Tempel und Kultanlagen im frühgeschichtlichen Nordeuropa

Stichworte: Blóthús, Blótstaðr, Godahús, Heligistaðr

Inhalt

Einleitung
Aktuelle Perspektiven
Eine Unterteilung in vier Gruppen
Ein Blick in mythische Zeit
Halle und Hof
Archäologische Funde
Dänemark
Schweden
Norwegen
Island
Die Stabkirche
Moderne Tempel
Quellen und Verweise


 

Einleitung

…oder wie’s zu diesem Artikel kommt…
Lange vor der nordgermanischen Sagazeit hatte Tacitus in der Germania (Kap.9) festgestellt, daß die germanischen Stämme keine Tempel gehabt hätten und ihre Götterbilder in heiligen Hainen aufstellten, weil sich die Erhabenheit der Himmlischen nicht einschließen lasse. Hier spannt sich ein Zeitbogen über fast 1000 Jahre Geschichte, der zugleich die kontinentalgermischen Verhältnisse zu Zeiten Tacitus samt den mittelalterlich-isländischen Sagas in einem Atemzug nennt. Über 1000 Jahre und mehr als 2000 km Luftlinie, die dazwischen liegen.
Ich erwähne dies aus zwei Gründen. Zum einen, um in diesem Zusammenhang den historischen und zugleich geographischen Horizont des Artikels abzustecken (Schwerpunkt frühgeschichtliches Nordeuropa). Zum anderen, um kurz auf die zwei Standpunkte in der Alten Sitte / Asatru in Bezug auf Tempel einzugehen. Da gibt es die einen, die sagen: Ja, germanische Tempel hat's gegeben und wären auch heute eine feine Sache. Die anderen halten es getreu nach Tacitus: Nein, Götter gehören nicht eingeschlossen, ihre Erhabenheit ist am Besten unter freiem Himmel aufgehoben. Beides ist gut nachvollziehbar und ich füge an, daß ich Feste auch nur im Freien kenne - allerdings mehr in Ermangelung eines geeigneten Blóthauses. Denn zu der feierlichen Atmosphäre eines optisch ansprechenden, rustikalen Kultgebäudes würde ich sicher nicht Nein sagen. Sogar ganz im Gegenteil, es böte sich die Möglichkeit eines zentralen Platzes, an dem sich die heiligen Gegenstände unabhängig von klimatischen Verhältnissen deponieren ließen. Und zuletzt gibt es ja auch Tage, an denen ein schützendes Dach über dem Kopf für ein Blót nicht unwillkommen käme. Ich denke da an eine komplett durchregnete Sommersonnenwende vor nicht all zu langer Zeit und eine eisige Wintersonnenwende im Beisein von Kleinkindern. An dieser Stelle erinnere ich mich gerne an das letzte Julfest in einer angemieteten Blockbohlenhütte, eines der urigsten Feste überhaupt. In der norwegischen Stabkirche, die im Folkemuseum in Oslo steht, fragte ich mich wie es wohl wäre, wenn dies ein heidnischer Tempel wäre? Oder spürt man beim Betreten eher den kalten Hauch des langsam einsickernden Monotheismus? Diese und ähnliche Gedanken bilden jedenfalls die Motivation, die mich zum Versuch dieses Artikels führt.

 

