Stammbaum der Götter

"Die Mythen enthalten Initiationsmuster und Bilder archetypischer Erfahrungen, die auch in unseren Träumen und Märchen wiederkehren. Es sind keine naturalistischen Geschichten, sondern ineinander verschlungene Metaphernströme, in denen wir umherirren wie in einem Labyrinth mit Tausenden von Türen, hinter denen sowohl die Schönheit als auch das Grauen lauern."
   R. Sünner

Erschaffung
Beziehungen
 Ragnarök

"Es war nicht in erster Linie die Absicht des Dichters, eine damals schon bekannte mythische Erzählung von den Ragnarök zu behandeln, sondern er hat damit eine Weltanschauung aussprechen wollen. Die Hauptsache ist für ihn, wie die Ragnarök sich ereignen werden, welche Kräfte das Dasein der heutigen Welt bedrohen und wie sich die Zukunft gestalten wird. Das Geschehen gipfelt in dem Gegensatz Odin : Baldr. Die alte zum Untergang neigende Welt ist eine Odinswelt; die neue Welt gehört Baldr. Deshalb sieht er ihn als den schuldlos gestorbenen Gott, der nicht an den Verbrechen der Vorzeit beteiligt ist und in die wiedergeborene Welt als neuer Herrscher eingehen kann. So enthält das Gedicht die Zukunftsvision eines Mannes, der sehnsüchtig nach Erlösung aus dieser bösen Welt von Kampf und Trug, von Laster und Sünde verlangt. Aber daß seine Gedankenflucht ihn so hoch trägt, ist nur dadurch zu erklären, daß er einen Glauben kennengelernt hat, der seinen Bekennern dieses Siegesbewußtsein über eine sündige Welt einflößte. Dennoch war der Dichter kein Christ. Er war ein frommer Mensch, der davon überzeugt war, daß in dem heidnischen Glauben die Kräfte zur vollständigen Regeneration zu finden seien. Die Voluspá ist das erschütternde Bekenntnis einer Seele, die zwischen zwei Weltperioden lebt; mit seinem Herzen hängt der Dichter an dem Alten, aber seine Sehnsucht führt ihn schon dem Neuen entgegen. So konnte er zum größten Künstler des germanischen Altertums werden, und zwar durch die Tiefe seines männlichen Gemüts, die feste Überzeugung seines Glaubens, den Ernst seiner sittlichen Gesinnung und den hohen Flug seines Verlangens nach einer besseren Welt."
   [J. de Vries]

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!