Eheleite

Der gemeinsame Schritt in den Bund der Ehe

 

Bedeutung: Die Eheleite ist das Ritual der Eheschließung, die Leite in den Ehebund. Sie symbolisiert, daß durch die Verbindung von Mann und Frau eine neue Einheit entsteht. Die werdenden Eheleute bekräftigen ihren Willen zum gemeinsamen Lebensweg und zur gegenseitigen Verantwortung.

Weitere Bezeichnungen: Eheweihe, Hochzeit, Hohe Zeit

Zeitpunkt: Nach der standesamtlichen Trauung

 

Inhalt

 

Allgemeines

Folgt man dem Lebenskreis, der mit der Kindsweihe beginnt und sich über die Jugendleite fortsetzt, stehen wir im sinngemäßen Lauf vor der Eheleite, der Hohen Zeit. Wieder befinden wir uns vor einem neuen Lebensabschnitt, diesmal jedoch nicht nur eines Menschen, sondern dem großen Schritt im Leben zweier Menschen. Beide haben sich entschieden, ihren künftigen Weg gemeinsam im Bund der Ehe zu beschreiten - ein Schicksal zu wagen.
Und eine Schwellensituation ist immer ein Wagnis. Wer weiß, was danach kommt? War jeder zuvor  noch Einzelperson und allein für sich verantwortlich, so werfen beide nun ihr ureigenes Heil in die Waagschale, um aus einer (möglicherweise) kräftezehrenden Übergangszeit gestärkt hervorzugehen und sagen zu können: Ich bin jetzt nicht mehr allein, denn alles was uns trifft, im Guten wie im Schlechten, trifft uns zusammen. Wir haben unseren Schicksalsfaden miteinander verknüpft. Unser junges Sippenheil liegt in unseren Händen. Es liegt allein an uns, was wir daraus machen. Mit den Göttern an unserer Seite. „Jung wurde ich Njál gegeben, das habe ich ihm verspochen: Ein Schicksal soll uns beide treffen.", spricht Bergthora in der Njálssaga.

"Die Liebe ist das Quellgebiet der Ehe und des kulturellen Lebens der Sippe und Gemeinschaft. Aus diesem Quell nähren sich Fruchtbarkeit und Ahnenerbe, hieraus wachsen und blühen Kunst, Erkenntnis und Gesittung.“ (Ulbrich)

Êwa - Vertrag auf gegenseitige Treue

Aus historischer Sicht stand die Liebe nicht zwangsläufig an erster Stelle. Unsere Vorfahren sahen die Ehe weniger als private Zweierbeziehung, sondern als Verbindung zweier Sippen. Ihre Nachkommen sicherten den  Fortbestand. Ehe kommt von êwa, dem Vertrag auf gegenseitige Treue. Das althochdeutsche und altfriesische ewa, mittelhochdeutsch ewe und altenglische aew steht im umfassenden Sinn für Gesetz und geltendes Sippenrecht.  Die Zusammensetzung des mittel- und althochdeutschen hirat  (entsprechend altenglisch hired) bedeutete ursprünglich „Hausbesorgung“, dann „Ehestand“ und schließlich „Eheschließung“. Das Bestimmungswort geht auf das germanische hiwan für „Haus, Hauswesen, Hausgemeinschaft“ zurück.

Wandel und Werden - Verbindung zweier Lebenskreise

Auf der einen Seite kommt sie Eheschließung natürlich in feierlicher Form zum Ausdruck, auf der anderen Seite spiegelt sie sich aber auch im Innern des Menschen wider und kann zum Ereignis eigener Wandlung werden. Setzt man den Fuß an die Schwelle der Hohen Zeit, gibt es Momente des Rückblicks. Sie erweisen sich als hilfreich, um die Kapitel des alten Lebensstadiums abzuschließen und zurückzulassen. Ein Vorgang der Sammlung, der auf den Beginn des neuen Lebensabschnitts vorbereitend  wirkt und vielleicht in die Vorfreude auf das erste Kind mündet.