Bild: Norsk Folkemuseum in Oslo

Aktuelle Perspektiven

Meinem Eindruck nach hat die Erforschung nordgermanischer Sakralbauwerke in jüngerer Zeit wieder etwas frischen Wind erfahren. Galt es doch bisher, den archäologischen Anfängen auf diesem Gebiet eine allzu leichtfertige Interpretation der Funde nachzusagen (Sæból, Uppåkra, Hofstaðir), um daraufhin jedwede Anhaltspunkte hyperkritisch vom Plan zu wischen (besonders in Deutschland). Nun geben zwei Entwicklungen interessante und vielversprechende Ausblicke. An erster Stelle steht natürlich die Entdeckung einer vorchristlichen Kultstätte bei Ranheim, etwa 10 km nördlich von der norwegischen Stadt Trondheim entfernt. Die Notgrabung einer bevorstehenden Baumaßnahme brachte Erstaunliches zum Vorschein: Es wurde ein Tempelbezirk bestehend aus Göttertempel mit Opferaltar und Prozessionsweg identifiziert. Um den Enthusiasmus in Zaum zu halten sei angemerkt, daß dieses Areal nach Abschluß der Notgrabung dennoch überbaut wurde. Welch ein Verlust an historischem Erbe. Man stelle sich vor, dieser heilige Bezirk wäre fundgetreu aufgebaut und als Freilichtmuseum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Nach vorliegenden Informationen wäre eine Grundstücksteilung und geringfügige Verlagerung des Bauvorhabens durchaus möglich gewesen. Nun ist es jedenfalls zu spät.

Die zweite Entwicklung ist auf den ersten Blick weniger sensationell, bringt der Erforschung von eisenzeitlichen Hallen jedoch seit Jahren großen Zugewinn. Gemeint ist die sogenannte Zentralplatzarchäologie, in der es darum geht, Netzwerke benachbarter Herrschaftssitze nachzuweisen. In Nordeuropa kamen in den letzten Jahrzehnten insbesondere an Orten reicher Edelmetallfunde weitere Hallen ans Tageslicht. Waren 1993 in Dänemark insgesamt 12 Hallen- und Zentralplätze bekannt, so stieg diese Zahl im Jahr 2003 schon auf 40. Jetzt kann man fragen, was das mit diesem Thema zu tun hat. Es interessiert daher, weil einige dieser Machtzentren (Häuptlingssitze) Gebäude besitzen, die sich in jeder Beziehung von ihrem Umfeld abheben und weder als Wohn-, Lager- noch Stallgebäude dienten. An diesen Orten kommt es häufig zu herausragenden Funden (beispielsweise Uppåkra), die zusammen mit der ungewöhnlichen Bauform für eine kultische Verwendung sprechen. An einigen Stellen wurden auch Steinformationen (Hörgr) und eingezäunte Bereiche (Vébond, Friðgeard) gefunden, die diese Annahme unterstreichen.
Letzteres kann man sich so vorstellen: Eine Schnur war im Kreis um die Haselstangen gebunden, um die Hegung symbolisch sichtbar zu machen – man nannte sie Vébond. Baetke übersetzt das Wort als „die Bande, die ein Heiligtum umschließen“. Vé ist die Bezeichnung eines Heiligtums oder geweihten Platzes, das auch in vielen skandinavischen Ortsnamen verbreitet ist, wie Vébjorg (jetzt Viborg), Visby, Véstaðr. Angelsächsische Gesetze erwähnen ein Friðgeard - einen Zaun, der um einen Baum, Stein oder eine Quelle eine geheiligte Stätte umschließt und in dem ein unverletzlicher Friede herrscht. Weiter nördlich steht das Wort Stafgarð daneben – ein Heiligtum, das aus einem umfriedeten Holzpfahl bestand. Auf der Insel Gula Grundet (Schweden) wurde die Thingstätte durch Haselstangen (Heslistengr) abgesteckt und mit Bändern umzogen.

Bild: Altslawischer Tempelort des 9. und 10. Jahrhunderts
im Freilichtmuseum Groß Raden, Mecklenburg-Vorpommern.
Deutlich ist der eingezäunte Zugang zu erkennen,
der um den Tempel verläuft.

Eine Unterteilung in vier Gruppen

Zurück zum Tempel - eine kurze Unterteilung und Einordnung. Sakarale Bauwerke sind Orte und bauliche Anlagen, die für rituelle beziehungsweise kultische Handlungen wie beispielsweise Opferungen genutzt werden. Für das frühgeschichtliche Nordeuropa unterscheide ich vier Gruppen:


Ein Blick in mythische Zeit

Die Opferstätten 'Hörgr' und 'Hof' kommen recht häufig in der festen Verbindung 'Hörgr ok Hof' vor und werden von ihrer topographischen Lage sowohl in Bezug auf die Götter als auch auf die Menschen genannt. Der erste Bau eines 'Hörgr ok Hof' geschieht in mythischer Zeit, Völuspá Str. 7:

Hittusk æsir á Iðavelli,
þeir er hörgr ok hof hátimbruðu.

