Seelenvorstellungen

Einleitung

Ales Stenar, Südschweden

Es ist schwierig, etwas über die Seelenvorstellungen der Germanen zu schreiben, denn diese kannten nicht die ausgeprägte Gegenüberstellung von Körper und Seele, wie sie das Christentum lehrt. Körper und Geist des germanischen Menschen setzen sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Zunächst einmal werden in der Edda mehrere wichtige Aspekte genannt, die die hölzernen Protomenschen nicht hatten und die ihnen von den drei Göttern Odin, Wili und We (bzw. Odin, Hönir, Lodurr) gegeben wurden: Atem und Leben, Verstand und Bewegung, Aussehen, Sprache, Gehör und Sehkraft (laut Snorri); Atem (önd), Seele oder Geist (ódr), Lebenswärme (lá), Bewegung (læti), Aussehen / Gesundheit (litr = Farbe) (in der Völuspa). Hier kann man also davon ausgehen, daß die Seele (nordisch sál, got. saiwalo, ahd. sêula; Herkunft lt. Kluge unbekannt) die gleiche Bedeutung wie andere Teile des Körpers hat - sie entsteht mit neuem Leben und vergeht mit diesem wieder - es gibt in der germanischen Religion keine "unsterbliche Seele" - Seelenvorstellungen gelten nur für Lebende, was zunächst aber nichts darüber aussagt, in welcher Form etwas nach dem Tod eines Menschen weiterexistiert.

Über die grundsätzlichen Typen von Seelen schreibt Hasenfratz in "Religion - was ist das?". Da gibt es die Vitalseele, die quasi das vegetativ-animalische Belebtwerden des Fötus im Mutterleib darstellt. Die Vitalseele bleibt für diesen vegetativen Bereich zuständig und stirbt mit dem Tod des Menschen. Das Kind wird erst zum Mensch mit Ichbewußtsein durch die Freiseele oder Ichseele, die oft als von den Ahnen kommend gedacht wird. Sie heißt auch Exkursionsseele, weil sie den schlafenden oder meditativ versenkten Körper verlassen kann und in andere Welten reisen / gesandt werden kann. Diese Seele kann als "Doppelgänger" ihres Menschen von anderen wahrgenommen werden, wenn sie im Begriff ist, sich von ihrem Mensch zu lösen, was den Tod dieser Person ankündigt (siehe das Lied von Helgi Hjörwardssohn), in dem Helgis Exkursionsseele auf den Bruder übergeht: "'Es ritt auf dem Wolfe / da's dunkel ward / ein Weib, das ihm / sein Geleite antrug; / die wußte, daß / erschlagen würde / Sigrlinns Sohn / in Sigarswöll." (nach Häny). Die Exkursionsseele soll dann die einzige Seelenform sein, die eine nachtodliche Existenz kennt ("Jenseits"). Eine weitere Seelenform ist die Außen- oder Schlafseele. Sie kommt als letzte Seele erst bei der Geburt oder im Initiationsalter zum Menschen. Tagsüber lebt sie getrennt von ihrem Menschen, nachts ist sie im Körper, während z.B. die Exkursionsseele auf Reise ist. Ich glaube, daß die Außenseele im germanischen Bereich keine Entsprechung hat.

hamr 

Dies ist die Vitalseele im germanischen Bereich. Das hamr ist die Form oder Hülle und in einem engeren Sinn die Körperform einer Person (im Auge eines anderen, also nicht die tatsächliche Körperlichkeit). Im angelsächsischen Raum wird auch von "lich" gesprochen. Mit hamr kann aber auch eine filigranere "Form" gemeint sein und zwar das, was jemand von einer anderen Person sehen kann, die ihr hugr ausgesandt hat. Der Schatten vor den Augen des Beobachtenden ist also das, was vom reisenden hugr sichtbar ist.

