Heimdallr

Diese Seite wurde 2008 erstellt, ist jedoch leider nicht vervollständigt worden, was ja noch kommen kann.

Quellenübersicht

Jede Beschreibung dieses Gottes beginnt in der Regel mit der Aussage, daß man kaum etwas über Heimdall wisse. Das ist spannend, denn da bleibt ja genug Raum für eigene Interpretationen. Schauen wir also zunächst einmal, was wir generell über Heimdall wissen:

Liederedda: Gleich im ersten Völuspa-Vers wird Heimdall als Stammvater der Menschen bezeichnet, wenn "hohe und niedre Heimdallssöhne" so auslegen möchte (denn das verweist auf das Merkgedicht von Rig (s.u.)). In Vers 21 (Genzmer) heißt es, Heimdalls Horn, also das Wächter- bzw. Rufhorn, das ertönen soll, sobald die Ragnarök beginnen (Vers 38: "Hell bläst Heimdall, das Horn ragt auf"), liege unter dem Weltenbaum Yggdrasil verborgen. Im Grimnirlied wird Heimdalls Wohnstätte als Himmelsburg (himinbjørg) angegeben; der Gott soll es dort behaglich haben und gerne beim Met sitzen. Die Kürzere Seherinnenrede (bei Simrock als Teil des Hyndlaliedes) erwähnt einen Gott, der von neun Riesentöchtern (die namentlich genannt werden) am Rand der Erde geboren worden sein soll. Da es hier auch um Loki und den Endkampf der Götter geht, nimmt man an, daß hier indirekt Heimdall beschrieben ist. Im Thrymlied wird Heimdall als der "Weißeste der Asen" bezeichnet, der "viel voraus" wußte, wie sonst nur die Vanen. Schon von Golther wird darauf hingewiesen, daß diese Stelle nicht bedeute, Heimdall sei zu den Vanen zu zählen.
Ganz wichtig ist natürlich noch das Merkgedicht von Rig, in dem ein "kluger Ase" die drei Stände der Menschen (Knechte, Bauern, Jarle) begründet. Da dieser Gott auch der "Wanderer" genannt wird, könnte es sich eben auch um Odin handeln (s.u.). Meist nimmt man unter Bezug auf Völuspa, 1, an, daß dies ein anderer Name für Heimdall ist. Warum wurde Heimdall nicht explizit genannt? Vielleicht hat es mit einem Wortspiel zu tun: Der Sohn, der am Ende das Königtum begründet, trägt den Titel schon in seinem Namen: Konr ungr. Er wird aber auch Rig genannt, was irisch für König steht. Somit schließt sich der Kreis zum Anfang des Liedes, an dem der Wanderer als "Rig" bezeichnet wird. Simek jedoch bezweifelt, daß die Gleichsetzung von Heimdall mit Rigr erlaubt ist. Der umherwandernde, Runenwissen lehrende Protagonist sei doch eher mit Odin gleichzusetzen.

Prosaedda: Die immer wieder zu lesende Kurzbeschreibung Heimdalls findet sich in Snorris Edda (Gylfaginning), sie soll hier auch wiedergegeben werden (Simrock):

Heimdall heißt einer, der auch der weiße Ase genannt wird. Er ist groß und hehr und von neun Mädchen, die Schwestern waren, geboren. Er heißt auch Hallinskidi und Gullintanni, weil seine Zähne von Gold sind. Sein Pferd heißt Gulltopp. Er wohnt auf Himinbiörg bei Bifröst. Er ist der Wächter der Götter und wohnt dort an des Himmels Ende, um die Brücke vor den Bergriesen zu bewahren. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht sowohl bei Nacht als bei Tag hundert Tagreisen weit; er hört auch das Gras in der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch alles, was einen stärkern Laut gibt. Er hat eine Trompete, die Giallarhorn heißt, und bläst er hinein, so wird es in allen Welten gehört. Heimdalls Schwert heißt Haupt.