Die Asen einten sich auf dem Idafelde,
Hof und Heiligtum hoch sich zu wölben.

Der Bau des ersten Heiligtums wird von den Asen auf dem Idafeld vollbracht, im mythischen Bereich. Man stellt sich einen Holzbau vor, der zusammen mit dem Hörgr die heilige Stätte bildet. Vielleicht in der Weise wie Jan de Vries angenommen hatte, daß der Hörgr mit einer Art Schutzdach überdeckt gewesen sein könnte. Gerade Brandopfer, die für den Hörgr bezeugt sind, müßten dabei ein recht hochgezimmertes Dach erfordern. Die enge Verbindung von 'Hörgr ok Hof' ist auch in den Vafþrúðnismál Str. 38 belegt:

hofom og hörgom hann ræðr hunnmörgom,
ok varðat hann ásom alinn.

Höfen und Heiligtümern hundert gebietet er
Und ist nicht asischen Ursprungs.

Wird in der Völuspá das handwerkliche Errichten des Götterheiligtums beschrieben, so geht es hier um die göttliche Besitzverwaltung. In 'hofom og hörgom hann ræðr' liegt ein aktives Walten über die heilige Stätte. Die Heiligkeit von 'Hörgr ok Hof' ist also nichts Passives, sie wird von den Göttern erwirkt. Njördr aus dem vanischen Geschlecht wird hier eine größere Anzahl solcher Heiligtümer zugeschrieben, die allerdings nicht näher lokalisiert werden. Im Hyndlalied (Hyndluljóð) Str.10 scheint auch Freyja mit dem Hörgr in Verbindung zu stehen:

Haurg hann mer gerdi hlaðinn steinum
— nu er griot þat at gleri vordit —,
raud hann i nyiu nauta blodi,
æ trúdi Ottar á ásynjur.

Er hat mir aus Steinen ein Haus errichtet,
Gleich dem Glase nun glänzen die Mauern,
So oft tränkt’ er sie mit Ochsenblut.
Immer ehrte Ottar die Asinnen.

'Hlaðinn steinum' deutet auf das Aufschichten von Steinen zu einer erhöhten Opferstätte unter freiem Himmel hin. Etwas häufiger sind nahe Verwandte wie 'hlaða hauga', 'hlaða gróti' oder 'hlaða steina' belegt. Die Landnáma berichtet von einer wohl aus Steinen bestehenden Stelle, wo das Blót stattfand: þeir hlóðu þar varða er blótið hafði vertit. Man kann aus dem Hyndlalied 10,2 'nu er griot þat at gleri vordit' schließen, daß auf dem Hörgr Feuer entzündet wurden. Vielleicht kann die Verglasung auch auf die häufigen Hitzeeinwirkungen der Opferbrände zurückzuführen sein, wobei auf der anderen Seite eine immer erneute Rotfärbung durch das Rinderblut kommen kann. Das Rinderblut wird eindeutig den 'ásynjur' zugeschrieben. Zum 'trúdi á ásynjur' gehört also nach dem Hyndlalied ein Opferbrand, ein Röten des aus Stein errichteten Hörgr mit Stierblut.

Ausgrabungen auf Island zeigen, daß im Laufe der Zeit die Form des Hörgr viele Veränderungen erfahren hat. Die älteste Gestalt war der Altar mit der kreisförmigen Umhegung, wie sie an mehreren Stellen (Ytri-Fagradalur, Hvammur) zutage getreten ist. De Vries schreibt, daß diese Form auf einen uralten Ritus des Umwandelns eines Kultobjektes hinweist. In Sæbol befand sich in einer 45 x 45 Fuß großen Umhegung ein kleines 21 x 21 Fuß großes quadratisches Gebäude, an dessen Hinterwand ein Hörgr, also ein Steinaltar angelegt war.

