Rezension
Arbeitsbuch moderne Naturspiritualität

Hermann Ritter: Arbeitsbuch moderne Naturspiritualität - Das Wissen der weisen Frauen und Männer, Darmstadt (Synergia) 2013

Wer heute ein Buch über Naturspiritualität und/oder Naturphilosophie schreibt, hat sich was vorgenommen. Keine leichte Aufgabe wenn man bedenkt, daß die Messlatte deutlich über Normalnull liegt. Fachkundige Kreise wie Hagia Chora oder Connection (inzwischen eingestellt), sowie Philosophen wie Kirchhoff, Falter, Kozljanic und weitere dürften das Terrain nahezu vollständig abgesteckt und ausgelotet haben. Was läßt sich noch an Eigenem hinzufügen, um ein Buch zu füllen?

Ritter beantwortet diese Frage mit dem Format eines Arbeitsbuches. Er beschreibt Themenkomplexe und verknüpft sie mit Aufgaben, die von den Lesern bearbeitet werden können. Gute Herangehensweise, praxisnah und bodenständig. Laufen manch andere Autoren doch häufig Gefahr, derart ins Abstraktum abzugleiten und auf pur wissenschaftlichem Niveau Werke zu produzieren, die zwar beachtlich, doch kaum noch lesbar sind. Darüber hinaus bereichert Ritter sein Arbeitsbuch durch viele humorvolle Anekdoten, die auf ein breites praktisches Handlungswissen schließen lassen. Insgesamt wird der Stoff dadurch angenehm aufgelockert, ist nie zu theoretisch und immer interessant zu lesen.

Gleich zu Beginn wird das Buch mit einem kontrastreichen Bild eingeleitet, das sich meiner Meinung nach wie ein roter Faden durchzieht. Irgendwie scheint der Autor am Kreuzweg zu stehen: Zunächst definiert er das Ziel, „die Distanz zwischen uns und der Natur“ schwinden zu lassen und mittels Naturspiritualität einen, im weitesten Sinne, ungestörten Zugang zur Natur zu finden (S.11). Gefolgt von der Sequenz, allerdings als jemand „ohne einen unmittelbaren Zugang zur Natur“ (S. 13) zu schreiben. Mutig und ja, sicher ein ehrliches Eingeständnis. Doch ist es nicht gerade diese Gratwanderung zwischen der totalen städtischen Zivilisiertheit (meint menschliche Gesellschaft, soziale und materielle Lebensbedingungen durch technischen Fortschritt) und der ungestörten, tieferlebten Naturatmosphäre. An dieser Stelle wäre es meiner Meinung angebracht, näher darauf einzugehen, wie mir die Anbindung an die Natur konkret gelingt. Viele Leser sind vielleicht Stadtmenschen? Ich wohne auf dem Land; ich gehe durch die Haustür und trete ins Freie. Aber auch dies allein beschreibt noch lange nicht den Zustand einer Anbindung.

Der Autor war, laut eigener Aussage (Über den Autor), fast überall unterwegs: Bei Christen, Wicca, Asatru, keltischen Heiden, Magiern, Zauberern und Hexen. Auch politisch aktiv bei den Grünen. Sowie einige Jahre im Vorstand des Rabenclan und Eldaring. Hauptsächlich fühlt Ritter sich der phantastischen Literatur (sprich Science Fiction, Fantasy) verpflichtet. Dies erklärt vielleicht seinen flüssigen, erzählenden doch manchmal ins Phantastische abgleitenden Schreibstil. Auch eine wohldosierte Gesellschaftkritik fehlt nicht, immer angemessen dezent. Ich denke, wenn man über Naturspiritualität schreibt, darf das nicht fehlen.

Im Kapitel „Das ständige Vergessen der eigenen Kultur“ sinniert er allerdings über Dinge, die ihn prägen - also äußere Einflüsse, Verwandte, kulturelle Gegebenheiten und schreibt im Zusammenhang  mit der europäischen Kultur, daß das die Geschichte der Deutschen, aber auch die der Slawen sei (S.34). Warum diese Trennung? Auf Schritt und Tritt begegnen uns  geschichtliche Spuren slawischer Besiedelung. Das Slawische ist ein integraler Teil deutscher Geschichte und des Deutschen allgemein. Heidnisch gesehen ein starkes indoeuropäisches Verbindungselement, das insbesondere in ostdeutschen Landstrichen allgegenwärtig ist.