In eben diesem Prosaedda-Abschnitt wird ein Heimdallslied erwähnt (Heimdallargaldr), das aber verschollen ist. Daraus sind zwei Zeilen übriggeblieben, in denen Heimdall offenbar von sich sagt:
Ich bin neun Mütter Sohn und von neun Schwestern geboren.
Später wird noch berichtet, daß Heimdall auf dem Hengst Gulltopp zu Baldurs Begräbnis ritt. Noch einmal taucht Heimdall in diesem Text (Gylfaginning) auf, als die Ragnarök beginnen. Er bläst beim Anblick der sich nähernden Feinde in das Gjallarhorn, weckt damit die Götter, die unverzüglich zu einer Thingversammlung eilen. Später heißt es, daß Loki und Heimdall miteinander kämpften und sich gegenseitig töteten.
In der Sprache der Dichtkunst 8 werden die Attribute Heimdalls, wie schon in der Gylfaginning angegeben. Hier steht allerdings auch noch, daß er ein Sohn Odins sei. Er wird auch Besucher Wagaskers und Singasteins genannt, was laut Krauses Anmerkungen unklare Ortsangaben sind. Es wird auch auf einen Streit mit Loki um Brisingamen, das kostbare Halsband Freyas, verwiesen. Der Singastein wird hier im Zusammenhang mit einer "Meeresniere" erwähnt, wobei unklar bleibt, ob dies ein Ort oder ein Artefakt ist.
Es sei auch noch angemerkt, daß der Name Heimdalls nicht in Ortsnamen vorkommt (Ström).

Letztlich berichtet der Skalde Ulfr Uggason in der Húsdrápa über Heimdalls Kampf mit Loki um den Freya geraubten Schmuck Brinsingamen, der relevante Teil ist wiedergegeben in der Sprache der Dichtkunst 64 (Krause).

Leben und Tod Heimdalls

Aufgrund der zwei Strophen aus dem nicht erhaltenen Heimdallslied kann man davon ausgehen, daß die Angabe der "9 Mütter" als zutreffend anzusehen ist. Üblicherweise werden die 9 Schwestern mit den 9 Töchtern der Meeresgöttin Ran und ihres Gatten Ägir in einsgesetzt, den "Meereswellen".
Somit ergäbe sich das Bild: Heimdall ist ein aus dem Meer geborener Gott. Aber: Die Namen der neun Riesinnen aus der kürzeren Seherinnenrede sind nicht mit den Namen der Rantöchter identisch, dennoch meint Golther, die erwähnten Namen gäben durchaus die Qualitäten der Meereswellen wieder, z.B. die "Dahinstürmende", "Brausende", "Bedrängerin". Dumézil (nach: Simek) deutet die neun Mütter so, daß Heimdall ein Gott des Ursprungs sei - die neun Mütter stünden für 9 lange Leben. Diese Deutung ("Gott allen Anfangs") findet sich auch bei Ström, der den Gott mit dem römischen Janus und dem altindischen Vayu vergleicht.
Ich deute das so: Die 9 Mütter sind ein Bild, das sowohl für Heimdall steht, als auch in den 9 Ranstöchtern wiederkehrt. Ich glaube aber nicht, daß diese Ranstöchter die Mütter Heimdalls sind. Vielmehr meine ich, man sollte gemäß Snorri davon ausgehen, daß Heimdall als Sohn Odins und "9 Riesinnen" anzusehen ist. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist die unten noch besprochene Deutung Heimdalls als "Lichtgestalt" bzw. Gottheit des frühen Morgens, des Sonnenaufgangs. In diesem Sinne würde die naturmystische Deutung des Lichtgottes, der aus den Meereswellen am Horizont aufsteigt (d.h. von den 9 Ranstöchtern geboren wird), durchaus Sinn ergeben. Auch die Annahme der Robbengestalt (s.u.) sowie der Beiname "Vindhlér" (Wind-Schutz, Wind-Meer) deuten auf einen Zusammenhang mit dem Meer hin.