Schon aus der Bronzezeit sind Spuren von kleinen Holzbauten mit quadratischem Grundriß von etwa ein bis zwei Meter Seitenlänge bekannt, die als „Tempelchen“ angesehen werden. De Vries geht davon aus, daß die längere Dauer des Heidentums in Skandinavien eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Form ermöglicht hat. Das Wort Hörgr entspricht dem althochdeutschen Harug oder Harg (altenglisch hærg, hearg).

Hörgshlíð in Mjóifjörður,  Hörgsland und Hörgás sind isländische  Ortsnamen, die auf Sakralbauten beziehungsweise blótstallur  hindeuten (hörgur, hörg oder hörgull). Weitere Verbreitung des Hörgr-Kultes sind beispielsweise in Schweden Odhinshargh (jetzt Odensala in Uppland) und Thorshargh (jetzt Torshälla in Södermanland) zu finden, sowie in Nordholland Haragum und Hargen (Schönfeld). Man geht davon aus, daß der Hörgr häufig mit einem Privatkult in Verbindung stand.

Weitere Informationen zum Thema Hörgr sind auch auf dieser Seite zu finden: Altarformen einst und jetzt (Stallr und Hörgr)

Halle und Hof

"Þórdísarlækur fellur vestan í Smiðjuvatn. Ingimundur kaus sér bústað í hvammi einum mjög fögrum og efnaði til bæjar. Hann reisti hof mikið hundrað fóta langt og er hann gróf fyrir öndvegissúlum þá fann hann hlut sinn sem honum var fyrir sagt.

Der Fluß Þórdísarlæk fließt von Westen in den See Smiðjuvatn. Ingimund wählte einen Platz für seinen Hof in einer schönen kleinen Senke und traf alle Vorbereitungen für den Bau. Er errichtete einen großen Tempel, der hundert Fuß lang war, und als er die Löcher für die Hochsitzsäulen aushob, da fand er seinen Talisman, wie es vorhergesagt worden war." Vatnsdæla saga (15)

Das altnordische Wort Hof, wie es in der Vatnsdæla-Saga und anderen Isländersagas vorkommt, ist etymologisch mit unserem heutigen deutschen Wort Hof vergleichbar, das  für Bauernhof, Garten, Einzäunung, Wohnstätte oder auch Gericht steht. Ursprünglich bezeichnete Hof oder Hov in den skandinavischen Sprachen aber auch einen heiligen Ort, wie zum Beispiel verschiedene Ortsnamen bezeichnen: Freyshof = Freyr geweiht, Norderhov = Njörðr geweiht, Torshov = Thor geweiht, Vidarshov = Vidar geweiht. Es war scheinbar nicht unüblich, daß die Langhalle skandinavischer Bauernhöfe eine Doppelverwendung für Wohn- und Kultzwecke fand.
Nach der Eyrbyggja Saga war der Hof von Þórólfr Mostrarskegg zu Hofsvág auf Snæfellsnes ein großes Gebäude (mikit hús), das Türen an beiden Langseiten hatte. Neben dem Hauptraum war noch ein kleinerer Raum vorhanden, wo sich die Götterbilder (Stafr) befanden. Dieser Teil des Kultgebäudes stellte eine Art Anbau dar und wurde Afhús genannt.

Bild: Rekonstruiertes Kultgebäude im Moesgård Museum, Dänemark.


