Winternächteblót

Begrüßung der dunklen Jahreshälfte

Winternächteblót, Winternachtsblót, Winternächte, Ahnengedenken, an. vetrnáttablót, is. veturnáttablót 

Wunjo Hagalaz Nauthiz

Inhalt

Allgemein

Die Winternächte, an. vetrnætr, kennzeichnen im germanischen Jahreskreis den Winterbeginn. Oft werden sie als zweites Dísablót im Jahr bezeichnet.
Die Nächte sind schon empfindlich kalt, je nach Lage friert es nachts bereits. Der Winterbeginn führt uns die Vergänglichkeit vor Augen. Unsere Tätigkeiten richten sich jetzt mehr nach innen, einerseits auf das häusliche Leben bezogen, andererseits aber auch auf uns selbst. Ganz pragmatisch läßt sich das auch im eigenen Garten beobachten: Wer eigenes Obst und Gemüse anbaut und über das Jahr mit verschiedenen Arbeiten an Haus und Hof beschäftigt ist, weiß, daß sich die Schaffenskräfte im Frühjahr zunehmend draußen entfalten, während sie sich gen Winter mehr und mehr nach drinnen verlagern.

Ahnengedenken

Die Bäume verlieren ihre Blätter und mit der 'dahinwelkenden Natur' werden auch die Gedanken der Menschen auf ihre Toten gelenkt. Daher tritt in den Winternächten ein weiterer Aspekt hervor, der in den Sommermonaten, sowie der gesamten hellen Jahreshälfte, weniger im Vordergrund steht - die Ahnenehrung. Das Vergängliche liegt nebelschwer über dem Land und läßt in manchen Momenten die Konturen zwischen den Welten verschwimmen. An manchen Abenden, oft schon späten Nachmittagen, wenn sich erste Nebelschwaden in Senken, an Ufern oder Waldrändern sammeln und langsam herankommen, läßt sich nur erahnen, ob einen der nächste Schritt bereits nach Nebelheim trägt... oder an einen anderen mythischen Ort auf Yggdrasils Pfaden. Möglicherweise gehört die Suche nach Rückverbindung zu den ältesten Formen religiöser Tätigkeit. Doch häufig müssen wir gar nicht so weit zurückblicken. Viele werden die schmerzvolle Erfahrung kennen, jemandem aus dem Kreis der Familie, Verwandten oder Freunde verabschieden zu müssen... für immer. Ins Reich der Ahnen, wo dies im Einzelnen auch sein möge: Walhall, Folkwang, bei Rán und Ägir oder Mutter Erde... So gedenken wir all jenen, die diesen letzten Weg gegangen sind und nun nicht mehr bei uns in Midgard verweilen. Dennoch sind sie bei uns, wenn auch nicht sichtbar. Und diese "Fenster" zwischen den Zeiten sind es, die uns Raum geben, ihre Anwesenheit zu spüren und ihnen für das Gewesene zu danken.
Vielleicht sollte man aber auch nicht darüber hinwegsehen, daß die Ahnenehrung noch einen weiteren Gesichtspunkt mit sich bringt. So wie die Vorfahren ihre Fußspuren auf dem Alten Pfad hinterlassen haben, werden wir einst auch das Unsere an die Nachkommen weitergeben. Wer wird das sein? Vielleicht wissen wir es schon. Wenn uns eigene Nachkommen nicht vergönnt sind, können wir's nicht ändern. Doch aus eigener Entscheidung kinderlos zu bleiben, lässt sich mit der Alten Sitte der Ahnen nur schwer vereinbaren.

Winternächte und Halloween

Die Winternächte kann man als Äquivalent zu Halloween ansehen, als "germanisches Halloween" sozusagen. Sprachlich kommt es von "All Hallows Evening", dem "Allerheiligenabend", der aus dem katholischen Irland im 20.Jahrhundert nach Amerika kam. Die Ursprünge reichen aber weiter zurück und sind in der keltischen Tradition des Samhainfests zu finden.
Auch wenn uns in heutiger Zeit weitestgehend nur noch die durch Kommerzialisierung degenerierte Spaßfest-Variante beglückt, der man sich allein schon dadurch schwer entziehen kann, weil's die Kinder in Kita und Schule so kennenlernen, lassen sich die heidnischen Elemente unschwer erkennen. Im Grunde kann man also guten Gewissens außer Haus den Halloween-Trubel beobachten, während man zu Hause von den Winternächten spricht, deren Höhepunkt das Blót darstellt. Und es den eigenen Kindern auch so zu verstehen gibt. Selbst die Kürbisse integrieren sich bestens in die heimische Tradition. Immerhin wachsen sie im eigenen Garten. In manchen Gegenden kennt man auch den Brauch der "Rübengeister" und "Rübenlaternen". Wie hier beim Ahnenfest des "Aldsidu Honovere" bei Hannover:

