Rezension
Die Jüngere Edda – Altnordisch und deutsch

Géza Árpád v. Nahodyl Neményi: Die Jüngere Edda – Altnordisch und deutsch, Norderstedt (Books on Demand) 2017

Edda-Ausgaben gibt es bekanntlich viele, doch Neményis Jüngere Edda bringt einige Besonderheiten mit, durch die sich das Buch abhebt.

Gestaltung

Angefangen beim äußeren Erscheinungsbild: Den Bucheinband ziert eine dekorative Illustration von Sigurds Drachenkampf, den eine nordische Flechtbandornamentik einrahmt. Dazu passt die typografische Gestaltung der Titelaufschriften in Unzialschrift und rundgotischer Schrift (Rotunda), die unter ästhetischen Gesichtspunkten ein stimmiges Bild geben. Die Intention dahinter ist klar: Gestalt und Gehalt geben erste Kunde darüber, daß hier etwas „Besonderes“ und „Altehrwürdiges“ vorliegt. Dabei sei anzumerken, daß die vielfältige Dekoration der Deckel- und Rückenfläche keineswegs eine Neukreation darstellt, sondern auf die   Edelausgaben des Askanischen Verlags von 1943 zurückgehen.  Darauf weist Neményi im Vorsatzblatt jedoch hin und ich finde es legitim, an die frühere Komposition anzuknüpfen.
Wobei die Edelausgaben von ihrer Materialität her auf einem ganz anderen Niveau waren, als die heutigen ‚Books on demand‘ Papiertiger. Damals wurde aufwendig mit Pergament und Büttenpapier gearbeitet, so daß jede Ausgabe ein handwerkliches Meisterstück darstellte. Sowas kann man in Zeiten des allgemeinen Preis- und Leistungsdrucks leider nicht mehr erwarten, weil der Einzelpreis kaum lukrativ wäre. Allein aus Ertragsgründen kann ich die Entscheidung des Autors für BoD sicherlich ein stückweit nachvollziehen, wobei aber eine schöne Halbleinen-Festeinbindung grundsätzlich im Bereich des Machbaren läge. Qualitativ wäre es im Vergleich zum klassischen BoD-Taschenbuch gleich eine ganz andere Liga.

Satzspiegel und Schriftwahl

Die leidenschaftliche Außengestaltung setzt sich auch im Innern fort: Die deutsche Textfassung ist in Frakturschrift abgedruckt, die altnordische hingegen in einer normalen serifenbetonten, nicht gebrochenen Schriftart. Ein Wohl für all jene, die dieser schönen alten Frakturschrift einiges abgewinnen können (wie ich). Ein Wehe jedoch all denen, die dem Schriftbild wenig vertraut sind und sich in ihrem flüssigen Lesevergnügen gestört fühlen. In ersten Bewertungen auf einem großen Internetversandportal lässt sich diese Tendenz leider schon erkennen – und ich kann dies wirklich nur bedauern, weil diese Bewertung letztlich eine Reduktion darstellt, die allein auf die eigene Schwäche zurückzuführen ist, der Frakturschrift nicht mächtig zu sein. Aber was spricht dagegen, sie zu erlernen? Zumal die Intention des Autors dahinter auch nicht erkannt wird, den reinen Informationsgehalt um kompositorisch-gestalterische Aspekte anzureichern, die das Werk gewissermaßen in einen weltanschaulichen Kontext einbetten. Nicht politisch, sondern als Rezeption im Bedeutungshorizont des germanischen Heidentums. All das unterstreicht die besondere Stellung der altisländischen Literatur als eine der Hauptquellen für die nordische Mythologie.

Inhalt

Eine weitere Besonderheit stellt ganz klar die Gegenüberstellung des altnordischen Originaltextes zur deutschen Übersetzung dar. Das heißt, daß auf der linken Buchseite das altnordische Original in lateinischer Schrift steht und sich auf der gegenüber liegenden rechten Seite die deutsche Textfassung (in Frakturschrift) befindet. Dies ist besonders interessant, wenn es um einzelne Begrifflichkeiten oder Zusammenhänge geht, die man gern im Original nachlesen möchte.
Verfasst wurde die Jüngere Edda von dem Gelehrten Snorri Sturluson (1178/1179 – 1241) und umfasst insgesamt vier Haupthandschriften. Und auch wenn sie zunächst wie dichtungstheoretische Lehrwerke für Skalden und höfische Dichter wirken, sind sie dennoch eine der wichtigsten Quellen der altnordischen Mythologie. Von ihrer Bedeutung sind sie mit religiösen oder mythologischen Texten gleichzusetzen, deren Bezugspunkte in die mündlichen Überlieferungen zurückreichen und aus der „Erinnerungskapazität“ der heidnischen Kultur unserer Vorfahren schöpfen.