Archäologische Funde

Dänemark

Tissø

In den 1990er Jahren legten dänische Archäologen die Wohnstätte eines Häuptlings am Stadtrand von Tissø (= "See des Gottes Tyr") frei. Unter anderem wurden die Überreste eines großen Langhauses oder einer Halle ausgegraben, die zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert in Gebrauch war. Das Gebäude enthielt einen großen zentralen Raum, in dem eine große Anzahl von Tierknochen, Fragmente von fränkischen Bechergläser und ein Stück von einem Streichinstrument gefunden wurden. Aufgrund der Fundkonstellation wird mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen, daß die Halle für zeremonielle Zwecke verwendet wurde. Außerdem wurden in der näheren Umgebung noch weitere Gegenstände gefunden, unter anderem ein großer goldener Ring, Amulette mit mythologischen Motiven und Tierknochen. Diese Funde deuten darauf hin, daß der gesamte Komplex ein wichtiges religiöses Zentrum war. Weitere Funde, zum Beispiel Waffen und Schmuck, zeigen, daß das Areal mit den höheren Gesellschaftsschichten verbunden war, möglicherweise mit der königlichen Familie. Der König fungierte auch als religiöser Führer und wenn er zugegen war, wurde der Hof für die Opferfeste verwendet. Ähnliche Gebäudekomplexe sind von anderen Orten im südlichen Skandinavien bekannt, zum Beispiel in Järrestad (Skåne), Lisbjerg (Jütland ) und Toftegård (Seeland). Man kann von multifunktionalen Zentren sprechen, die auch Werkstätten und Marktplätze usw. beinhalteten und dem König als temporäre Residenz dienten. In Tissø fanden die Archäologen an die Halle angrenzend einen eingezäunten Bereich, in dem ein Hörgr gestanden haben könnte.

Schweden

Borg

In Borg, gelegen im schwedischen Östergötland, wurde ein kleines Gebäude entdeckt, das sich in zwei Räume unterteilt. Am Ende des zentralen Mittelgangs gegenüber des Eingangs sind Überreste einer Steinformation gefunden worden, die als Hörgr interpretiert werden. Hier wurden neben rund 75 Kg unverbrannten Tierknochen zwei Ringe ausgegraben. Über die Größe und Beschaffenheit dieser Ringe konnte ich bis dato leider keine weiteren Informationen gewinnen, was aber besonders in Zusammenhang mit dem Hörgr von Interesse sein könnte. Möglicherweise ließe sich über Schwurringe nachdenken. Das Gebäude wird jedenfalls als kultische Einrichtung gedeutet, die für rituelle Feste genutzt wurde. Im 11.Jahrhundert wurde der gesamte Bereich mit einer Erdschicht überdeckt und parallel errichtete man etwa 100 Meter eine Kirche.

Gamla Uppsala

Uppsala - und genauer das nördlich gelegene Altuppsala (Gamla Uppsala) ist der altschwedische Königssitz und zugleich Kultzentrum dieser Zeit. Hier befand sich nach Adam von Bremen ein Tempel, wo alle neun Jahre große Opferfeiern stattfanden. Noch heute sieht man hier drei große Hügelgräber von Königen der Völkerwanderungszeit und eine Kirche an Stelle des altgermanischen Tempels stehen. Der Forscher Sune Lindqvist hat im Jahre 1926 durch archäologische Untersuchungen unter der Kirche eine Reihe von Pfahlspuren eines alten Gebäudes aus heidnischer Zeit zutage gefördert, die womöglich zum heidnischen Tempel gehören. Simek schreibt, daß die Pfostenlöcher vielleicht aber auch sogar auf einen wesentlich älteren, abgebrannten Tempel zurückgehen (nach Norberg) und sich  der von Adam beschriebene Tempel an den Chor der Kirche anschloß. Das müßte man jedoch so verstehen, daß Tempel und Kirche zeitgleich nebeneinander existierten, was ich mir angesichts der gewaltsamen Christianisierungsmaßnahmen nur schwer vorstellen kann (oder der heidnische Tempel war bereits außer Kraft gesetzt). Die Existenz eines germanischen Kultzentrums steht jedoch außer Zweifel.

