Ethik

(With regard to Norse burial customs, the dying Buliwyf...) said to King Rothgar, in the midst of the festivities, "I have no slaves."
"All of my slaves are your slaves," Rothgar said.
Then Buliwyf said, "I have no horses."
"All of my horses are yours," Rothgar answered. "Think no more on these matters."
   M. Crichton

Allgemeines

Auf dieser Seite soll der Versuch unternommen werden, eine Ethik darzulegen, die sich an die historische Zeit der Germanen anlehnt, aber dennoch ein brauchbarer Leitfaden für die heutige Zeit ist.

Die Alte Sitte, das ist eine enge Verknüpfung von Schicksal, Ethik und Kult. Die Ethik durchdringt den Kult und ist immer am Schicksal des Einzelnen, mehr noch, der Sippe, orientiert. Pileatus, ein Teilnehmer des Eldaring-Forums schrieb im Heuert 02, daß bei dieser Religion der religiöse Kult nicht von der Ethik zu trennen sei: Ein reiner "Götzenkult" werde dem Wesen der Alten Sitte nicht gerecht. Das sehe ich genauso.
Berghütte, Ebereschen In historischer Zeit beruhte jedes Recht auf Präzedenzfällen, man glaubte mithin, daß die gleiche Tat auch die gleichen Folgen haben werde. Gesetze waren somit das Ergebnis des gemeinsamen Schicksals einer Gruppe von Menschen: die Ahnen machten dies oder jenes so, es hat sich nicht geändert, so daß es noch heute für alle gilt usw. (das ist im ethischen Bereich die "Alte Sitte").
Die grundsätzliche Vorstellung von einem Menschen geht davon aus, daß er teilhat am "Sippenglück" (Hamingja) und daß er mit einer eigenen Portion Heil ausgestattet ist, welche ihm die Norne zuteilte, die bei seiner Geburt anwesend war. Dieses persönliche Heil (und indirekt dann das Sippenheil oder -glück) kann jeder Mensch eigenverantwortlich mehren oder mindern. Dies geschieht durch seine Taten, durch ehrliches / ehrenhaftes und verbindliches Verhalten. Darum sind Wahrhaftigkeit, Ehre und Treue auch heute noch Kernpunkte moderner Ethik. Die vermutlich schlimmste Tat in der alten Zeit war der Eidbruch. Siehe zu diesen Ausführungen auch die über die Wyrd.
Gerne wird die Formulierung "trua a matt sinn ok megin" (auf seine eigene Macht und Stärke vertrauen) hervorgekramt, um damit z.B. zu belegen, daß die Nordleute quasi Atheisten waren. Das scheint jedoch falsch zu sein. In der Olafs saga hins helga wird über Olaf gesagt, er hätte das Hammerzeichen gemacht, wie alle, die ihrer eigenen Macht und Stärke trauen. Die Formulierung verweist auf das Heil des Einzelnen, mehr noch der Sippe, und dessen / deren eigenverantwortliches Handeln. Heil und Glück aber sind das Erbe des Einzelnen, ihm mitgegeben von den Vorvätern und letztlich bezieht dies sich auf die Götter.

Wir müssen uns vor allem davon frei machen, die Germanen in Verklärung historischer Tatsachen zu einem "Warmduscher-Volk" zu machen. Sie hatten sich nicht alle lieb ... Ehre und Treue, der Einzelne und seine Sippe, das kaum veränderbare Schicksal und der Lebenskampf - all das ist zentral und sollte sich in irgendeiner Form auch in der modernen Form der Alten Sitte finden.

"Der Glaube an die Götter und ihr Kult sind im wesentlichen eudämonistisch. Sie sind Schützer und Erhalter des Lebens, Förderer diesseitiger Zwecke; was sie spenden, sind irdische Güter, im besten Falle auch geistige Gaben wie Dichtung und Zauberkunst - aber sie sind nicht sittliche Kraftquelle. (...) Die germanische wie alle heidnische Ethik ist allein auf die Gemeinschaftsorganisation bezogen, in der der Mensch lebt."
   [Baetke]

Exkurs: Warum mußte Hödur sterben?