Inhaltlich gliedert Neményi seine Ausgabe wie folgt:

„Gylvis Gunst“ (oft auch mit „Gylvis Täuschung“ übersetzt) ist der erste Hauptteil der Jüngeren Edda und erzählt von einem König namens Gylvi, der zu drei Göttern gelangt und ihnen Fragen über die germanische Mythologie stellt.
Gleich zu Beginn fällt auf, daß Neményi nicht von einem schwedischen König schreibt, sondern bei der altnordischen Bezeichnung „Svithiod“ bleibt und den ersten Satz der Gylfaginning somit beginnen läßt: „König Gylvi beherrschte das Land, das nun Svithiod heißt.“ In allen anderen Übersetzungen die ich kenne, fängt es an mit: „König Gylvi herrschte über die Länder, die jetzt Schweden heißen.“
Wenn man genau sein will, dann ist das schon ein gehöriger Unterschied, der in allen anderen Ausgaben, in denen nicht das altnordische Original direkt gegenübersteht,  schnell überlesen werden kann. Da finde ich Neményis Lösung wesentlich korrekter, in diesem Fall bei der buchstabengenauen Transkription zu bleiben.
Dazu paßt auch, daß Neményi den gesamten ersten Prolog wegfallen läßt, von dem er ausgeht, daß dieser nachträglich eingefügt worden sein muß. Ich teile diese Ansicht.

„Bragis Reden“ (auch als „Bragis Gespräche“ bekannt) heißt der Prolog zum darauffolgenden Abschnitt der Skáldskaparmál, weil sich der Meeresgott Ægir darin mit dem Dichtergott Bragi über Mythen unterhält.

„Lehre von der Dichtkunst“ (Neményi übersetzt es mit „Skaldschaftssprache“) bildet den Teil der Skaldendichtung, in dem es um Theorie und Praxis der Kenningar geht. Doch wie erwähnt, geht es hier nicht allein um ein reines Lehrwerk, weil Snorri auf viele germanische Mythen und Stücke aus der Heldensage eingeht, um die mythologischen Kenningar zu erklären.

Zuletzt ist mit „Grottis Gesang“ (oft auch als „Lied von der Mühle Grottis“ benannt) ein eddisches Lied enthalten, das in 24 Strophen die Geschichte vom König Froði erzählt, dessen zwei riesische Mägde auf der Mühle alles mahlen, was sich der König wünscht, bis sie schließlich in Riesenzorn verfallen und das Ende von Froðis Frieden herbeiführen.
Ein zweiseitiges Glossar rundet das Buch ab.

Fazit: Ich persönlich finde „Die Jüngere Edda – Altnordisch und deutsch“ von Géza Árpád v. Nahodyl Neményi insgesamt gelungen und durch die erwähnten Besonderheiten sehr empfehlenswert. Die geschmackvolle Gestaltung gepaart mit der Konzentration auf das Wesentliche (weglassen des Prologs und der buchstabengenauen Transkription bei fraglichen Begriffen) und die Gegenüberstellung des altnordischen Originaltextes mit der deutschen Übersetzung sind deutliche Alleinstellungsmerkmale, die eine Bereicherung darstellen. Hinzu kommt der günstige BoD-Taschenbuchpreis von 14,80 Euro… Wobei ich eher eine hochwertigere gebundene Ausgabe bevorzugt hätte. Davon losgelöst hat mich das Buch aber durchaus überzeugt, weshalb ich mir auch den zweiten Teil mit den Götterliedern der Älteren Edda (Götterlieder der Edda - Altnordisch und deutsch) zulegen werde (Rezension folgt).

Die Jüngere Edda – Altnordisch und deutsch“ ist bei allen bekannten Stellen zu beziehen.

 

Seiteninfo: 1.Autor: ING | 2.Autor: - | Weitere Autoren: - | Stand: 10.11.2018 | Urheberrecht beachten!