Weitere Informationen sind auch auf dieser Seite zu finden: Gamla Uppsala

Lunda

In Lunda fand man ein kleines Gebäude, das parallel zur Nordseite eines Langhauses stand. Darin befanden sich drei Idole, das eine aus Gold und die anderen beiden aus Bronze gearbeitet. Zusätzlich stießen Forscher in einer nahgelegenen Hügelkette auf eine Vielzahl von Feuerstellen, bearbeiteten Steinen und stark verwitterte Tierknochen (vermutlich Schwein, Schaf oder Ziege).

Uppåkra

Uppåkra gilt heute als eine der bedeutendsten archäologischen Fundstellen eisenzeitlicher Siedlungen in Schweden. Sie befindet sich in der Gemeinde Staffanstorp in Schonen. Grabungen haben seit 1934 zahlreiche Artefakte aus Keramik, Knochen, Eisen und Bronze ans Tageslicht gebracht. Ebenfalls wurden Teile eines abgebrannten Hauses mit Flechtwerk-Lehmmauer freigelegt. Durch gezielte Metalldetektor-Begehungen zwischen 1996 und 1997 wurden dem Erdboden über zehntausend Funde entrissen, die eine permanente Besiedelung von der späten vorrömischen Eisenzeit bis in die Wikingerzeit bezeugen. Die Funde zeigen, daß in Uppåkra ebenfalls höhergestellte Gesellschaftsschichten ansässig waren und sowohl Handwerk, Handel und kultische Handlungen betrieben wurden. Simek schreibt dazu, daß Uppåkra ein altes Reichtumszentrum war, das erst gegen Ende des 10.Jahrhunderts seine Macht an das neugegründete Lund abtrat.

Unter den zahlreichen Ausgrabungen seit 1997 nehmen vor allem die Überreste eines Blóthauses einen besonderen Stellenwert ein. Die Abmessungen des Kulthauses waren etwa 13 x 6 Meter. Ein Bronze- und Silberbecher mit aufgesetzter Goldfolie, eine Glasschüssel sowie 111 Goldblättchenfiguren (Guldgubber) sind herausragende Funde an diesem Ort, die zusammen mit der ungewöhnlichen Bauform für die kultische Verwendung des Hauses sprechen. Das Kulthaus war durch etliche Phasen des Umbaus über mehrere Jahrhunderte in Benutzung.

Bild: Two reconstructions of the hof at Uppåkra, Sweden. Top: Lunda; bottom: Fotevik.
Author: Sven Rosborn. Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:The_tempel_of_Uppakra_Sweden.jpg

 

 

Norwegen

Hov

Im Südnorwegen gelegenen Hov wurde eine etwa 15 Meter lange Halle entdeckt, die auf das 6.-7. Jahrhundert datiert wird. Dieses  Langhaus war Teil eines Bauernhofs, wurde offenbar aber nie als Wohnhaus verwendet. Es fanden sich darüber hinaus 29 Guldgubber, sowie ein Sax, Perlen und Messer. Es wird von einem kultischen Nutzen des Gebäudes ausgegangen.

Mære

Im norwegischen Mære fanden Archäologen in den 1960er unter einer mittelalterlichen Steinkirche Überreste eines Hofs. In einem der freigelegten Pfostenlöcher fand man Goldblättchenfiguren (Guldgubber).

Ranheim

Aufsehen erregte im Jahr 2012 die Entdeckung einer vorchristlichen Kultstätte bei Ranheim, etwa 10 km nördlich von der norwegischen Stadt Trondheim. Durch die archäologische Notgrabung einer bevorstehenden Baumaßnahme wurden die Überreste eines Tempels (gudehovet) freigelegt, die im torfigen Boden sehr gut erhalten blieben. Die Funde zeugen von reger Opfertätigkeit, wobei das Areal vermutlich seit dem 5. Jahrhundert v.u.Z. genutzt wurde. Während der Ausgrabungen fanden die Archäologen eine Feuerstelle, deren Holzkohle direkt auf der prähistorischen Pflugschicht lag und auf 500-400 v.u.Z datiert wird. Der Tempel wurde wahrscheinlich um das Jahr 400 n.u.Z erbaut und war bis ins 10. Jahrhundert in Gebrauch. Neben dem hölzernen Tempelgebäude wurde außerdem noch eine kreisförmige Steinlegung und ein Prozessionsweg freigelegt.

