Historische Orte

Kultstätten und Haine

"... ergeben sich folgende Kennzeichen und Funktionen der heiligen Haine als Stammesheiligtümer: Im Hain wurde das Idol der Gottheit aufgestellt, es wurden hier Altäre errichtet, Menschenopfer dargebracht, heilige Gegenstände als Kriegsbeute aufbewahrt, er war eine Versammlungsstätte, wo wichtige Stammesangelegenheiten beraten und durch Eid beschlossen wurden, und es fanden dort Feste sakraler Bedeutung statt."
   G. Behm-Blancke, in: B. Krüger

Zunächst einmal muß man wohl unterscheiden zwischen früheren heiligen Orten und solchen, die heute als solche deklariert werden. Menschen, die sich heute an alten Begräbnisstätten versammeln, weil das "Kraftorte" sind, vergessen eventuell, daß das damals 'nur' ein Begräbnisplatz war und die Rituale und Opfer an anderen Orten abgehalten wurden, z.B. in 'Heiligen Hainen', die wir heute natürlich nur schwer lokalisieren können. Bestes Beispiel ist das Heiligtum der Tamfana, der marsischen Göttin. War Tamfana nun die Gottheit oder das Heiligtum? War es ein heiliger Hain? (s. meine Tamfana-Seite)

"Der Ort sakral motivierter Niederlegungen bleibt ... im nördlichen Mitteleuropa und in Nordeuropa bis weit ins 1. Jt.n.Chr. gleichartig: Seen, Flüsse, Moore, feuchtes Gelände sind jene Stellen, die bevorzugt zur Vollendung des Opfergeschehens aufgesucht wurden."
   Müller-Wille

Die Heiligkeit der Gewässer (Quellteiche, Moore) kann durch die überaus zahlreichen Opferfunde von dort als erwiesen gelten; alle indogermanischen Völker verehrten Flüsse und Quellen. Aufgrund von Funden kann man auch annehmen, daß an diesen Orten hölzerne Idole standen. Diese Idole oder auch Holztafeln wurden wohl auch an Bäumen angebracht. Ein weiterer Beweis sind spätere Bestimmungen aus christlicher Zeit, in denen die Verehrung von Steinen, Bäumen und Quellen als heidnischer Unfug angeprangert wird. Es gab auch Quellen, die als heilkräftig angesehen wurden (heilawác / heilwaege).

"Als Willebrord die Insel Fositesland besuchte, fand er dort eine heilige Quelle, aus der man nur schweigend schöpfen durfte."
   [De Vries]

Auch Bäume waren den Germanen heilig - man denke nur an die Donar geweihten Eichen und die berühmte Fällung der Donarseiche (robur jovis) bei Geismar durch den Missionar Bonifatius im Jahre 723. Ein mächtiger Baum unbekannter Art wird auch im Zusammenhang mit dem Tempel in Uppsala von Adam von Bremen erwähnt. Auch die Tradition der "Sippenbäume" (schwed. várdträd, norw. tuntre) kann hier erwähnt werden, die von einem Bauern gepflanzt wurden und als Schutzzeichen (oder Wohnort des Schutzgeistes) der Sippe gesehen wurden. Und natürlich muß in diesem Zusammenhang auch der Weltenbaum Yggdrasil erwähnt werden. Aber: man glaubte damals wohl nicht, daß "im Baum" übernatürliche Wesen oder Gottheiten wohnten, sondern der jeweilige Baum war heilig, weil er in ganz enger Beziehung zu einem Gott stand. "Der Baum war an sich schon heilig und zwar durch den symbolhaften Charakter des natürlichen Wachstums." (De Vries)

Außer Einzelbäumen konnte auch der Wald oder ein Hain heilig bzw. Gottheiten geweiht sein. (s. die Beschreibung des Semnonen-Hains oder des Hains der Nerthus in der Germania). Noch heute verweisen darauf alte Namen, beispielsweise in der Umgebung der einstigen Wikingerstadt Haithabu: Tieslund oder Thiesholz (Gott Tiu / Tiwaz / Tyr), Wonsdamm (Wotan) oder Thorsberg (Donar / Thor). Im skandinavischen Raum verweist z.B. die Endung -lund (oder -vi, -ve) auf einen heiligen Hain: der Frølund war wohl dem Freyr geweiht. Althochdeutsch weist die Endung -loh, angelsächsisch -hearg auf solche Haine. Maier hingegen vermutet, daß der Hinweis auf heilige Haine ein "antikes Klischee" widerspiegeln könne, "das sich zum einen aus der Ablehnung von Tempeln durch die stoische Philosophie, zum anderen aus antiken Vorstellungen vom Wald als Lebensraum zivilisationsferner Naturvölker erklärt".

