezweifeln, daß der Wunsch nach einem langen Leben auch damals schon zu mancherlei Bittopfer Anlaß gab. Allerdings mutet dieses ichbezogene Opfer des Königs etwas eigenartig an, angesichts der kriegerischen Ethik der nordgermanischen Könige und ihrer Gefolgschaft. In einem heldischen Leben war es nicht gerade erstrebenswert, den Lebensabend friedlich in Altersschwäche (Ánasótt) ausklingen zu lassen.

Weiterer Aspekt: Hálfdan gamlis Opfer für ein langes Leben ist mit seinem Herrschaftsbereich verknüpft. Das Geschick des Herrschers ist mit dem des Landes verbunden.

Blóta til sigrs 

Ein 'sigrblót' konnte aus zweierlei Anlässen durchgeführt werden: Entweder aufgrund eines Kampfes oder als 'sigrblót at sumri' im Jahresrhythmus.  Die Isländischen Annalen berichten im Jahre 994 vom Sieg Blót-Hákons über die Jómsvikinger: "Því at hann blótaði syni sinum XI vetra gömlum Óðni til sigrs sér." Von diesem Kampf schreibt auch Snorri in der Óláfs saga Tryggvasonar: "Þat er sogn manna, at Hákon jarl hafi í þessi orrostu blótit til sigrs ser Erlingi, syni sinum, ok siðan gerði élit, ok þá snori mannfallinu á hendr Jómsvikingum." Nach den Berichten konnten vor und nach dem Kampf Opfer dargebracht werden. Die Isländischen Annalen und die Heiðreks saga nennen Odin als Empfänger des Opfers.

Die entsprechende Stelle des 'sigrblóts' im Jahresrhythmus kommt in der Ynglinga saga des Snorri Sturluson vor: "Þá skyldi blóta í móti vetri til árs, en at miðjum vetri blóta til gróðrar, it þriðja at sumri, þat var sigrblót." Das heißt: Man soll die Feste feiern zum Winteranfang für das Jahreswachstum, zum Mittwinter für die Ernte und zum dritten Mal am Sommeranfang. Das ist das Siegesfest.

Weiterer Aspekt: 'Blóta til bana männum' in der Ragnars saga heißt, daß die Männer (=Feinde) den Tod finden sollen. Dieses Blót kann man  also wohl als eine Art Opfer 'til sigrs' betrachtet werden.

Odin wird als Opferempfänger auch in der Helgakviða Hundingsbana (Str.30) aus Anlaß eines 'blót til foðurhefnda' genannt: Dagr, Hognis Sohn, opfert Odin zum Zwecke der Vaterrache. Odin leiht ihm seinen Speer und Dagr durchbohrt Helgi im Fjoturlundr. Dies ist die einzige Stelle, die ein spezielles Blót in Verbindung mit der Vaterrache kennt.

Blóta til fulltings 

In der Heiðreks saga (Hervarar saga ok Heiðreks) befindet sich die Aussage 'blótar Óðin til fulltings': "Gestumblindi var ekki spekingr mikill, ok fyrir þá sök, at hann veit sik vanfæran til at skipta orðum við konunginn, hann veit ok, at þungt mun vera at hlíta dómi spekinganna, því at sakir eru nógar, þat ráð tekur Gestumblindi, at hann blótar Óðin til fulltings sér ok biðr hann líta á sitt mál ok heitr honum miklum gæðum." (10. Gátur Gestumblinda, http://www.snerpa.is)

Die Version in der auf Altisländisch verfassten Hauksbók weicht nur geringfügig ab: "Síðan blótaði hann Óðin ok bað hann fulltings ok hét honum stórum gjöfum." (Heiðreksgátur)

In der Saga geht es um den mächtigen Mann Gestumblindi, der König Heidrek (Heiðrekr) erzürnt hat. König Heidrek sagt aber, daß jeder in Frieden gehen kann, der ihm ein Rätsel vorlege, das er nicht lösen könne. Gestumblindi wird nun vorgeladen und fürchtet verzweifelt um sein Leben, da er sich kein rettendes Rätsel zutraut. In seiner Not wendet er sich mit Opfern an Odin mit dem Versprechen, den Gott für seine Hilfe mit reichen Gaben zu belohnen. Kurz darauf erscheint ein Fremder in Gestumblindis Gestalt und geht zu König Heidrek. Die Rätsel werden in der Saga ausführlich dargestellt.

Blóta ok ganga til fréttar 

Mit dem Blót wird an einigen Stellen auch die Befragung des Willens der Götter in Zusammenhang gebracht. In der Eyrbyggja saga stellt Þórólfr Mostrarskegg die Entscheidung dem Gott Thor anheim, sich mit dem König auszusöhnen oder nach Island zu gehen: "Þórólfr Mostrarskegg fekk at blóti miklu ok gekk til frettar við þor [...]" . Auch Ingolfr, einer der berühmtesten Landnahmemänner, trifft seine Entscheidung durch ein Blót: "Þenna vetr fekk Ingólfr at blóti miklu ok leitaði sér heilla um forlog sin [...]". Nach der Egils saga gibt Þórir vor der Fahrt zum großen Opferfest zu Gaular den Rat: "Skal Þórólfr blóta ok leita heilla þeim broeðrum." Das läßt darauf schließen, daß a) das 'ganga til fréttar', also das Befragen des Willens der Götter beim Opfer geschah. Wichtige, ja geradezu existenzielle  Entscheidungen wurden der Stimme der Götter beim Blót anheimgestellt. Und das b) 'leita sér heilla', also das Bitten um persönliches Heil beim Blót erfolgte. Die Landnáma spricht von dem 'leita sér heilla um forlog sin' und die Eyrbyggja saga weist fast den gleichen Wortlaut auf.

 

Quelle

Beck 

 

Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: - | Weitere Autoren: - | Stand: xx.03.2015 | Urheberrecht beachten!