Kalender

Allgemeines

Zur Zeitmessung ist grundsätzlich zu sagen, daß die verschiedensten am Himmel beobachtbaren Objekte verwendet wurden. Haupttypen von Kalendern sind lunare (also mondbasierte), solare (sonnenbasierte) und Mischkalender, die sogenannten lunisolaren Kalender. Das grundsätzliche Problem bei einem Kalender liegt in der ungleichen Länge von mondbasiertem und sonnenbasiertem Jahr.
Die ältere Version dürfte der Mondkalender sein, da es wesentlich leichter ist, die 'rasch' wechselnden Mondphasen zu zählen, als (jährlich) wiederkehrende Sonnenstände festzuhalten. Genau bestimmen kann man die Mondphase übrigens nur bei Halbmond, woraus sich der synodische Monat mit 29,53 Tagen ergbit. Der siderischen Umlaufzeit (27,32 Tage) des Mondes um die Erde entsprechend war der älteste Kalender das Siderische Mondjahr mit 355 Tagen (oder 13 Monate à 27 Tagen). Hierbei bestimmte man den Mond nicht nach der Phase sondern dem Stand vor dem Sternenhimmel.
Abgelöst wurde dieses dann vom tropischen Sonnenjahr, bei dem man 12 (synodische) Monate mit je 29,53 (=354) Tagen hatte, wozu noch 12 eingeschobene Tage kamen, die auch heute noch im Rahmen des Julfestes als "Zwölfnächte" auftauchen. Nur mit diesen Ausgleichstagen verschieben sich die Jahreszeiten nicht durchs ganze Jahr.

Bestimmung der Festzeitpunkte 

Zunächst muß man die Himmelsrichtungen ziemlich genau bestimmen. Das geht mit wenigen Mitteln mit dem "Indischen Kreis". Ein in die Erde gesteckter Stab wirft im Sonnenschein einen Schatten, der mit steigendem Sonnenstand am Mittag kürzer wird. Man zieht einen Kreis um den Stab und markiert, wenn der Schatten genau auf den Kreis trifft (Punkt A). Dann wartet man bis zum Nachmittag, wenn der Schatten wieder länger wird und erneut auf den Kreis trifft (Punkt B). Die Verbindungslinie zwischen A und B ergibt genau die Ost-West-Achse. In die Punkte schlägt man dann Pflöcke und bindet zwei gleich lange Seile daran. Deren Zusammentreffpunkt jenseits des Kreises ergibt auf 1 Grad genau mit dem Stab im Zentrum die Nord-Süd-Achse.
Nun stellte man fest, daß die Sonne zum Zeitpunkt der Frühjahrs- und Herbst-Tag-und-Nachtgleiche genau im Osten aufgeht. Also waren diese beiden Daten im Jahr ziemlich genau zu bestimmen. Die Zeitpunkte der Sonnenwenden hingegen errechnete man offenbar nach den zuvor beobachteten Äquinoktien.

Zeitmessung bei verschiedenen Völkern

Die Ägypter rechneten zunächst mit dem Mond, stellten dann aber fest, daß der Stern Sirius alle 365 Tage neben der Sonne beobachtbar ist, zur Zeit wenn die Nilschwelle begann. Auf diesen Beobachtungen erstellten sie den ersten Sonnenkalender mit 365 Tagen, der entweder 4241 oder 2773 v.u.Z. begann.

Die Griechen haben das Modell des gebundenen Mondjahres entwickelt. Um 500 v.u.Z. wechseln bei ihnen Perioden von fünfjähriger Dauer, die aus je 12 Monaten bestehen, mit solchen von dreijähriger Dauer, die 13 Monats-Jahre haben. Der Metonische Zyklus (von Meton um 432 v.u.Z. entwickelt) umfaßt 19 Jahre, wobei 12 Jahre 12 Monate haben und 7 Jahre 13 Monate. Dabei rechneten sie für die Gesamtperiode mit 125 30-tägigen und 110 29-tägigen Monaten.
Nach einem solchen 19-jährigen Zyklus fallen die Mondphasen genau auf die gleichen Tage im Jahr.