Ideen zum Ablauf einer Eheleite

Man sollte sich zunächst überlegen, ob man einen Brautlauf machen möchte, ob also der Mann die Frau symbolisch einfangen muß. Das wird bei Heiden gerne praktiziert, ich hingegen erachte den Brauch nicht als notwendig, weil die Verbindung der beiden Sippen ja bereits vorher ausführlich besprochen wurde. Man bereitet einen Ritualplatz im Freien vor, an dem sich beide Sippen (und Freunde) einfinden. Die Sippen stellen sich getrennt voneinander auf. Braut und Bräutigam kommen in Begleitung ihrer Trauzeugen, aber getrennt, zum Platz. Sie treffen sich dort und der Bräutigam geleitet die Braut zum Zentrum des Platzes, wo der Kultleiter wartet. Vor der Zeremonie, dem eigentlichen Ja-Wort, geht die Braut zur Sippe des künftigen Mannes, stellt sich symbolisch vor und bittet um das Einverständnis zur Heirat. Der Mann geht seinerseits zur Sippe der Frau und bittet um die Hand der Tochter. Dann treten die Väter beider als Vertreter der jeweiligen Sippen vor und geben sich die Hand. Das Paar tritt zum Kultleiter, ihre Hände werden symbolisch mit einem Runenband zusammengebunden. Die beiden schwören sich die Treue, wobei man z.B. den schönen Spruch aus der Edda (Sigrdrifomal, nach Genzmer) nehmen kann: "Das schwöre ich, daß ich dich zum Weibe haben will; du bist nach meinem Herzen." Worauf die Frau antwortet:"Dich will ich am liebsten haben, und könnt ich unter allen Männern wählen." (Im Lied wird dann noch darauf hingewiesen, daß beide diese Aussagen mit Eiden bekräftigten.) Sehr schön auch die Textanregung bei Ulbrich: Bräutigam: "Willst du meine Gefährtin sein auf dem Weg des Lebens, meine Freuden sowie meine Prüfungen teilen und - unter unserer Sonne - den Geist unserer Vorfahren atmen?" Die Braut antwortet: "Ja, das will ich ..." und hängt die gleiche Frage wie oben an, die der Mann ebenfalls mit Ja beantwortet (bzw. beantworten sollte ;-).
Der von mir verwendete Spruch lautet in Anlehnung an Bergthoras Zitat aus der Njals saga("Ein Schicksal soll uns beide treffen."): "Ich schwöre dir, [Name], Treue auf Lebenszeit. Als dein Mann / deine Frau möchte ich deinen Lebensweg mit dir gehen, auf daß letztlich ein Schicksal uns vereine. Mögen unsere Ahnen uns schützen, jeder Jahreskreis uns voranbringen. Möge die Sonne uns verwöhnen und Mutter Erde unter unseren Füßen nie schwanken."
Der Kultleiter ruft die Göttin War an, die Göttin, der Gelübde, speziell aber Eheversprechen, heilig sind. Andere Anrufungen können hinzugenommen werden. Es sollte gerade im Hinblick auf die Verbindung zweier Sippen auch daran gedacht werden, die Ahnen beider anzurufen und sie zu bitten, die Verbindung zu schützen. Der Kultleiter weiht die Verbindung dann mit einem Thorshammer. Mann und Frau tauschen die Ringe. Es folgt ein Sumbel, das vom Paar begonnen wird. Die getrennt aufgestellten Sippen vermischen sich und reichen das Horn herum. Die Braut erhält von der Mutter des Bräutigams einen Schlüsselbund, der ihr die "Hausgewalt" gibt und sie gleichzeitig in den Stand der verheirateten Frau aufnimmt. Anschließend wird gefeiert. Auch der Bräutigam sollte von der Sippe seiner Frau ein Geschenk erhalten. Es ist auch üblich, den neu Verheirateten Brot und Salz zu schenken. Mit dem Salz wird das Festmahl gewürzt, das Brot wird vom Paar dazu gegessen.