Auch Berge (bzw. deren Gipfel) wurden als heilig verehrt und / oder waren Orte von Kulthandlungen bzw. Thingversammlungen. Als Beleg dafür führt de Vries an, daß es allein in Deutschland mehrere Wodansberge (Godesberge; der wechselnde Anlaut G- bzw. W- ist mehrfach belegt) und Donnersberge gibt. Man denke z.B. an den Godesberg bei Bonn, der in alter Urkunde "Wodenesberg" heißt. In Skandinavien findet man neben dem Odinsberg auch den Freberg / Fröberga (Freyr). Im Zusammenhang mit Thor / Donar sind die "Donnersberge" zu erwähnen. Als Faustregel kann man folgendes nehmen: Michaelsberge verweisen auf Wotan, Petersberge (Petrusberge) auf Donar. Hier wird auf den Erzengel Michael als Führer der himmlischen Heerscharen angespielt, wie auch auf das aufbrausende Naturell Petrus', der bei der Gefangennahme Jesu als einziger Gewalt anwendet. Auch spricht für diese Faustregel, daß Petrus noch heute mit dem Wettergeschehen assoziiert wird.
Was verbanden die Germanen mit Hügeln und Bergen? Vermutlich sahen sie darin Kraftzentren der Erde. Auch künstliche Hügel wurden verwendet, nämlich Hügelgräber der Ahnen. De Vries spricht vom "Hügelthron" und verbindet Hügelgrab (Ahnengrab) mit dem Königsthron (als Beispiel wird der Ynglingehögen in Småland, Schweden, genannt). Das deckt sich mit der Vorstellung von Herrschern, die in Bergen ruhen und in Zeiten der Not wiederkehren sollen (König Arthus - Cadbury Hill, Somerset; Karl der Große - Untersberg (Berchtesgadener Alpen) bei Salzburg; Kaiser Friedrich I. "Barbarossa" - nach unterschiedlichen Sagen entweder im Untersberg, im Kyffhäuser oder im Trifels (Pflälzerwald); Kaiser Friedrich II. - Kyffhäuser (Thüringen); Herzog Widukind - Hügel an der Weser; König Olafr Geirstaðaalfr - Grabhügel in Geirstadir).

Die Orts- und Gewässernamenforschung leistet wichtige Beiträge. Ortsnamen (Toponyme) können "theophor", auf einen Gott bezogen, sein. Für Skandinavien hat man etwas über 1000 solcher Ort finden können (Schuppener). So ist z.B. Thor der am häufigsten überlieferte Name (speziell gilt dies für Island).
De Vries stellt - ohne jedoch daraus allzuviel zu folgern - die verschiedenen Ortsbezeichnungen nebeneinander: Bildungen mit -heimr und -land sind in Norwegen häufig, finden sich jedoch in Schweden nur ganz vereinzelt, wo norwegischer Einfluß nicht ausgeschlossen werden kann. Demgegenüber sind -lund- und -tun-Namen in Schweden häufig, fehlen aber in Norwegen. Wörter mit -hof finden sich nur in Norwegen, wohingegen die älteren horgr-Namen hier fehlen (in Schweden aber häufig sind). Wörter mit vé sind in Schweden häufig, in Dänemark gibt es nur Odinsvé (Odense) und in Norwegen fehlen sie. Hier sind Kultentwicklungen offenbar unterschiedlich verlaufen.
Die germanischen Siedler auf den britischen Inseln brachten auch ihre Götter mit, das zeigen dortige Ortsnamen, die Tiw, Thunor, Woden und Frigg enthalten.