hugr 

Hugr bedeutet Geist, Gedanke, Wunsch oder Sehnsucht (vörðr (Wächter)). Einer von Odins Raben heißt Huginn (Gedanke). Eine Person kann ihr hugr aussenden, somit ist hugr als Entsprechung der Exkursionsseele zu deuten. Dieser ausgesandte Geist kann anderen sichtbar werden (hamr), wobei diese Wahrnehmung des hugr sich auch als Atem, Wind oder Tiergestalt geschehen kann. Die aktive Aussendung des eigenen hugr mit der Absicht, etwas außerkörperlich zu ändern, ist die Grundvoraussetzung von Magie. Wer "sein hamr gehen lassen kann", der kann auch als Gestaltwandler gelten, weil sein hugr sich in Gestalt eines Tieres z.B. zeigen kann. Eine fremde Exkursionsseele kann als Alb auf einer anderen, schlafenden Person lasten. "Bei den Südgermanen heißt eine solche schadenstiftende Exkursionsseele 'Geist' (vgl. isl. geysa: gewaltsam bewegen, antreiben, aufwallen; dazu Geysir, Geiser)." (Hasenfratz) Von daher, so Hasenfratz, wehrten sich die frühen, germanischen Christen gegen den Satz aus dem Glaubensbekenntnis: 'Ich glaube an den heiligen Geist.' Sie änderten ihn in 'Ich glaube an den heiligen Atem.'

Boot

minni 

Minni, das ist das Gedächtnis, also die Speicherfunktion des Gehirn, die hier zu den Seelenaspekten gerechnet wird. Das hat durchaus seinen Grund, weil die Erinnerungen eines Menschen eine höchstpersönliche Note haben. "Minni trinken" ist übrigens der Ritus des Trinkens auf eine verstorbene Person, das Trinken des Gedächtnisbechers, bei dem die Taten des Toten gerühmt und erinnert werden.
Auf der Seite über das Weiterleben nach dem Tod habe ich noch in die Richtung spekuliert, daß Minni evtl. die persönliche wie unpersönliche Erinnerung eines Toten ist, etwas, das nach dem Tod verbleibt und einen Rest Individualität sichert. Vgl. die Seite zu Tod und Weiterleben.

fylgja / fetch

"Die fylgja ist eine Manifestation eines Menschen vor dem geistigen Auge eines anderen (ausnahmsweise auch seines eigenen), also eine Art Doppelgänger." (J. de Vries)
Damit hat de Vries das umrissen, was die oben beschriebene Exkursionsseele kurz vor dem Tod ihres Menschen kennzeichnet. Die fylgja (Plural fylgjur) ist das, was einem Menschen folgt, sie wird auch Folgegeist genannt, obwohl Maier diese Herleitung ablehnt. Er verweist darauf, daß fylgja auch die Nachgeburt meint und daß es da evtl. einen Erklärungszusammenhang gebe. Vom hugr unterscheidet sie sich darin, daß sie nicht kontrollierbar (aussendbar) ist.
Meine Interpretation der fylgja ist die eines unabhängigen Geistwesens mit zeitweiser Verknüpfung zum individuellen Schicksal eines Menschen. Auch die fylgja kann wahrgenommen werden - entweder von "ihrem" Menschen z.B. in Form einer (gegengeschlechtlichen) Gestalt, was dann aber auch den Tod dieses Menschen ankündigen soll, oder von anderen Personen, wobei die Fylgja dann als Frau erscheint, wenn ihr Träger ein Mann ist, oder umgekehrt. Zur Tiergestalt gibt es das Sprichwort "Marr er mans fylgja", die Mähre ist des Menschen Folgegeist. Hier scheint eine totemistische Vorstellung angesprochen zu sein: Das Totem, das ist der in frühester Zeit verehrte "Tier-Ahn" einer Sippe. Wenn man sich ansieht, welch große Bedeutung das Pferd bei unseren Ahnen hatte, dann ist der Spruch verständlich. Gleichzeitig streifen wir hier auch den überindividuellen Aspekt der fylgja: Es wird angenommen, daß sie beim Tod "ihres" Menschen auf ein anderes (jüngeres?) Mitglied der Sippe übergeht. Die fylgja verfügt damit über eine Art Sippengebundenheit, die auf die überindividuelle Bedeutung von hamingja hindeutet. Als Schutzgeist einer Sippe (aettarfylgja) wäre sie dann dem römischen genius vergleichbar.
Manche Neuheiden beschäftigen sich auch mit "Krafttieren", also einer Art persönlichen Totemtieren, die sie u.U. auch als Fylgien bezeichnen.