Festzeitpunkt

An mehreren Stellen läßt sich aus der Sagaliteratur der Brauch entnehmen, den Winter mit einem Vetrnáttablót zu begrüßen. So heißt es in der Saga von Gísli Súrsson (Gísla saga Súrssonar) in Kapitel 10:

Und so vergeht der Sommer, und es geht auf die Winternächte zu. Es war damals bei vielen Leuten Brauch, zu dieser Jahreszeit den Winter zu begrüßen und dann Festgelage und Winternachtsopfer zu halten.
Isländersagas

Als Opferempfänger wird namentlich der Gott Frey genannt, in der gleichen Saga Kapitel 15:

Þorgrím wollte zur Zeit der Winternächte ein Herbstfest feiern, den Winter zu begrüßen und dem Gott Frey zu opfern, und dazu lädt er seinen Bruder Börk ein und Eyjólf Þórðarson und viele andere angesehene Leute.
Isländersagas

In der Saga von Håkon dem Guten (Hákonar saga góða) wird von dem Opferfest in Lade (blótveizla á Hlöðum) zur Herbstzeit an den Winternächten (haustit at vetrnótuum) berichtet. Es wird das erste Horn erhoben, Jarl Sigurd trinkt zu Ehren Odins und als er es an König Hakon weiterreicht, macht dieser jedoch das Kreuzeszeichen (krossmark) darüber. Die anderen Männer fassen das allerdings als Hammerzeichen (hamarsmark) auf, der eigenen Macht und Stärke vertrauend (er trúa á mátt sinn ok megin) und zu Ehren Thors (signa full sitt Þór). Den nordischen Text kann man unter Heimskringla.no - Saga Hákonar góða (18. Bœndr þröngva Hákoni til blóta) nachlesen. Übersetzt lautet es folgendermaßen:

17. Die Bauern zwingen König Hakon zum Opfer
Zur Herbstzeit an den Winternächten fand ein Opferfest in Lade statt, und der König begab sich zu diesem. Vordem war es stets gewesen, wenn er an eine Stätte kam, wo ein Opferfest stattfinden sollte, sein Mahl in einem kleinen Hause mit nur wenigen Männern einzunehmen. Diesmal aber erhob sich ein Murren darüber, daß der König nicht auf seinem Hochsitz saß, als die Festfreude des Volkes auf der Höhe war. Der Jarl sagte, diesmal solle der König nicht in derselben Weise verfahren. Der König setzte sich auch wirklich auf seinen Hochsitz. Als aber das erste Horn geschenkt wurde, da sprach Jarl Sigurd über ihm. Er segnete das Horn für Odin und leerte dann, dem König zutrinkend, das Horn. Dann nahm des der König und machte das Kreuzeszeichen darüber. Da sprach Kar aus Gryting: „Wie tut der König da? Will er etwa nicht mehr opfern?‟ Jarl Sigurd erwiderte: „Der König macht es so wie alle, die an ihre eigene Macht und Stärke glauben und ihr Horn für Thor segnen. Denn er machte das Hammerzeichen, bevor er trank.‟ So blieb alles diesen Abend ruhig. Am nächsten Tage aber, als man zur Tafel ging, drangen die Bauern heftig den König und verlangten, es solle das Roßfleisch essen. Das wollte der König aber durchaus nicht. Dann forderten sie ihn auf, die Roßbrühe zu trinken. Aber auch das lehnte er ab. Endlich wollten sie, daß er vom Roßfett äße, doch er weigerte sich wieder. Da wurden die Bauern beinahe handgreiflich gegen ihn. Jarl Sigurd aber sagte, er werde schon Frieden schaffen und er forderte das Volk auf, sich zu beruhigen. Er bat nun den König, den Mund zu öffnen über dem Henkel des Kessels, an dem sich Ruß von dem Rauch des gesottenen Roßfleisches festgesetzt hatte, sa daß der Henkel ganz fettig aussah. Da ging der König herzu, breitete ein Leinentuch über den Kesselhenkel und öffnete dann den Mund darüber. Danach schritt er zurück zu seinem Hochsitz. Niemand aber war daon recht befriedigt.

Sammlung Thule - Altnordische Dichtung und Prosa, Verlag Eugen Diederichs, Bd. 14 Snorris Königsbuch I (S. 153), Übersetzung nach Felix Niedner, Jena 1922

Bemerkenswert finde ich auch die Erwähnung in der Saga von Olaf dem Heiligen (Óláfs saga helga), daß alle Hörner nach altem Brauch (alter Sitte) den Asen geweiht wurden:

107. Die heidnischen Opfer der Drontheimer
In diesem Herbst erhielt der König Nachrichten aus Inner-Drontheim, daß die Bauern dort vielbesuchte Feste zu Winteranfang abhielten und daß es dort große Gelage gebe. Dem König wurde erzählt, daß alle Hörner dort nach altem Brauch den Asen geweiht wurden.

