Schicksal

Es gibt vor allem zwei Begriffe, die ich hier nennen und unterscheiden muß. Das ist zum einen Ørlœg / Urlag und zum anderen Wyrd / Wurt / Urðr. Es sei darauf hingewiesen, daß z.B. der englische Wikipedia-Artikel zu Wyrd keinen Bedeutungsunterschied zwischen beiden Begriffen macht.

Ørlœg ist der übergeordnete Begriff. Er umschreibt die "Weltseele" oder - neutraler - das Urgesetz. Dieses Gesetz gibt die natürliche Ordnung der Dinge vor, aber auch die sittliche bzw. magisch-rituelle Ordnung. Selbst die Gottheiten sind diesem Weltgesetz untergeordnet - deswegen - so kann man vermuten - steht auch in der Völuspa, daß die Götter einen Altar errichteten! Ørlœg ist der Urgrund der Dinge, das letzte Geheimnis, das, was die Welt (hier: alle Welten) im Innersten zusammenhält, die Mechanismen, nach denen die Welt funktioniert. Aus der östlichen Philosophie gibt es zwei Begriffe, die dem Ørlœg entsprechen: Tao und Dharma. Aus diesen zugrundeliegenden Ursachen entwickelt sich dann die Wyrd (siehe unten).
Wichtig ist, daß Götter und Menschen, ja alles im Universum dem Ørlœg unterworfen ist. Es ist die unpersönliche, aber sinnvolle Verbundenheit aller Dinge untereinander, der große Plan, sozusagen. Man kann sich das als großes Netz vorstellen, als ein Gewebe mit Knotenpunkten, das einer Landkarte ähnelt und damit das Grobraster vorgibt. Das Individuum ist natürlich ins Gewebe eingebettet, was man sich aber nicht so vorstellen darf, als gäbe es keine individuelle Handlungsfreiheit. Man könnte vielleicht sagen, daß die Knotenpunkte feststehen, so z.B. die Geburtssippe. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß es die Vorstellung gab, daß zum Zeitpunkt der Geburt eine Norne zum Kind kommt und ihm sein persönliches Schicksal zuteilt. Man kann davon ausgehen, daß die Nornen maßgeblich mit dem Begriff des Ørlœg verbunden sind. In diesem Sinne muß hier erwähnt werden, daß der Begriff Ørlœg in den Texten häufig als "persönliches Schicksal" benutzt wird. Ich assoziiere damit eher den folgenden Begriff der Wyrd. Man kann natürlich sagen, daß das persönliche Schicksal in den "großen Plan" eingebunden ist - niemand steht außerhalb! Von daher ist die Verbindung von Weltseele und dem Individuum als Teil davon unproblematisch.
Wie wichtig dieser Begriff offenbar war, kann man daran ablesen, daß die vom Skalden Hallfreðr vandræðaskáld gedichteten 'conversion verses' ausdrücken, daß jemand, der sich zum Christentum bekennt, vom Ørlœg befreit werde, das die Nornen ihm zur Geburt mitgegeben haben (s. eher Wyrd).

"Das germanische Sippengefühl gipfelt im Ahnendienst. Hier liegen die Urkräfte, aus denen die Sippe weiterlebt. Hier quillt in nie versiegender Fülle das Leben aller künftiger Geschlechter hervor ... Im Augenblicke des Todes gilt aber ebenfalls, daß der Mann durch den Einsatz seines Lebens der Sippe eine gesteigerte Kraftfülle angedeihen lassen soll, damit sie ungeschwächt weiterbestehe. Wer für die Seinen stirbt, hat Herbert Cysarz in seinem schönen Buch 'Das Unsterbliche' gesagt, der lebt nicht nur in ihnen fort; der fügt sich auch in das große Gesetz, das sich hier zugleich setzt und erfüllt, und wer sein Blut vergießt um des Dienstes, der Treue willen, besiegelt den Bund seines Lebens mit der unzerstörbarsten Seinsgewißheit."
   de Vries

Anders verhält es sich mit dem Begriff Wyrd (f., altengl. für 'Schicksal') (althochdts. 'wurt', altnord. 'urðr'), der eben dieses persönliche und sippenbezogene Schicksal bezeichnet. Er ist ebenfalls oft mit einem östlichen Konstrukt verglichen worden, nämlich dem Karma. Das kann man schon aus dem Namen erklären: Wyrd / Urd ist die älteste der Nornen, diejenige, die für die Vergangenheit - genauer: das Gewordene - steht. Das Gewordene aber ist das, was Bestand hat und worauf man bauen muß. Man kann hier auf den indoeuropäischen Stamm *uert- "drehen, wenden" hinweisen. Was man - bildlich gesprochen - wie eine Spindel gedreht hat, das ist gewoben worden. Somit ist die Wyrd eine Art Momentaufnahme aus dem Ørlœg, aber eine, die kausale Zusammenhänge (im Rahmen Individuum - Sippe) beleuchtet, die das Eingebundensein der Person in ihre Sippe und Umwelt aufzeigt. Karma ist hier ein etwas hinkender Vergleich, da es sehr individuell gedeutet wird, wohingegen die Trennung zwischen Individuum und Sippe im Germanischen so nicht denkbar ist.
Auch Gundarsson assoziiert Wyrd mit dem Karma und schreibt, daß "weird is that pattern which the actions of your ancestors and previous lifetimes have shaped for your own life". Ich denke, die Wyrd kommt dem Hamingja nahe: sie ist dann das Grundmuster, auf das das persönliche Heil aufbaut - und meine Aktionen verändern beides. Die Wyrd muß dem Individuum nicht verborgen bleiben, sie kann sich als unbewußtes, apriorisches Wissen im Rahmen der Synchronizität offenbaren (Verweis zu Zitat).