Die Römer haben recht willkürlich Tage "zwischengeschaltet", um im Jahreslauf zu bleiben. Der Jahresanfang lag zunächst beim 1.3., wovon noch die Monatsnamen September (der Siebte) bis Dezember (der Zehnte) zeugen.

Julius Cäsar hat auf Anraten des Astronoms Sosigenes den Julianischen Kalender eingeführt (45 v.u.Z.). Dabei wird in den durch 4 teilbaren Jahren ein zusätzlicher Tag eingeführt (Schaltjahre). Die Jahre haben eine durchschnittliche Länge von 365,25 Tagen, was aber noch immer 0,0078 Tage länger als das Tropische Jahr ist!
Die "Monate" erfüllen nur noch jahresteilende Funktion und sind nicht mehr an den synodischen Monat und damit die Mondphasen gebunden. Der Jahresanfang wurde auf den 1.1. verlegt, die dabei neu eingeführten Monate Juli und August wurden erst später nach Julius Cäsar und Kaiser Augustus benannt.

Der Julianische Kalender (und mit ihm Monatsnamen, der Hornung als Monat des Schalttages usw.) wurden im Mittelalter zum abendländischen Standard. Doch schon Beda Venerabilis (673-735) stellte fest, daß sich die Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche um 3 Tage verschoben hatte, d.h. laut Kalender zu früh stattfand.
Am Ende des 16. Jahrhunderts machten sich die 0,0078 Tage Differenz in der Weise bemerkbar, daß sich 10 "überschüssige" Tage angesammelt hatten und sich die festgesetzten Zeitpunkte immer mehr verschoben.

Abhilfe schaffte der Gregorianische Kalender, der 1582 von Papst Gregor XII. eingeführt wurde. In diesem Jahr folgte auf den 4.10. sofort der 15.10.
Gleichzeitig wurde festgelegt, daß von den jeweils ersten Jahren eines neuen Jahrhunderts (1600, 1700 usw.) nur diejenigen Schaltjahre sind, die sich durch 400 teilen lassen. Somit wurde erreicht, daß die durchschnittliche Jahreslänge 365,2425 Tage beträgt und der Gregorianische Kalender erst nach 3000 Jahren um knapp 1 Tag vom Tropischen Jahr abweicht.

Allerdings werden auch heute noch Zeitpunkte nach dem Mond bestimmt. Ein Beispiel dafür ist das christliche Osterfest, das am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche stattfindet. (Das kann man allerdings noch komplizierter berechnen, wobei ich auf das Calendar FAQ verweise).

Die Zählung der Tage und Wochen wäre noch einen eigenen Text wert. Die Römer zählten schon 7-Tage-Wochen bevor sie mit dem Christentum in Berührung kamen. Auch hier gibt das Calendar FAQ eine gute Einführung.

Zeitmessung bei den Germanen

Ich habe jetzt einiges über die Kalender verschiedener Zeiten und Völker geschrieben, aber leider habe ich über Zeitmessung und Kalender bei den Germanen kaum Quellen finden können, so daß ich vorerst nur das wenige wiedergeben kann, was ich bisher weiß.

Die nordischen Quellen geben uns Hinweise darauf, daß der Mond ursprünglich zur Zeitmessung benutzt wurde:
Im Alvíssmál, dem Lied vom Zwergen Alwis, steht in der Simrock'schen Übersetzung, daß der Mond bei den Alfen (Elfen) "Jahrzähler" heiße. Felix Genzmer überträgt so, daß der Mond bei den Alben "Schein" heiße, bei den Zwergen aber "Zeitmesser", was genau umgedreht ist. Also haben entweder Alben oder Zwerge (die ja sowieso sehr schwer literarisch auseinanderzuhalten sind) den Mond als Zeitmesser genommen (und demnach auch die Menschen, deren Mythologie es war).