Sammlung Thule - Altnordische Dichtung und Prosa, Verlag Eugen Diederichs, Bd. 15 Snorris Königsbuch II (S. 179), Übersetzung nach Felix Niedner, Jena 1922

In einer anderen Version der Saga vom Leben des Norwegerkönigs Olav II. heißt es:

Da ereignete es sich, daß dem König berichtet wurde, daß die Bauern um Wintersanfang große und starkbesuchte Gastmähler hielten. Da waren große Trinkgelage. Dem König wurde gesagt, daß jeder Trank dem Thor geweiht werde und dem Odin, der Freya und allen Asen, alles nach heidnischer Sitte. Dazu würden Rinder und Pferde geschlachtet und die Altäre mit dem Blut benetzt. Die Opferfeste würden für ein gutes Jahr sein (Jahreswachstum). Óláfs saga helga, Kapitel 102, Baetke

An das Blóta til árs anknüpfend, sollte man auch die Stelle der Ynglinga saga hinzuziehen, in der das Opferfest zum Winteranfang für das Jahreswachstum angesprochen wird, im Zusammenhang mit dem Wunsch auf eine gute Ernte im Folgejahr, Sippenfrieden sowie erträglichen Verlauf des Winters.

Fazit

Auch hier können wir uns dank des vorliegenden Materials ein verhältnismäßig umfassendes und verlässliches Bild zum Opferfest der Winternächte schaffen. Wenn man nun zur Bestimmung des Festzeitpunktes Beda Venerabilis einbezieht, nach dem der anglische Kalender mit dem Winterfilleth (auch Winterfylleth) begann, also dem Wintervollmond, läßt sich für die heutige Form des Festes der Vollmond im Oktober ansetzen.

Götter und Opfergaben

Opfergaben: Met, Bier, Räucherwerk, persönliches was ein Verstorbener gern mochte

Mit Ahnenbezug: Walvater Odin (Jenseitsführer, Walhall), Freyja (Fólkvang), Nerthus (Mutter Erde), Njörðr, Ägir, Rán (bei auf See verstorbenen Personen, Ertrunkenen oder bei Seebestattung), Hel (Totenreich nicht im negativen Sinne, kein Strafort, keine Hölle, sondern eine Art Aufenthaltsort, auch Rückkehr zur Erde)

Mit Winterbezug: Skadi und Ullr

Beispiel einer Winteranrufung zu den Winternächten

Skadi
Im frost'gen Gewand heißen wir Dich willkommen,
bogenschießende Wintergöttin.
Eisige Schöne auf schnellen Ski
Öndurdís - Tochter des Frostriesen Thjazi
verhüllst in Winterkälte die Erde,
Nerthus verharrt auf Wiederkehr.

Die alte Feste Deines Vaters,
Skadi, Du bewohnst: Thrymheim.
Wo Thjazi einst hauste,
jener mächtige Jote im schneereichen Gebirge.
Winterliche Skadi, sei willkommen.

Ullr
über schneebedeckte Berge im Nordlicht
eilst Du zu uns, so strahlend
wie nur ein Wintergott.
Önduráss - bogenbewehrter Schneeschuhläufer
wir heißen Dich willkommen!

Ein Tal von Eiben weiß ich,
Ullr, wo in Ydalir
mit Deinem Bogen Du wohnst.
Winterlicher Ullr, sei willkommen.
   [© Asentr.eu]

Quellen und Verweise

 

Wake Skadi

In the winter mountains high,
Where avalanches roar and frozen lakes sigh
The sough of the wind to hear
The howl of the wolves sweet tune to her ear
Wake Skadi, come patroness
Guide me through your crystal woods

Silvery goddess of the snow,
Your shining beauty melts the cold
Dress me in your white shawl
Kindle my fierce passions
Wake Skadi, proud northern giantess
I invoke your strength

Mistress of the hunt,
Raise the spirit of freedom
Led your sisters into the chase,
Arouse their untamed nature
Wake Skadi; light the flames of courage,
Wake your sisters' will to fight

Sister of wolves,
Seek your companions
You heard the call of the wild
I summon your instinct
Wake Skadi, defend your kind
Guard them from the hateful hand of the blind
   [Wake Skadi von Hagalaz' Runedance]

 

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Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: Stilkam | Weitere Autoren: - | Stand: 25.01.2016 | Urheberrecht beachten!