Heimdalls Name leitet sich von heimr (Welt) und dallr, einem verlorenen altnordischen Adjektiv ab, das in angelsächsisch deall (stolz, berühmt) erhalten ist. Meist wird Heimdall als "der über der Welt Leuchtende" interpretiert. Einer anderen Ableitung zufolge heiße er der "Hellstrahlende". Die Etymologie ist aber letztlich unklar. Der Beiname Hallinskidi und die Wortform Heimdali bedeuten auch Widder. Vielleicht ist der Widder ein dem Heimdall zugeordnetes Tier - so wie z.B. Freyr seinen Eber hat. Oder der Widder hängt mit dem Gjallarhorn zusammen, wenn man davon ausgeht, daß es ein Widderhorn ist.

Viele Autoren verweisen bei Heimdalls Erscheinung (in Verbindung mit seinem Namen) darauf, daß er als Lichtgott erscheint: weiß, hell, goldstrahlend. Goldzähne, ein Pferd mit goldener Mähne, das Bild Bifröst = strahlender Regenbogen, all das ergänzt dies. Golther erwähnt, daß man Heimdall als einen Aspekt von Tiuz (Tyr) sehen könne: Dieser sei Himmelsgott, Heimdall sei allerdings nur ein Gott des Frühlichtes, des anbrechenden Tages. In diesem Sinne deutet Dumézil (nach Simek) Heimdall als "Gott des Ursprungs".

Die Aufgabe Heimdalls im Kreis der Götter ist klar umrissen: Er wohnt nahe der Brücke, die nach Asgrad führt, und man kann annehmen, daß er als Wächter der Götter dort lange Wachzeiten absteht. Ulfr Uggason nennt Heimdall den "ratklugen, berühmten Wächter des Götterweges". De Vries ordnet den Gott gemäß des Dumézilschen Schemas der Funktion der Stärke zu, wobei Thor den Krieger, Heimdall den Wächter darstelle. Bewaffnet ist Heimdall mit seinem Schwert Höfud ("Menschenhaupt"), dessen Namensbedeutung unklar ist. Simek mutmaßt, Heimdall könne durch einen "Menschenkopf" umgekommen sein (??). Ström schreibt: "In Kenningen wird entweder Heimdalls Kopf mit einem Schwert (...) oder Heimdalls Schwert mit einem Kopf (...) verglichen" (mehr dazu - von Ström - weiter unten im Text).
Weiterhin trägt er das Gjallarhorn, ein großes Rufhorn, bei sich, um bei Gefahr die Götter damit wecken zu können. Mir kommt dabei das klassische Nachtwächterbild in den Sinn: Ein Mann in langem Umhang, mit Kapuze, mit Stab, Horn, Laterne. Man kann mit diesem Gott daher einen "wachen Geist" assoziieren, eine Betonung des Intellekts - wie auch die Erwähnung seiner Vorahnungen im Thrymlied. Für seinen Wächterdienst erntet Heimdall Spott von Loki, der meint: "Schweig du, Heimdal! In der Schöpfung Beginn ward dir ein leidig Los. Mit feuchtem Rücken fängst du den Tau auf und wachst der Götter Wärter!". Der feuchte Rücken wird hier auf den regen- oder schneenassen Umhang eines Mannes bezogen, der bei jedem Wetter auf Wache steht. Krause hingegen übersetzt "mit schmutzigem Rücken" und meint, die Stelle sei unklar.
Golther assoziiert die Wohnstätte Himmelsburg mit den Spitzen der höchsten Berge. Dies habe damit zu tun, daß die Feinde der Götter, nach denen der Wächtergott Ausschau hält, die Riesen, auch im Hochgebirge wohnen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dies wirklich ein guter Vergleich ist. Heimdalls Gegenspieler in der germanischen Mythologie ist Loki, eine mit vielen Facetten versehene Trickster-Gestalt, die immer wieder Unglück über ihre "Wahlverwandtschaft", eben die Götter, bringt, dieses Unglück aber auch wieder gutmacht. Jedoch ist Loki letztlich massiv am Untergang der Götter in den Ragnarök beteiligt - und Heimdall ist der Wächter, der die Götter mit seinem Rufhorn weckt und zum Kampf auffordert. So verwundert es nicht, daß Loki und Heimdall in diesem letzten Kampf miteinander ringen und sich gegenseitig töten (Gylfaginning 51). Deshalb wird Loki in der Sprache der Dichtkunst auch als Tod- oder Zwistfeind Heimdalls bezeichnet. Das ist aber nicht der erste Kampf, den die beiden miteinander austragen: Sie haben schon einmal an dem nicht zu deutenden Ort "Singastein" um das von Zwergen für Freya hergestellte Halsband Brisingamen gekämpft, was der oben schon erwähnte Ulfr in den Husdrapa beschreibt. Zwar wurde Singastein auch als Objekt (statt Ort) gedeutet, aber das scheint eher zweifelhaft. Interessanterweise sollen die beiden Widersacher in Seehundsgestalt miteinander gekämpft haben, was für Heimdall wiederum ein Meeresbezug ist, wie im obigen Text schon angeklungen. Allerdings steht diese Deutung des Kampfes um Brisingamen auf wackeligen Füßen, denn sie setzt voraus, daß die "hafnyra", die dort erwähnte Meeresniere, mit dem Schmuckstück Freyas identisch ist. Simek weist darauf hin, daß hafnyra auch eine einwandfreie Kenning für Insel oder Schiff sei.
Einen knapp formulierten, aber umfassenden Deutungsversuch von Ström möchte ich hier komplett wiedergeben: "Die Namen Heimdallr, Hallinkskidi und Gullintanni bedeuten alle Widder (...), ein Tier, das zwei Schwerter auf dem Kopf trägt. Eine walisische Tradition spricht von der Seejungfer Gwenhidwy oder Gwenhudwy, 'die weiße Zauberin', 'deren krause Wogen die Schafe und die neunte Woge der Widder war'. Hier erklären sich Heimdalls Weißheit, die neun Mütter (8 + 1 Wogen, (...)), Widder- und Robbengestalt und die Verbindungen zwischen seinem Kopf und einem Schwert."