In „Die Mächte der Naturspiritualität“ wird der Intellekt als Kriterium herangezogen. So heißt es (S.114) „Nur wer die Grenzen der eigenen Welt überschreitet, wer immer wissen will, was hinter dem Horizont liegt, der trägt in sich den Funken, der ihn zum vollwertigen Menschen machen kann." Habe ich richtig verstanden, daß der eigene Wissensdrang darüber entscheidet, ob ich ein vollwertiger Mensch bin oder nicht? Gegenfrage: Gibt es denn etwa nicht vollwertige Menschen?!
Gerade an dieser Stelle mag man vielleicht anführen, die Worte nicht zu sehr auf die Goldwaage zu legen. Wenn ich jedoch bedenke, daß sich der Autor im Umkreis des Rabenclans bewegt(e), der bekannt ist für seine Schmähschriften, fallen mir gewisse Formulierungen ins Auge, für die andere (unliebsame) Personen hochgradig angeprangert worden wären.

Bemerkenswert im positiven Sinne finde ich, daß für Ritter das Göttliche existent ist. Ist ja nicht selbstverständlich, über das eigene Gottverständnis zu schreiben. Glauben im Sinne von Gewissheit, einer intrinsischen Gewissheit, daß etwas Wesenhaftes einfach da ist, ohne daß ich es sehen noch erfassen kann. So werden unter "Einige prinzipielle Überlegungen zu Gottheiten" insgesamt 8 Punkte aufgestellt, die stellenweise sicher durchaus diskutierbar sind, wie Ritter auch selber anerkennt, zusammen aber eine solide Basis geben.

Davon losgelöst finden sich streckenweise einfache Lebenstipps wie "Drogen und Aufputschmittel" und Allgemeinheiten wie "an einem stählernen  Zaun  [...] fehlen die Spitzen" (S.141), es soll ums Erkennen der Welt gehen. Für meinen Geschmack zu wechselhaft.

Der heidnische Jahreskreis
Die Jahresfeste werden nur oberflächlich behandelt, was ich im Grunde gut finde, weil es im Buch ja nicht explizit um heidnische Traditionen geht. Es werden die keltischen Bezeichnungen gewählt. Was mich jedoch erstaunt ist: „Das Jahr beginnt und endet im Jahreskreis mit Samhain“ (S.145). Ja, ist das so? In der keltischen Tradition stehe ich nicht ganz so fest im Stoff, aber in der germanischen Alten Sitte ist es anders. Denn hier entspricht das keltische Samhain den germanischen Winternächten, die im germanischen Jahreskreis den Winterbeginn kennzeichnen. Ende und Anfang bilden aber  Wintersonnenwende und Rauhnächte. Von daher wundert's mich etwas, daß der Autor explizit an zwei Stellen schreibt, daß Samhain der Neubeginn des Jahreskreises sei.

Was allerdings keinesfalls adäquat beschrieben ist, beginnt beim Jahresfest Litha: „Kinder können zu diesem Termin getauft werden [...]" (S. 156) und wird beim heidnischen Lebenskreis Geburt (S.160) ebenso unvollständig fortgeführt: „Wir Naturspirituellen haben ein Problem mit christlichen Handlungen, weil sie nicht in unser Weltbild passen. Die Taufe ist "unrein", weil sie mit einem christlichen "Touch" versehen ist.“
Der eigentliche Kern ist doch nicht irgendeine diffuse Abneigung, sondern der Umstand, daß die christliche Kindertaufe (bzw. Säuglingstaufe) den Eintritt in das Leben als Christ bedeutet. Sie dient der Aufnahme in die Religionsgemeinschaft. Und ist damit ein klares Unterscheidungsmerkmal zur heidnischen Tradition, wo das ganz anders läuft - siehe: Die Kindsweihe gegenüber der christlichen Taufe
Dann die christliche Taufe lieber gar nicht ansprechen, wenn man sich unsicher ist.


Fazit: Auch wenn ich einige Kritikpunkte anzubringen habe, möchte ich das Buch keineswegs von der Hand weisen. Ritters persönlicher Erfahrungs-Stil macht es lesenswert. Ein Arbeitsbuch, mit dem sich arbeiten läßt. Von allgemeinen Lebenstipps mal abgesehen, kann man es auch als Art eigene Standortbestimmung lesen; als Leser entscheide ich selber, ob ich mit den Standpunkten übereingehe oder nicht.

 

Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: - | Weitere Autoren: - | Stand: 28.12.2015 | Urheberrecht beachten!