In der Völuspá, der Seherin Gesicht, heißt es:

"... der Mond kannte seine Macht noch nicht.
... für Nacht und Neumond wählten sie (die Götter) Namen,
benannten Morgen und Mittag auch, Zwielicht und Abend,
die Zeit zu messen."
   Genzmer

Interessanterweise finden wir den Neumond genannt. Die darauffolgende Zeit des zunehmenden Mondes galt den Germanen als besonders günstig für Unternehmungen. Opferfeste und Thing-Versammlungen fanden bevorzugt nach dem Neumond statt, man kann auch vermuten, daß Vollmondnächte abgewartet wurden, da es dann besonders hell ist. Wir sehen, daß die Zeit - nach Einführung des Julianischen Kalenders in Rom - hier noch nach Mondphasen gezählt wird.

"Man kommt ... an festliegenden Tagen, bei Neu- oder Vollmond, zusammen; die Germanen meinen nämlich, dies sei die verheißungsvollste Zeit etwas zu beginnen. Sie berechnen (übrigens) nicht wie wir die Zahl der Tage, sondern die der Nächte. Danach setzen sie ihre Zusammenkünfte fest, danach verabreden sie sich: die Nacht führt sozusagen den Tag herauf."
   Tacitus

Daß der Mond etwas mit dem Messen der Zeit zu tun hat, kann man schon aus seinem Namen belegen:
Germanisch und gotisch 'mena', althochdeutsch 'mano' -- zur indogermanischen Wurzel *me = messen. Und zum Mond gehört auch der - Monat.
Für einen richtigen 'Mondkult' gibt es bei den Germanen allerdings keine Beweise. Eher wurde - der bronzezeitlichen Tradition folgend - die Sonne verehrt.
Der Mond, Mani, ist bei den Germanen übrigens männlich, Sunna, die Sonne, ist weiblich. Mani ist Sohn von Mundilfari und Bruder der Sonne. Beide Geschwister wurden von den Göttern an den Himmel gesetzt, damit Mani den Mondlauf kontrolliere und Sunna die Pferde (Arvakr - früh wach - und Alsviðr - sehr schnell) führe, die den Sonnenwagen ziehen. Die Sonne ist mit Glen (Glanz) verheiratet. Mani nahm zwei Kinder von der Erde auf, Bil und Hiuki, die mit ihm über den Himmel ziehen. Die Geschwindigkeit, mit der Sonne und Mond über den Himmel ziehen, wurde dadurch erklärt, daß man sich vorstellte, sie würden von zwei Wölfen gehetzt, die sie bei Ragnarök verschlingen würden.

Jan de Vries führt an, daß man bei mehreren indogermanischen Völkern festgestellt hat, daß sie das Mondjahr zur Kalendererstellung benutzten, was dann wohl auch für die Germanen gilt. Interessanterweise ist uns noch der Name für die Ausgleichstage zum Sonnenjahr überliefert:
die Zwölfnächte, das ist die Julzeit bei den Germanen. In Indien wurden diese Tage dvadasaha genannt.

Man darf natürlich nicht davon ausgehen, daß den Germanen die unterschiedliche Dauer von lunarem und solarem Jahr nicht bekannt war. Daß Sonnenstände beobachtet und verfolgt wurden, kann man beispielsweise aus der Schiffssetzung von Kåsehuvud, Südschweden, ablesen. Der "Bug" des Schiffes zeigt am Mittsommertag genau auf den Sonnenuntergangspunkt, wohingegen der "Ruderstein" zur Wintersonnenwende auf den Sonnenaufgangspunkt zeigt und somit die "wiedergeborene Sonne" begrüßt. Auch das folgende Edda-Zitat vereint Sonne und Mond:

"Mundilföri heißt des Mondes Vater
Und so der Sonne.
Sie halten täglich am Himmel die Runde
Und bezeichnen die Zeiten des Jahrs."
   Simrock

Viel älter als diese Schiffssetzung ist das Grab von Newgrange in Irland, das ca. 3000 v.u.Z. errichtet wurde, also in der Jungsteinzeit. Erst in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts hat man das Geheimnis des Grabes entdeckt: Am Morgen der Wintersonnenwende scheint die aufgehende Sonne durch einen kleinen Lichtschacht in einen Gang und "tastet" sich bis zur Grabkammer vor.
Ein ähnliches Phänomen bietet der Maeshowe Grabhügel auf den Orkneys von ca. 2800 v.u.Z.