Der Tempel
Das Gebäude weist einen rechteckigen Grundriß von 5,3 x 4,5 Metern auf, bestehend aus 12 Pfosten jeweils in einem Steinfundament. Es wurde eindeutig nicht als Wohnung genutzt, da es keine Koch- bzw. Feuerstelle gab. Dafür wurden aber im Innern vier weitere Pfostenspuren gefunden, die auf ein Holzgestell (Stallr) hinweisen, auf denen die Götteridole (Stafr) gestanden haben können.

Die Steinlegung
Die kreisförmige Steinlegung hat einen Durchmesser von 15 Metern und ist 1 Meter hoch. Sie wird als Opferaltar (Horg, Hörgr) gedient haben.

Der Prozessionsweg
Der 25 Meter lange Prozessionsweg verläuft westlich in zwei Parallelreihen aus großen Steinen auf den Tempel zu.

Das Bild zeigt den ursprünglichen Göttertempel mit Opferaltar und Prozessionsweg. [Bildnachweis: Preben Rønne, Science Museum / NTNU]

Weitere Informationen:
http://strindahistorielag.no/wiki/index.php?title=Veet_p%C3%A5_Ranheim
http://forn-sed.no/ranheim/ranheim-ve.pdf
http://archaeologynewsnetwork.blogspot.de/2012/03/unique-pagan-temple-unearthed-in-norway.html

Island

Hofstaðir

Hofstaðir am Mývatn in Norisland ist der Name eines Hofs, der schon seit langer Zeit untersucht wird (1908 D. Bruun, 1965 O. Olsen, seit 1991 Fornleifastofnun Ísland). Ein großes Langhaus wurde freigelegt, in dem sich am Nordende unter anderem ein kleiner Raum befindet. Die gesamte Länge der Halle beträgt 42 Meter, die breiteste Stelle 8 Meter. Neben einer zentralen Feuerstelle und einigen Nebenfeuerstellen wurden zahlreiche Tierknochenreste gefunden.

Olsen sah in Hofstaðir das typische Beispiel eines Bauernhofs in Doppelverwendung als Wohn- und Kulthalle. Er analysierte die Knochenfragmente von 23 Rindern und fand heraus, daß der Großteil von Bullen stammte, deren Schädel ein Loch im Augenbereich aufwies. Dies könnte auf eine unübliche Tötungsmethode hindeuten. Außerdem wurden die Schädel samt Hörner gesondert außerhalb der Halle deponiert. Unter den geschlachteten Tieren befand sich auch ein Schaf, das auf gleiche Weise getötet wurde. Olsen kam daher auch wegen der exponierten, aber landwirtschaftlich eher schlechten Lage zu dem Schluß, daß es sich um einen Ort ritueller Zusammenkünfte gehandelt haben könnte - und zwar besonders im Frühjahr und im Sommer.

Simek behauptet hingegen, daß selbst jüngste Grabungen keine neuen Hinweise auf die Existenz eines Tempels geben.

Sæból

Sæból gehört zu einer Gruppe von Funden mit quadratischem Grundplan. Hier treffen zwei Deutungen aufeinander, die in Sæból  ein exemplarisches Beispiel finden: De Vries geht von einem kleinen quadratischen, von einem Zaun umgebenen Tempelgebäude mit Hörgr aus. In einer 45 x 45 Fuß großen Umhegung befand sich ein kleines, 21 x 21 Fuß großes Gebäude, an dessen Hinterwand ein Steinhaufen angelegt war. Der dänische Archäologe Olaf Olsen (1966) vertritt hingegen die Ansicht, daß es sich hier in Form und Größe eher um einen Pferdestall handelte, wie sie auf Island auch heute noch häufig zu finden seien. Seiner Meinung nach wurden entsprechende Funde aus romantischer Sicht zu wohlwollend als Tempel interpretiert.