Hier sei noch ein persönlicher Kommentar eingeflochten: Nach dem Tod meiner geliebten Großmutter erschien mir nachts eine Frauengestalt in weißem Gewand - nicht im Traum, sondern - so nahm ich es wahr - reell im Schlafzimmer. Ich bekam eine unglaubliche Furcht, wie ich sie nie vorher und nie wieder seitdem kannte - eine Furcht, die ein Ereignis anzeigt, das etwas ganz besonderes war. Ich glaube, das so deuten zu können, daß die Fylgja meiner Oma temporär auf mich überging. Von mir ist sie wahrscheinlich zum ersten meiner Söhne gewechselt. Wer ähnliche Erfahrungen gemacht hat, die er im Rahmen des fylgja-Konzeptes deutet, der möge mir schreiben.

hamingja 

Hamingja ist das Glück bzw. Heil einer Person - auch als "persönliches Schicksal" gedeutet (s. Wyrd). Manche stellen den hamingja-Begriff auch in die Nähe der fylgja, wenn sie in ihm eine Art Geistwesen sehen. Ich sehe das nicht so. Die fylgja hat für mich eher beschützende, passive Funktion - sie ist Schutzgeist. Hamingja, das ist für mich ein durch die Sippe des Individuums begründetes Heil einer Person, das diese Person durch ihre eigenen Aktionen aber verändert. Ich habe einmal gelesen, daß auch das hamingja nach dem Tod einer Person auf eine andere übergehen kann, das halte ich jedoch für schlecht nachvollziehbar, wenn ich hamingja u.a. als veränderbares Heil einer Person sehe oder als «Sippenheil»-Ableger. K. Gundarsson schreibt, daß die Ähnlichkeit von fylgja und hamingja so erklärt werden könne: Die fylgja ist vom hamingja abhängig und bezieht ihre Energie von ihm (und umgekehrt, V. Wagner). Einleuchtend wäre dann: Stirbt die Vitalseele, das hamr, dann verläßt die fylgja "ihre" Person und somit ist die Trennung vom hamingja vollzogen.
Simek erwähnt noch eine zweite Version von Hamingja: Das Wort sei aus *ham-gengja entstanden, was bedeute "die Hülle (das Hamr) gehen zu lassen" - also die Gestaltwandlung.

"Die Gegenüberstellung des profanen und religiösen Lebens, die dem modernen Menschen geläufig ist, kennen die heidnischen Germanen nicht. Ihnen ist das Leben niemals bloßes Geschehen, eine Verkettung von Tatsachen und Handlungen, die nur der Laune des Zufalls ihr Dasein verdanken. Denn das Leben ist immer auf etwas anderes bezogen; es erhält seinen Wert eben durch diese Beziehung zu einer über-individuellen Sphäre. Die großen, entscheidenden Momente des menschlichen Lebens, Geburt und Tod, sind wohl, auch in der heutigen Zeit, für die wenigsten Menschen bloße biologische Erscheinungen; etwas vom Mysterium, das unlöslich mit diesen Wendepunkten verbunden ist, durchbebt alle nicht ganz dem Kulte der Vernunft anheimgefallenen Menschen ... Das Leben als Ganzes wird nicht als ein von den Göttern gelenktes Los gedacht; es ist vom Anfang bis Ende durch eine innere Gesetzlichkeit bestimmt, die im Wesen des Menschen liegt. Gedanken wie die von hamingja und fylgja setzen eine Normierung des Lebens voraus, die es folgerichtig gestaltet."
   Jan de Vries

Bregenzerwald

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!