Hödur, so wissen wir aus der Edda, war der blinde Sohn Odins und ein Bruder Baldurs. Auf Anstiftung durch Loki hin hat er seinen Bruder erschossen. Hel, die Totengöttin, gab Baldur nicht mehr frei. Was war nun mit Hödur, wie gingen die Asen mit ihm um? Ich zitiere dazu aus der Bringsværdschen Nacherzählung der Eddamythen. Der Autor hat den "tragischen Bindungskonflikt", wie er auch im Nibelungendrama zu finden ist, ganz hervorragend aufgearbeitet:

"In Asgard geht der blinde Hod umher und wartet auf seine Stunde. Er weiß, daß er sterben muß, denn es war seine Hand, die den Pfeil abschoß, der Baldur getötet hat; und er weiß, was alle Asen sich geschworen haben: Ein solcher Tod muß gesühnt werden, auch wenn es kein Mord war. Denn nie hat Hod seinem Bruder etwas Böses antun wollen. Doch was geschehen ist, kann niemand ungeschehen machen. Die andern Asen gehen ihm aus dem Weg. Sie denken: Wer von uns wird der Rächer sein? Keiner will der Henker seines Bruders sein und das Richtschwert gegen ihn führen. Aber Sühne muß sein."

Weiter berichtet der Autor nun, wie Odin die tote Seherin aufweckt und Rat bei ihr sucht. Sie gibt ihm den Hinweis, er müsse Rind, eine Riesin, schwängern, damit diese ihm einen Sohn gebären könne, der zum Rächer werden würde. Das alles wird erzählt, bis die hochschwangere Rind vor Asgards Toren auftaucht:

"Lange bevor der Morgen graut, hat sie einen Sohn geboren. Er ist groß und wohlgestalt, und im Nu kann er gehen und sprechen. Noch hat ihn die Mutter nicht gewaschen und gekämmt, da gibt Odin ihm ein Messer in die Faust und deutet auf Hod. Der Blinde steht ruhig da und wartet auf den Neugeborenen, der ihm entgegenstapft. Ohne ein Wort läßt er sich niederstechen."

Nun erklärt Bringsværd uns noch, wieso ausgerechnet dieser Sohn Wole (Wali) zum Rächer werden mußte:

"Er ist Odins Sohn und hat ein Recht auf Sühne. Doch was er tun muß, tut er, kaum daß er zur Welt gekommen ist, und das heißt, bevor er zählt, bevor er in die Schar der Asen aufgenommen worden ist, bevor die andern ihn als ihren Bruder anerkannt haben."

Die Havamal

Meist wird die Ethik aus den Havamal abgeleitet, der Spruchdichtung in der Edda. Das Problem ist, daß diese Quelle eher unzuverlässig ist: Es ist heute schwer zu sagen, was daran echte germanische Weltanschauung ist, wie sie auch Jahrhunderte früher gelebt wurde, und was späte Erfindung oder christliche Umgestaltung / Beeinflussung ist. So gehe das Werk zu einem großen Teil auf die römische Sprichwortsammlung Disticha Catonis zurück (Simek).

"Die Havamal sind also zumindest in der uns erhaltenen Form ein Produkt des 12. oder frühen 13. Jahrhunderts, das zwar älteres Material verwendet, aber mit seinen Anleihen bei antiken und christlichen Werken dem christlichen Hochmittelalter näher steht als dem germanischen Altertum."
   Simek

Van den Torn unterscheidet zwischen heroischer Ethik und der Havamal-Ethik, die bei ihm nicht so gut wegkommt:

"The ethics displayed are materialistic and utilitarian, and most can be reduced to one central conception: self-interest ... Hávamál ethics are essentially rustic; the moderation propagated is a mediocrity and the caution changes into suspiciousness."

Andersson hingegen zeigt, daß es nicht der "self-interest" ist, der in den Havamal dominiert, sondern der "mittlere Weg", der kluge Weg der Mäßigung. Der Autor belegt, daß die Havamal den isländischen Familiensagas gleichen und daß das heroische Ideal zugunsten eines sozialen verschwunden ist.
Gegen Anderssons Annahme mögen die Verse 75 und 76 (Simrock) sprechen, in denen es heißt, daß der Nachruhm nicht mit dem Menschen stirbt. Andersson setzt die beiden Strophen in den Kontext der sie umgebenden. Diese sprechen von der Unbeständigkeit des Lebens, davon, daß Reichtum schnell gewonnen und auch ebenso schnell wieder zerronnen ist. Somit gewinnen die scheinbar "heroischen" Strophen 75 und 76 eine andere Bedeutung: Der Nachruhm, das 'Urteil über den Toten' (Jordan), ist Trost.

"Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch nimmer mag ihm der Nachruhm sterben,
Welcher sich guten gewann.

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch eines weiß ich, daß immer bleibt:
Das Urteil über den Toten."
   Simrock, Havamal 76

Rentier, Härjedalen, Schweden

Die 9 Edlen Tugenden

"Welches sind die höchsten Güter des germanischen Mannes? Auf diese Frage lautet die Antwort: Mut und Treue und Ehre."
   de Vries

Version Odinic Rite

Meines Wissens war es der Odinic Rite, der zuerst 9 Tugenden propagiert hat, nach denen sich derjenige richten soll, der heute die Alte Sitte ausübt. Diese Tugenden sollen eine Synopsis der Lehren der Havamal darstellen, der Spruchdichtung in der Liederedda. Sie lauten (deutsche Übersetzung V. Wagner; zweites Wort in den Klammern nach E. Thorsson):

  1. Mut (Courage / heartiness)
  2. Wahrhaftigkeit (Truth)
  3. Ehre (Honor / worthiness)
  4. Treue (Fidelity / troth)
  5. Disziplin (Discipline / hardiness)
  6. Gastfreundschaft (Hospitality / friendliness)
  7. Geschäftigkeit (Industriousness / work)
  8. Selbständigkeit (Self-Reliance / freedom)
  9. Standhaftigkeit (Perseverance / steadfastness)

Version Asatru Folk Assembly

Für diese Alternativversion der 9 Tugenden zeigt sich Stephen McNallen, Leiter der AFA, verantwortlich. Übersetzung durch V. Wagner

  1. Stärke ist besser als Schwäche (strength is better than weakness)
  2. Mut ist besser als Feigheit (courage is better than cowardice)
  3. Freude ist besser als Schuld / Sünde (joy is better than guilt)
  4. Ehre ist besser als Unehrenhaftigkeit (honor is better than dishonor)
  5. Freiheit ist besser als Sklaverei (freedom is better than slavery)
  6. Verwandschaft ist besser als Entfremdung (kinship is better than alienation)
  7. Realismus / Realtitätssinn ist besser als Dogmatismus (realism is better than dogmatism)
  8. Energie / Dynamik ist besser als Trägheit (vigor is better than lethargy)
  9. Ahnenverehrung ist besser als Universalismus (ancestry is better than universalism)

"Wie soll man den Mann umschreiben?"
"Mit seinem Tun, mit dem, was er schenkt, empfängt oder sonst unternimmt. Man kann ihn auch umschreiben mit seinem Besitz, dem, den er noch hat, oder dem, den er weggab, auch mit den Vorfahren, von denen er abstammt, oder mit den Nachfahren, die von ihm abstammen."
   [Snorri Sturluson, 'Skáldskaparmál; Häny']

Ausführungen zu den 9 Tugenden - E. Thorsson

Courage is the bravery to do what is right at all times. Truth is the willingness to be honest and say what one knows to be true and right. Honor is the feeling of inner value and worth from which one knows that one is noble of being, and the desire to show respect for this quality when it is found in the world. Fidelity is the will to be loyal to one's gods and goddesses, to one's folk, and to one's self. Discipline is the willingness to be hard with one's self first, and then if need be with others, in order that greater purposes can be achieved. Hospitality is the willingness to share what one has with one's fellows, especially when they are far from home. Industriousness is the willingness to work hard - always striving for efficiency - as a joyous activity in itself. Self-reliance is the spirit of independence which is achieved not only for the individual but also for the family, clan, tribe, and nation. Perseverance is that spirit of stick-to-it-iveness that can always bring one back from defeat or failure - each time we fail we recognize failure for what it is and, if the purpose is true and good, we persevere until success is won. [© Thorsson]

Ausführungen zu den 9 Tugenden - V. Wagner

Mut

In einer Umwelt, die vom Menschen ein höchstes Maß an Selbstbehauptung einforderte, war Mut sicherlich eine herausragende Tugend. Auch Mut im Kampfe fällt dazu ein. Heute gibt es immer noch genügend Möglichkeiten, seinen Mut unter Beweis zu stellen, der jedoch nicht von Leichtfertigkeit geleitet sein sollte. Aus mutigen Taten folgt Ruhm. Im Ruhm lebt der Mensch weiter oder - nach obiger Ausführung - er ist ihm Trost. (s. dazu auch die Seite über Weiterleben nach dem Tod). Deshalb ist es nötig, nach Ruhm zu streben. Dabei geht es nicht nur darum, "berühmt" zu sein, ein "Star" zu sein, sondern vor allem um eine Leistung, die ruhmhaft ist und die man als "heldenhaft" umschreiben könnte. Ruhm ist jedoch nicht stilles, individuelles Genießen, sondern die Bewertung eigener, hervorragender Taten durch Außenstehende.

Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Wahrheit

Man kann in allen anderen Bereichen versagen, aber man muß zu anderen und vor allem sich selbst gegenüber wahrhaft bleiben. Damit meine ich vor allem, daß man sich jederzeit real einschätzen sollte. Man muß anderen gegenüber deshalb nicht wie ein offenes Buch herumlaufen, aber zu wissen, wo man selbst steht, ist wichtig. Auch bedeutet Wahrhaftigkeit z.B. nicht, daß man nicht lügen darf. Man muß sich aber selbst eingestehen, daß man aus diesem oder jenem Grund lügt. Wahrhaftigkeit hat viel mit "Selbst-Bewußtheit" zu tun. Diese ist schwer zu erreichen, kann schmerzhaft sein. Man sollte sich nicht selbst belügen oder sich etwas vormachen. Man sollte ebenfalls seine Sippe und Freunde nicht belügen oder in anderer Form hintergehen.

"Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was sich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.

Wenn's deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen zu können."
   [Theodor Fontane]

Ehre

Ehre ist ein weiteres Standbein der Alten Sitte. Es ist aber leider auch ein Konzept, das sich in unserer modernen Zeit immer schlechter erklären läßt. Für mich hat Ehre einen aktiven und passiven Teil.
Passiv ist Ehre die absolute physische und psychische Unversehrtheit. Wer mich grundlos angreift, schadet meiner Ehre. Ich kann ihr aber auch selbst schaden, indem ich mich verletze (seelisch, körperlich). Die perfekte, unverletzte Integrität der Person ist also diese "passive Ehre". Um ganz genau zu sein: die Ehre des Einzelnen ist immer der Sippenehre untergeordnet bzw. Teil von ihr. Ehre ist letzten Endes immer die Sippenehre.
Aktiv: Hier geht es darum, so zu handeln, daß man keine Schande über sich oder seine Sippe und Freunde bringt. Die Alte Sitte kennt das Konzept der Sünde nicht. Anstelle von Sünde geht es hier um Schande, also um Taten, die üblicherweise als "unehrenhaft" bezeichnet werden, wie der zu Anfang schon erwähnte Eidbruch. Dieser aktive Teil kann auch mit dem Wort "Ruf" (Respekt, Achtung, Wertschätzung) umschrieben werden.

Mit der (passiven Auffassung von) Ehre hängt für mich die Würde zusammen. Von den Wikingern hören wir, daß sie lieber im Kampf fielen als im Bett zu sterben. Würde ist häufig mit dem Tod verknüpft (aber nicht ausschließlich). Würdevoll leben bedeutet, im Hier und Jetzt zu leben. Es bedeutet, unveränderbare Umstände anzunehmen und "mit Würde zu tragen". Es geht also auch um das "Ertragen" oder "Sich einer Situation stellen". Im Zusammenhang mit dem Tod bedeutet das, den eigenen bevorstehenden Tod zu akzeptieren. Im Gegensatz zu den Christen, die an ein "besseres" Leben nach dem Tod glauben, leben germanische Heiden ihr aktuelles, tatsächliches Leben aus. Generell kann man sagen, daß Würde viel mit "Gesicht wahren" zu tun hat. Würde hat für mich wesentlich mehr Bedeutungen, die ich kaum in Worte fassen kann. Die heute oft in den Mund genommene "Menschenwürde" hingegen ist kein historisch mit den Germanen verbundener Wert. Man kann den heute z.B. im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verwendeten Menschenwürde-Begriff mit etwas Verbiegungen auf das germanische Konzept der Ehre übertragen.

"Die letzten Normen, wonach sein [des Nordländers] Leben beurteilt wird, sind das Urteil seiner Genossen und das Urteil der Nachwelt - Normen, absolut und bedingungslos."
   Grönbech

Treue

Die Konsequenz aus Ehre und Wahrhaftigkeit ist praktisch die Treue. Sich selbst sollte man treu sein (seinen Idealen), der Sippe, den Freunden, den Göttern. Wer sich Wertmaßstäbe gesetzt hat, sollte ihnen auch treu bleiben. Wer sein Wort gibt, sollte es auch halten. Eine Folge von diesem Treuebegriff ist sicherlich die Gastfreundschaft, aber auch das Gefolgschaftswesen.

