Rezension - Die Neun Tore von Midgard

Edred Thorsson - Die Neun Tore von Midgard, Arun-Verlag, Engerda, 2004

Edred Thorsson (aka Dr. Stephen Flowers) ist kein Unbekannter im Bereich der Runenkunde. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit magischen Runenformeln und seine "Runentrilogie" (Runenkunde, Handbuch der Runen-Magie, At the Well of Wyrd) gilt als Klassiker. Gleichwohl wird Thorsson oft mit Vorsicht empfohlen, was vor allem zwei Gründe hat: Zum einen basiert er seine Ausführungen u.a. auf Werken deutscher Runenforscher vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die oftmals eine rassistisch-ariosophische Einstellung vertraten (man möge sich beispielsweise folgenden Buchtitel von F.B. Marby auf der Zunge zergehen lassen: "Rassische Gymnastik als Aufrassungsweg"). Für das vorliegende Buch gibt Thorsson im Vorwort zur deutschen Auflage an, daß dessen "ganze Struktur" von diesen "magischen Lehrplänen" profitiert habe, "die in Deutschland während des frühen 20ten Jahrhunderts ausgearbeitet wurden" (S. 15). Zum anderen hat Thorsson eine ritual-magische Sichtweise, mit der er die oft ungesicherten Bruchstücke germanischer Tradition füllt und kittet. So entstand z.B. das bei Neuheiden sehr beliebte Hammer-Ritual, eine nicht typisch germanische Schutzsphären-Anrufung. Auch sollte man sich nicht wundern, wenn die grafische Darstellung der 9 Welten sehr dem kabbalistischen Baum des Lebens ähnelt. Was erwartet den Leser nun in Thorssons neuem Buch? Bei den Neun Toren handelt es sich um einen systematischen, magischen Lehrplan von Thorssons Runengilde (mehr dazu auf www.runegild.org). Dies ist eine 1980 gegründete Vereinigung von Runenforschern - basierend auf Thorssons Überzeugung, in den Runen (hier im alten 24er System) die "ursprüngliche esoterische germanische Philosophie und Kosmologie" sehen zu können (S. 17). In der Einleitung macht Thorsson seine Vision von magischer Runenarbeit deutlich: da ist der "Odianer", der den Weg des Gottes Odin geht; es ist viel von Selbstverwandlung und von der Entwicklung eines magischen Willens die Rede, von der Synthese der äußeren Wirklichkeit mit der inneren des Magiers, was für diesen letztlich bedeuten soll, "die Gesamtkraft seines (...) Selbst zu erheben und die Fähigkeit zu entwickeln, dieses Selbst in einen Zustand von Hyper-Bewußtsein zu drücken, in dem es analog zur Gottheit wird" (S. 165). Dabei ist der Odianer immer Außenseiter in der Gesellschaft, der aber doch für diese tätig wird: "Es ist das Erbe der Odianer, die anhaltende und starke Entwicklung und die Gesundheit des Volkes und der ganzen Gesellschaft sicherzustellen." (S. 18) Thorsson macht auch im weiteren Verlauf deutlich, daß die Runen die traditionellen Symbole germanischstämmiger Menschen sind; er bezeichnet sie als metagenetisch und metalinguistisch (s. die Metagenetik-Artikel von S. McNallen in dieser Ausgabe). Die Neun Tore bilden in sich abgeschlossene Lerneinheiten von zeitlich recht hohem Umfang (z.B. je 108 Tage für die beiden ersten Tore). Schnell wird klar, daß dies kein Einsteigerbuch ist - Thorsson setzt im Prinzip seine Runentrilogie voraus, auch wenn man sie parallel zu den Neun Toren durcharbeiten kann. Generell hat jedes Tor seine eigenen, umfangreichen Buchempfehlungen, die von germanischer Religion und Mythologie bis hin zu klassischen Magiewerken (Butler), LaVeys Satanischer Bibel, Atemtechniken aus dem Yoga oder "Wiccan Sex-Magic" reichen. Die Übungen bestehen aus täglichen Ritualen, die in einem Tagebuch reflektiert werden. Dazu gehören z.B. Visualisierungsübungen, Meditation über die Runen, vokalisches Atmen (nach Spiesberger), Runenstellungen und runische Handgesten (nach Marby und Kummer). Diese Übungen führen zu den großen Disziplinen der magischen Arbeit mit Sprache und Laut (Galdor), der runischen Divination und der Interpretation von Heilszeichen (hier am Beispiel des Vogelfluges), der talismanischen Magie (Taufr), der Praxis des Segnens und Anrufens (Blot), der schamanistischen Seidhr-Magie und der Kontaktsuche mit dem eigenen Folgegeist (Utiseta). Jedes Tor baut auf dem vorangegangen auf und verfeinert bereits erlernte Techniken. Das neunte Tor hat keine zeitliche Begrenzung und Thorsson legt dem Übenden nahe, sich der Runengilde anzuschließen.

Thorsson, der Guido Lists und Kummers Werke auch für das englischsprachige Publikum übersetzt hat, bewegt sich in seinem neuen Werk auf bekannten Pfaden - nur diesmal noch deutlicher als in vorherigen Büchern, wo er schon mal bei der Danksagung die Leiter des Armanenordens erwähnte (Runenkunde). In den Neun Toren von Midgard dreht sich alles um die "deutschen Runenmeister", dennoch kann man Thorsson keinen offen vertretenen Rassismus vorwerfen, wenngleich er mit seinen Äußerungen zu Metagenetik und "Dienst am Volk" schwammig bleibt. Ebenfalls störte mich die von Thorsson bekannte magisch-esoterische Ausdrucksweise, die oftmals künstlich hochgeschraubt wirkt, wie z.B. hier: "Das höchste Ziel dieser Kombination von Arbeiten ist die Konstruktion einer operativen Kugel voller Runen in ihren objektivierten Wänden und völlig lebendig im subjektiven Baum von Yggdrasil innerhalb der Kugel" (S. 105) .

Mit Asatru (germanischem Neuheidentum) hat dieser Lehrgang nur wenig Berühungspunkte. Das Heidentum wird als "mainstream" bezeichnet und es wird darauf hingewiesen, daß die magischen Tätigkeiten Asatrurituale aufwerten können, wobei es sich dann aber auch nicht um Rituale einer größeren Kultgemeinschaft handeln dürfte - Asatru steht als Kultreligion solchen magischen Wegen gegenüber. Wer aber gezielt einen solchen magischen Weg auf der Basis der Runen einschlagen möchte, der ist mit diesem einzigartigen Lehrgang viele Monate beschäftigt, wobei 18€ für denjenigen, der nur mal "drüberlesen" möchte, viel Geld sind.

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Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!