Was man hinzufügen kann: Das Thrym-Lied (Edda) dokumentiert den Brauch, einen Thorshammer in den Schoß der Frau zu legen (Fruchtbarkeitssymbol). "Her mit dem Hammer, zu weihen die Braut! Leget Mjöllnir der Braut in den Schoß! Gebt uns zusammen im Namen der War!" (nach Häny)
Das gleiche Lied dokumentiert den Brauch, die Bänke zu bestreuen oder mit Tüchern zu belegen. Laut Häny wie auch Genzmer nahm man z.B. Wacholder dazu.
Man kann auch noch folgenden Brauch einfügen: Vor der eigentlichen Verbindung des Paares durch den Kultleiter sprechen die Trauzeugen positive Dinge jeweils über die Frau bzw. den Mann, preisen also deren Qualitäten (symbolisch für die jeweils andere Sippe).
Ulbrich weist noch auf den Brauch der Herdfeuerumschreitung hin. Diese (dreimalige) Umschreitung des Feuers sei im ganzen indogermanischen Raum bekannt; da sich aber die Herdtypen verändert hätten, würde man heute den Blütenkranz der Braut als Opfer im Feuer verbrennen.
Zum Hochzeitstermin verweist er auf den Frühsommer mit zunehmendem Mond.
Ein sehr schöner Brauch ist der Familienleuchter, analog zum Runenring für das Neugeborene. Der meist aus Holz gefertigte Leuchter, Sinnbild der neuen Familie, wird von Trauzeugen überreicht.
Gundarsson spricht von der Übergabe eines "ancestral swords", einem Schwert als Familienerbstück sozusagen, das der Bräutigam von der Mutter erhielt und es nun an seine Frau weitergibt. Dies tut er mit den Worten: "I bring you this sword, the soul of my line, bear it well, my bride! In battle and frith to be by your side, as shall I stand by you aye. On these rings my oath I swear: love and worship to my wife." (das bei Gundarsson beschriebene Ritual ist grundsätzlich sehr schön.)
Im übrigen beschreibt das Buch "Die Hohe Zeit" von Gerwin / Ulbrich beschreibt sehr schön verschiedene Hochzeitsbräuche. Eine Hochzeit im Stil des Eldarings findet sich in dessen Herdfeuer-Heft Nr. 6 (2. Jhg. 2004, Eigenverlag).

"Wind vom Acker und vom Korn klopft an unsere Mauer,
Wiege knarrt ihr altes Lied, horch, du junger Bauer.
Wind vom Wald geht um das Haus, soll dich von ihm grüßen,
Wiege knarrt ihr altes Lied unter meinen Füßen.
Denn so lang du weitergehst, stehen diese Mauern,
denn bei deinem alten Lied werden wieder Bauern."
[unbek., nach 'Ulbrich']

So haben wir’s gemacht

Als wir mit immer größeren Schritten auf unsere Hochzeit zugingen, überlegten wir uns, die Hochzeitsfeier und Eheleite jeweils einzeln durchführen. Der eigentlichen klassischen Hochzeitsfeier ging die standesamtliche Trauung voraus. Den festlichen Rahmen bot uns ein abgelegenes Schlößchen auf dem Land mit eigenem Trauraum. Die Eheleite, also das  Ritual der Eheschließung, sollte etwa einen Monat später im kleinsten Kreise folgen. Die Überlegung war, daß ein Großteil der Hochzeitsgesellschaft mit dem tieferen Sinn zu wenig vertraut  ist, um der Eheleite ihr  entsprechendes Gefüge zu geben. Auf grundsätzliche Erklärungen  wollten wir uns in der Vorbereitungszeit nicht einlassen, weil die innere Verbundenheit mit brauchtümlicher Art nicht von Heut auf Morgen aus theoretischen Grundlagen entsteht. Doch gerade sie ist für die weihevolle Umgebung elementar erforderlich, wovon letztlich das Gelingen des Eheleite-Rituals abhängt. Angenommen es würden sich Teilnehmer aus Unverständnis beziehungsweise Unwissenheit lächerlich oder gar peinlich berührt fühlen, könnte alles den Bach runtergehen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit bei großen Festgemeinschaften eine Teilung in zwei Kreise vorzunehmen; im äußeren Kreis stehen die Gäste mehr als passive „Zuschauer“ ohne aktive Beteiligung, während in ihrem Mittelpunkt Familie, Verwandte und engere Freunde den inneren aktiven Kreis bilden. Wir haben diese Aufteilung in der Leitung einer anderen Eheleite selber schon vorgenommen, wollten bei unserer eigenen Eheleite aber die vollständige Vertrautheit. Also wanderten wir ein kleines Stück durch den Wald bis an das Ufer eines Heideflusses. Eine befreundete Familie nahm daraufhin unsere Eheleite vor.