"Soll man daraus schließen, daß Odin, der in der Edda sehr häufig, in Ortsnamen hingegen sehr selten vorkommt, mehr eine literarische Figur als ein wirklich verehrter Gott war, und daß umgekehrt Freyr, Njörd und Freya viel eifriger verehrt wurden, als aus der Edda ersichtlich ist?"
   [Derolez]

Wichtige Funde

Im Ernting 2000 wurde in Aaby, südlich Stockholm, zum ersten Mal in Skandinavien eine Art Tempel im Bereich eines eisenzeitlichen Gräberfeldes entdeckt. Die Überreste (Pfostenlöcher, Türschwellensteine) messen ungefähr 14m im Durchmesser, haben eine fünfeckige Form und werden auf die Zeitspanne 200 v.u.Z. - 200 u.Z. datiert. Die recht ungewöhnliche Form läßt zwei Schlüsse zu: Es war ein religiöses Gebäude (es wurden auch keine Gräber im Innern gefunden) und es könnte durch römische Sitten beeinflußt gewesen sein. Nichtsdestotrotz zeigt der Fund, daß "germanische Tempel" nicht ganz so abwegig sind, wie vielfach behauptet (siehe auch die Uppsala-Seite).

Bei der Neufassung des Brodelbrunnens in Bad Pyrmont, Deutschland, fanden sich etwa 300 geopferte Fibeln und andere Metallgegenstände, datiert vom späten 1. Jhd. v.d.Z. bis zum 4./5. Jhd. u.Z.

Zu nennen und weiter auszuführen wären hier auch der Opfersee von Oberdorla in Thüringen, Deutschland; das Thorsberger Moor bei Süderbrarup, Deutschland, und weitere ...

Nordische Heiligtümer der Frühzeit

Dänemark

Norwegen

Schweden

Neue Kultstätten?

Bei der Frage "Kann man sich neue Kultplätze schaffen?" steht ganz klar die historische Dimension im Vordergrund: Man hat bei diesem Thema sofort bekannte Kultorte wie z.B. Stonehenge, die Externsteine oder andere vor Augen. Diese Plätze sind geschichtliche Zeugen, wir fühlen uns gerade von Großsteindenkmälern (Visbeker Bräutigam, Ekornavallen) angezogen. Diese Örtlichkeiten haben über Jahrhunderte oder Jahrtausende hinweg "Bedeutung" für Menschen gehabt. Sensible Menschen können an solchen Orten "etwas" spüren, was diese von anderen Orten unterscheidet. Mich zieht es z.B. immer wieder zu den Externsteinen, die ich irgendwann gerne als offizielles, neuheidnisches Naturdenkmal sehen möchte. Die eingangs gestellte Frage ist dann einfach zu beantworten, wenn man sich in die Situation des "einfachen, germanischen Bauers" versetzt, was meist sehr hilfreich ist, wenn man über ähnliche Fragen nachdenkt: Wir alle haben unsere "heimlichen" Plätzchen im Wald, Orte, die uns viel bedeuten. An solchen leicht erreichbaren Orten wird der Bauer geopfert haben. Aus privaten Plätzen werden sich Orte der Sippenopfer entwickelt haben. Dort wird man auch die Toten begraben haben, um später dann an den Hügeln der Ahnen Eide zu schwören und Hochzeiten zu begehen. Spürte man darüberhinaus an diesen Plätzen eine ganz besondere Kraft am Werke, dann kann man sich gut vorstellen, daß solche Plätze auch für größere Opferhandlungen attraktiv wurden. Man sollte sich also von seinem Instinkt leiten lassen und geeignete Orte zum Opfern aufsuchen. Jeder heutige Kultplatz hat eine Geschichte und eine zeitliche Dimension. Es ist also völlig legal, eine neue Tradition auf einem neuen Platz zu begründen. Mir persönlich ist dann auch eine zeitliche Kontinuität wichtig: Ich würde einen Platz als "neuen Kultplatz" bezeichnen, wenn an ihm über mindestens 3 Generationen hinweg geopfert wurde.

"Wer hätte ferner ... Asien oder Afrika oder Italien den Rücken kehren und nach Germanien ziehen wollen, das ohne Reiz im Aufbau seiner Landschaft und rauh im Klima, dessen Bearbeitungsmöglichkeit kümmerlich und dessen Gesamteindruck niederdrückend ist - es sei denn, es wäre seine Heimat?"
   [Tacitus]

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!