Neuere Informationen liegen mir nicht vor.


Die Stabkirche

Waren heidnische Tempel die Vorläufer der Stabkirchen? Vieles scheint darauf hinzudeuten. Simek bemerkt dazu:

"Die Stabkirchen stellen übrigens eines der schwerwiegendsten Argumente für die Annahme komplexer wikingerzeitlicher Tempelbauten dar. Bau und Anlage der Stabkirchen weisen schon um die Mitte des 11.Jh. eine Perfektion auf, die nur durch längere einheimische Tradition erklärt werden kann, da ausländische Vorbilder fehlen. Vorläufer der Stabkirchen müssen also im weltlichen oder sakralen Bauten des heidnischen Norwegen gesucht werden." Simek

Ähnlich schreiben die Autoren Gunnar Bugge und Bernardino Mezzanotte in „Stabkirchen, Mittelalterliche Baukunst in Norwegen“:

"Dieses Bauprogramm war nur auf der Basis der vorhandenen handwerklichen Fähigkeiten, des Materials und der Bautechnik des Landes zu verwirklichen. Höchstwahrscheinlich war die Stabtechnik, neben ihrer Verwendung für zeremonielle Bauten des Königs und des Adels, bereits bei der Errichtung von Hovs, kleinen heidnischen Tempeln, die privat oder öffentlich genutzt wurden, zum Einsatz gelangt. Solche Hovs wurden in christliche Kirchen umgewandelt, wobei die Gemeinden keine andere Wahl hatten, als den Hov niederzureißen und an gleicher Stelle eine Kirche zu errichten." Bugge

Diese Theorie betrachtet den Hof, also das frühere Heiligtum, als Modell für die späteren Stabkirchen.


Moderne Tempel

Heute werden an verschiedenen Orten moderne Blóthäuser unterhalten. Gemeint sind damit Gebäude, die mit nordischen Volksmotiven verziert sind und der religiösen Nutzung dienen. Sie bilden den heiligen, der Alltagswelt enthobenen Ort, an dem die feierliche Kulthandlung durchgeführt wird - das Blót, das altnordische Opfer. Diese Einrichtungen werden in der Regel von regionalen Gruppen unterhalten, soweit mir bekannt ist in England, Schweden, Island und den USA (ich freue mich über weitere Informationen). Die Bau- und Gestaltungsform fallen sehr unterschiedlich aus. Von einem privaten Blóthaus wird recht detailliert im Heidnischen Jahrbuch 2010 geschrieben. Im Artikel „Wie man dem Blót das Blut  zurückgibt“ schreibt Michael Strmiska auf Seite 170 von einem Ehepaar im Südwesten New Hampshires, das sich auf ihrem Bauernhof ein fünf mal acht Meter großes Blóthaus innerhalb eines Baumbestandes errichteten, den sie als heiligen Hain betrachten. Sie feiern an diesem Ort regelmäßige Feste.
Wenden wir den Blick nach Island, hier plant die Gemeinschaft „Ásatrúarfélagið“ (www.asatru.is) in Reykjavík den Bau eines modernen Tempels. Ásatrú ist dort seit 1972 eine anerkannte Religion. Die eingereichten Entwürfe der Architekten können mit nüchtern, funktionell und ansatzweise futuristisch umschrieben werden – modern eben. Das Wenige was ich gesehen habe, trifft nicht meinen Geschmack.

In Maryland (USA) wird vom Gladsheim Kindred ebenfalls ein Tempelgebäude betrieben, das nach der englischsprachigen Wikipedia staatlich anerkannt sein soll. Bilder können auf der zugehörigen Webseite www.gladsheim.org unter „Hof Pictures“ angesehen werden.


Quellen und Verweise

 

Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: - | Weitere Autoren: - | Stand: 01.10.2013 | Urheberrecht beachten!