Zeremonielle Gegenstände - Eheleuchter, Familienchronik, Flammenschale, Räucherschale, Räucherwerk, Haselstäbe, Leintuch, Holzschale für Ringe, Thorshammer, Sinngaben, Met, Trinkhorn
Vorbereitung - In den Himmelsrichtungen umfassen vier Haselstäbe den Platz, in deren Mitte ein rundes Leintuch liegt. Hier befinden sich Flammen- und Räucherschale, wie auch die weiteren zeremoniellen Gegenstände. Für die Eheringe steht ein Holzschälchen bereit. Der Leiter entzündet vor Beginn die Flammenschale und legt Räucherwerk auf die Kohle (das Zunten nimmt hier kein zentrales Element ein). Die Gemeinschaft wartet außerhalb des Haselkreises, der Leiter spricht die Einhegung und betritt zusammen mit der Gemeinschaft im Sonnenlauf in den Kreis.

Eröffnung der Eheleite
1. Einleitung - Einhegung und Weihe
2. Ansprache
3. Anrufung
4. Eheversprechen und Ringwechsel
5. Weihe des Ehepaares und der Verbindung
6. Austausch der Sinngaben
7. Übergabe des Familienleuchters
8. Sumbel (Hochzeitshorn mit Met)
9. Ausleitung - Öffnen des Festkreises

 

Bräuche zu Hause

Eine schöne Sache ist der Brauch eines Hauszeichens, einer Familienrune. Darunter versteht man eine Binderune, die sich aus den Runen markanter Buchstaben des Familiennamens  zusammensetzt. Früher war es Brauch, Hausmarken als Eigentumszeichen oder Sippenzeichen an Häusern und Gegenständen anzubringen. Heute dient eine Familienrune eher dazu, dem familiären Mittelpunkt – der ruhenden Mitte – einen symbolischen Ausdruck zu verleihen. Unsere Hausrune findet sich beispielsweise auf dem Lederumschlag unserer Familienchronik. In diesem Buch haben wir begonnen, wichtige Ereignisse im Werden unserer Ehe und Familie aufzuzeichnen. Kurze Eindrücke, Bilder und Daten füllen im Laufe der Zeit die vielen weißen Seiten. Auf der Buchvorderseite wird eine  Abbildung der Tausendjährigen Eichen zu Ivenack - für uns ein besonderer Ort – von einer Frakturschrift umgeben, die in ihrer Mitte unsere Rune trägt.
Die ruhende Mitte – beispielsweise eine Ahnengalerie. Wir betreiben etwas Ahnenforschung, deren Ergebnisse in einem Stammbaum für unsere Nachkommen festgehalten werden. Empfehlenswert ist  übrigens, sich Bild-vom-Bild Fotos beim Fotografen anfertigen zu lassen. Die alten Erinnerungsstücke verblassen in der Galerie mit der Zeit durch das Tageslicht. Mit etwas Weitsicht sollen auch spätere Generationen etwas von der Familienkunde haben.


Unterhalb  der Galerie steht unser Eheleuchter, der uns mit ähnlichen Worten überreicht wurde: „Er soll euch Sinnzeichen  und Erinnerung an euren Eid sein. Bewahrt ihn in eurem Hause an einem Ehrenplatz. Sein Licht möge Jahr für Jahr eine Brücke zwischen den Dahingeschiedenen und den einst Kommenden sein.“ Er stammt aus den Händen eines Holzbildhauers und wurde aus heimischer Eiche mit zwei handgetriebenen Messingschälchen gefertigt. Seine Grundform stellt die Lebensrune dar, deren Botschaft die Entfaltung des Lebens ist, wie man sie zum Beispiel auch im Naturvorbild  des Tannenzweigs wiederfindet. Der Leuchter ist das Zeichen der ruhenden Mitte in der Familie. Er „verwandelt“ sich vom Eheleuchter in den Familienleuchter, sobald das erste Kind da ist. Der Holzbildhauer verwahrt das Zwischenstück aus der Mitte der beiden Lebensrunen in seiner Werkstatt und formt daraus eine neue, kleinere Lebensrune, die fortan zwischen den beiden „Elternrunen“ steht. An der Seite des Leuchters befinden sich die beiden Sinngaben Schlüssel und Messer und der Sippen-Thorshammer, mit dem die Verbindung geweiht wurde. Der Schlüssel ist das Zeichen der verheirateten Frau und ihrer „Hausgewalt“. Das Messer versinnbildlicht die Pflicht des Mannes, seiner Familie Schutz und Verteidigung zu gewährleisten.

Quellen und Verweise

Alle Quellen und Verweise sind direkt im Text hinterlegt.

 

 

Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: - | Weitere Autoren: - | Stand: 02.03.2015 | Urheberrecht beachten!