Pileatus gibt eine Arbeit des Religionswissenschaftlers Gudmar Aneer wieder, der u.a. die gesellschaftsgründende und kulturbringende Funktion Heimdalls auf der Basis der Rigsthula. Er zieht aber auch die Parallele zum altindischen Gott Agni, dem Gott des Opferfeuers und der Priesterkaste, dessen heiliges Tier auch der Widder ist; weiterhin zum keltischen Lug, der als Lichtgott auch im Kampf mit den Kräften des Chaos ist; letztlich noch zum altpersischen Vohu Manah, einer Vermittlergottheit: "Durch die rechte Gesinnung erkenne der Mensch die Gottheit und die Gottheit zeige den Menschen ihren Weg, ihr Ziel und ihren Ursprung."
Auf alle Aspekte in Pileatus' Artikel einzugehen, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Von daher sei noch gesagt, daß Aneer in Heimdall eben diese Vermittlergottheit zwischen den Menschen und der Welt der Götter sieht.
Aus dem Vergleich mit Agni wurde auch geschlossen, daß Heimdall der Gott des Opfers (bzw. Opferfeuers) ist, mithin auch ein Gott der Priester.

Unklar ist insbesondere, was mit dem "Heimdallar hljóð" (Völuspa 27) gemeint ist, das unter dem Weltenbaum liege. Ist damit das Gjallarhorn gemeint, wie z.B. Krause übersetzt? Wohl kaum, denn das Horn sollte der Wächtergott ja schon mit sich führen. Andererseits heißt es, als die Ragnarök beginnen, Heimdall blase ins Horn, Odin spreche mit Mimirs Haupt und die Weltenesche erbebe. Ist Heimdalls Gehör mit dieser Formulierung gemeint - auch im Sinne eines (Ohr-)Pfandes analog zum Augen-Opfer Odins? Ström führt aus, daß hljoð 'Gehör, Schweigen, Laut, Ton' bedeuten kann. So heißt es auch gleich am Anfang der Völuspa "Gehör heisch ich ..." - "hljoðs bið ek ...". Somit glaubt Ström, daß Heimdall - wie Odin - einen Teil seiner Sinneswahrnehmung (sein Gehör, vielleicht ein Ohr) geopfert hat. Nur - was hat Heimdallr dafür erhalten?

 

Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!