Die frühesten Germanen haben also wohl nach Mondphasen ihre Zeit gerechnet und Tage bei Abweichung vom Sonnenjahr zwischengeschaltet (wie es ja auch die Römer taten). Eventuell sind auch ganze Monate zwischengeschaltet worden. Zudem wurden vermutlich die Sternbilder beobachtet und auf Basis des Aufgangs bestimmter Wintersternbilder (z.B. Orion) Zeitpunkte berechnet.
Vermutlich haben die Germanen - zumal in den Gebieten wo sie eng mit den Römern Kontakt hatten - früher oder später den Julianischen Kalender übernommen.
Spätestens mit der Christianisierung der germanischen Völker wird diese Zeitrechnung sich etabliert haben. Vermutlich haben die Germanen die 7-Tage-Woche von den Römern übernommen, was wahrscheinlich in den ersten Jahrhunderten n.d.Z. geschah. Desweiteren haben sie wahrscheinlich die römischen Götternamen für die Wochentage gegen ihre eigenen Götternamen ausgetauscht. Genaueres weiß ich darüber aber nicht.

Als in Island im Jahre 930 das Althing eingeführt wurde, gab es eine Zeiteinteilung in "misseri", das sind Halbjahre zu je 26 Wochen, die als sumar und vetr, Sommer und Winter, bezeichnet wurden. Es gab zwar auch Namen für Frühling und Herbst (vár, haust), aber als eigene Jahreszeiten hatten sie keine Bedeutung. Als Zeiteinteilung war das "Jahr" fremd; das Wort "ár" meinte eher "Fülle" und "Fruchtbarkeit".
Die jeweils ersten Tage der Jahreszeit wurden groß gefeiert: Sumarmál und vetr-nætr, Sommer-Mahl und Winternächte. Dabei ist interessant, daß der Sommer immer an einem Donnerstag beginnen mußte (zwischen dem 9. und 15.4.) und der Winter an einem Samstag (zwischen dem 11. und 18.10.). Gezählt wurde gründsätzlich in Nächten und Wintern.
Die Woche hatte 7 Tage, so daß sich insgesamt 364 Tage pro Jahr ergaben. Die andere Zählung ist 12 Monate à 30 Tagen, was 360 Tage macht. Der Winter wurde dann mit 6 Monaten gezählt, der Sommer ebenfalls mit 6 plus 4 zusätzliche Nächte (auknætr).
Zum Ausgleich der fehlenden Tage zum Sonnenjahr wurde um 950 der Kalender reformiert. Jedes 7. Jahr kam eine Ausgleichswoche dazu, sumarauki.
Als Gebrauchskalender wurden in Skandinavien Holzstäbchen verwendet, die entweder vierkantig waren und 4 Jahreszeiten wiedergaben oder aber linealförmig für das Sommer- und Winterhalbjahr (Rimstock, Clog Almanac, primstavur). Mittels dieser Stäbe konnte der Unterschied zwischen Mond- und Sonnenkalender bestimmt werden, was noch bis zum 17. Jahrhundert in Norwegen üblich gewesen sein soll, wobei zu diesem Zeitpunkt der Julianische Kalender verwendet wurde. Mir ist nicht bekannt, wann genau diese Stäbchen in Gebrauch kamen und ob sie eventuell erst nach oder mit der Christianisierung eingeführt wurden.

Die Einteilung des Tages in Island sah so aus:

Tageseinteilung

Erwähnenswert ist noch, daß es immer wieder Versuche gegeben hat, die 24 Runen des älteren Futharks auf 24 sogenannte "Halbmonate" zu verteilen. Sinn machen würde dies durchaus, da dann eine Rune jeweils einer Neumond- bzw. Vollmondphase entspräche. Allerdings fangen unterschiedliche Deutungen mit unterschiedlichen Runen an...

 

Quellen (1996):

Weitere Quellen:

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!