"Die Freundschaft gehörte in der Wikingergesellschaft überhaupt zu den wertvollsten Dingen im Leben, vor allem die Freundschaft unter Männern. In den Hávamál der Lieder-Edda lesen wir ergreifende Verse über einen 'Mann, den niemand liebt; was nützt ihm schon ein langes Erdendasein?' Ihr ganzes Leben lang betrachteten es diese Menschen als eine Art kategorischen Imperativ, nicht allein zu bleiben und sich mit Freunden, Schwurbrüdern und anderen Vertrauten zu umgeben."
  Régis Boyer

Disziplin

Disziplin hatte ich früher einmal in einer eigenen Version der Tugenden aufgeteilt auf "Mäßigung" und "Pragmatismus". Beide machen aber nicht den vollen Gehalt von Disziplin aus. Disziplin ist runisch mit der Tiwaz-Rune verknüpft, die für Selbstbeherrschung und gerechten Kampf steht (u.a.).
Disziplin (hier Mäßigung) beim Essen und Trinken ist auch eines der wichtigen Themen der Havamal.

"Dem Germanen fehlt es nicht an Leidenschaftlichkeit, aber er kann nicht, er will nicht so zügellos zulangen beim Festtisch des Lebens."
   Grönbech

Gastfreundschaft 

Wie auch beim Mut, so möchte ich hier auf die Umwelt der historischen Germanen hinweisen. In rauhen Landen war die Gastfreundschaft ein Pfeiler des sozialen Lebens. Der Reisende wurde aufgenommen und bewirtet, als Gegengabe erzählte er von seinen Reisen. Simek findet jedoch, daß die Gastfreundschaft überbewertet wird. Gastfreundschaft sei demnach v.a. wegen der damit verbundenen Freigebigkeit des Gastgebers geschätzt gewesen. Die Schutzpflicht des Gastgebers gegenüber dem Gast sei nicht so dominierend gewesen.

"The temporary campfire of the nomad is no longer extinguished as the family moves, but that fire instead becomes contained within a rough circle of stones in order to create a hearth. This previously mobile source of heat now becomes the heart of the new settlement and the place of focus for the entire community."
   J. Cope

Geschäftigkeit, Fleiß

Bei Tacitus hingen die Germanen ja noch eher auf den Fellen und spielten und soffen die ganze Zeit über. Richtiger aber dürfte ein anderes Bild sein, nämlich das der fleißigen Bauern und tüchtigen Händler. Wem aufgrund des Klimas seiner Heimat die Trauben nicht von alleine in den Mund fallen, der muß sich entsprechend anstrengen. Wir haben es heute in der Regel einfacher, aber dieser Punkt sollte uns daran erinnern, daß es immer neue Ufer gibt, zu denen wir "a viking" gehen können.

Selbständigkeit, Eigenverantwortung

Bei der Betonung des Sippengedankens scheint dieser Punkt der Eigenverantwortung nicht so ganz zu passen. Aber dennoch ist er stimmig: Die Sippe als Ganzes lebt von den einzelnen Taten ihrer Mitglieder. Wer ständig das Gesetz bricht, formt eine schlechte Wyrd für sich und vermindert die Hamingja, das Sippenglück. Man muß also jede Tat vor sich (und der Sippe) verantworten könen.

Standhaftigkeit, Beharrlichkeit, Ausdauer

Ein ähnlicher Punkt wie die Geschäftigkeit: Ohne Fleiß kein Preis. Gerade diese beiden Punkte der 9 Edlen Tugenden wurden oft kritisiert als zu sehr an die moderne (kapitalistische) Gesellschaft angepaßt.

"We find in the myths no sense of bitterness at the harshness and unfairness of life, but rather a spirit of heroic resignation: humanity is born to trouble, but courage, adventure, and the wonders of life are matters for thankfulness, to be enjoyed while life is still granted to us. The great gifts of the gods were readiness to face the world as it was, the luck that sustains men in tight places, and the opportunity to win that glory which alone can outlive death ... The dangers of this view of the world lay in a tendency towards lack of compassion for the weak, an over-emphasis on material success, and arrogant self-confidence: indeed the heroic literature contains frank warning against such errors."
   H. Ellis-Davidson

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!