Etwas muß man aber deutlich dazu sagen: Inwieweit die lebensfadenspinnenden Nornen tatsächlich zur "Alltagswelt" der Germanen gehörte, ist sehr fraglich. Es muß doch von einem größeren Unterschied zwischen literarischer Ausgestaltung und Alltag ausgegangen werden: "Germanischer Schicksalsglaube [ist] kaum mehr als ein Phantom moderner Germanen-Ideologie" (K. von See, in Holzapfel)

Aber dennoch zum Ende der Seite ein sehr schönes Zitat von Pileatus zur Heiligkeit des Schicksals (Wiedergabe mit Zustimmung des Autors):
"In einer Welt, die während eines halben Jahres in Schnee und Eis, in Dunkelheit und Kälte erstarrte, in einer Natur, die dem Menschen nur während eines kurzen, lichten Sommers die Möglichkeit gibt, sich von ihr zu nähren, wo die Heimstätten der Menschen zwischen wildem Gletschergebirge und der am Lande nagenden See, zwischen undurchdringlichen Urwäldern und tückischen Mooren lagen, war das Leben ein kostbares Gut, dass man sich täglich zu erkämpfen hatte. Um in diesen Breiten zu bestehen, brauchte man vorallem eines: Kraft. Körperkraft, um zu arbeiten, geistige Kraft, um sich den Anforderungen dieser rauhen Welt zu stellen, und schliesslich auch Zeugungskraft, denn wer keine Kinder hatte, um den war es arg bestellt. Die Menschen, die in dieser Welt heranwuchsen, machten sich keine Illusionen über Gut oder Böse. Die Gesetze der Natur waren unnachsichtig. Wer durch Nachlässigkeit die Ernte verdarb, hungerte im Winter. Ob gerecht oder ungerecht, was mochte das für eine Rolle spielen? Im Norden zu leben hat immer geheissen, sich dem Unvermeidlichen zu beugen, die Chancen zu nutzen, die sich boten, und das, was zu tun war, möglichst gründlich zu tun. Was die Natur des Nordens unseren Vorfahren gelehrt hatte, finden wir in ihren Mythen. Unerbittlich wie der einfallende Winter erscheint uns hier das Schicksal. Alles, was geschieht, ist, oft auf verhängnissvolle Weise, miteinander verwoben. Eine Tat führt zur anderen, alles kommt, wie es kommen muss. Dem Menschen bleibt, zu tun, was zu tun ist. Wuodan weiss von seiner Niederlage in der letzten Schlacht, Palter träumt von seinem Tod. Sigfrid, der grosse Held, weiss von Anfang an um den unheilvollen Gang der Dinge. Doch erstaunlicherweise finden wir in dieser Welt, in der alles gezählt und gewogen ist, keine Spur einer Revolte gegen das ungerechte Schicksal, keine enttäuschte Abkehr von der brutalen Welt. Es gab auch keinen zynischen Nihilismus, keinen Rückzug in die Befriedigung privater Gelüste, wie man vermuten könnte. Die Figuren, die uns in der germanischen Mythologie entgegentreten, erfüllten ihr Schicksal mit Verve, sie waren voller Lebensenergie, aktiv, selbstbewusst. Nicht, dass sie sich in ihr Los schickten, nein, sie schienen ihr Schicksal förmlich zu lieben. Warum? Eine wahre Lebenswut wohnte diesen Menschen inne. Sie waren vom Kampfgeist beseelt. Das Leben war ihnen heilig, und das Schicksal, das 'Gewordene', wie es in germanischer Tradition so treffend heisst, war das Leben, das Sein, an und für sich. Es wurde dem Menschen mit seiner Geburt gegeben, und er hatte ein Leben lang daran Teil, wurzelte als Individuum im ewigen Urgrund des Seins. Er wusste, dass in ihm etwas Heiliges lebte, jene Kraft, die sein Herz und seine Lenden belebte. Dies machte ihn würdig zu Leben und sein Leben lebenswürdig. Dies war die Grundlage seines Mutes und seiner Ehre. So war es geradezu eine religiöse Pflicht, sich dem Heiligen in sich würdig zu erweisen, indem man eine starke und bewundernswerte Persönlichkeit zu werden versuchte. Es war die Lebensaufgabe eines alten Germanen, zu dem zu werden, was er war. Da er am Heiligen Teil hatte, musste er dieses Privileg durch seine Taten rechtfertigen. Selbstverachtung oder gar Selbsthass wären ein eigentliches Sakrileg gewesen."

"'Es ist die Heilige Nacht ... Trinken wir also das Gedächtnis der Toten' murmelte er. Er setzte den Becher an die Lippen. Darauf reichte er ihn Dag ... 'Ich trinke das Gedächtnis der Toten', sagte [dieser] dann feierlich ... Der Fremde füllte ihn zum dritten Male ... 'Und nun?' fragte er. Seine Stimme klang noch dunkler als zuvor.
'Das Gedächtnis Jesu Christi?' Dags Stimme suchte und zögerte ... Der Mann stand regungslos ... 'Das Gedächtnis der Toten haben wir getrunken', antwortete er schließlich in hartem Ton. Dag sah ungewiß zu ihm auf.
'Trinke für mich!' sagte der Mann."
   Odin zu Dag, in: Verhagen

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!