Rezension Russell - Blood Eagle

Craig Russell: Blood Eagle - London (Arrow / Random House), 2006

(Achtung, dieser Text enthält möglicherweise Dinge, die das Lesevergnügen trüben könnten, wenn man das Buch noch nicht kennt.)

Als ich das erste Mal auf den Blutadler angesprochen wurde, sagte man mir, es ginge darin um einen Asatruanhänger, der rituell morde und den Blutadler ritze, also den Opfern die Lungenflügel aus dem Körper herausziehe (diese Handlung ist in den altnordischen Quellen zehnmal beschrieben, doch nur einmal in einem rituellen Kontext, in dem der Getötete als Opfer erscheint). Da in dem Roman tatsächlich der Begriff 'Asatru' einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird, beschloß ich, ihn tatsächlich mal zu lesen, obwohl ich kein Krimi-Fan bin.

Ins Buch steigt man mit den Informationen ein, daß ein Serientäter am Werk sei (2. Opfer gleich zu Beginn), den Hauptkommissar Fabel und sein Team fassen muß. Schnell wird deutlich, daß die Geschichte viel verwickelter ist: da tauchen Bezüge zu einer linksterroristischen Bande auf, plötzlich ist auch der BND involviert, ein ehemaliger Polizeibeamter spielt eine ungeahnte Rolle, wobei er auch ertappt wird usw. Früh überlegt Fabels Team, ob man es mit einem Ritualmörder oder mit einem Neonazi zu tun habe. Letzteres v.a. aufgrund des Inhalts der Bekenner-Emails. Die Geschichte nimmt erneute Wendungen, als türkische und ukrainische Banden ins Spiel kommen, die Hamburg unsicher machen. Eine besondere Rolle scheint auch ein rechtes Medienimperium zu spielen, das von einem Ex-SS-Mann und seinem Sohn geleitet wird. Wer hier schon ins Schwitzen kommt, dem sei gesagt, daß all diese Verflechtungen so an der Grenze des 'Zuviel-des-Guten' sind. Alles schön plausibel, aber doch an manchen Stellen dick aufgetragen. Interessant wird es dann, als Fabel einen Universitätsprofessor, seinen alten Dozenten, aufsucht, der ihm über das den Wikingern zugeschriebene Ritual des Blutadlers berichtet. Die nordische Mythologie wird gleich an dieser ersten Stelle als Ammenmärchen abgetan: 'They (die nordischen Götter, V. Wagner) are myths. Falsehoods. (...) And he believes them.' – also der Killer. Dieser sei, so der Professor, jemand, der den alten Göttern opfert, der ein Missionar sei, der Deutschland wieder zu seinem echten Glauben zurückbringen möchte. Hier passiert dem Autor auch der erste inhaltliche Schnitzer eines ansonsten gut recherchierten Themas: Ragnarök wird als Kampf Asen gegen Loki und die Vanen dargestellt. Letztlich sei der Mörder 'out there living out some kind of obscene fantasy'. Mit diesen Infos begibt Fabel sich zu einem Bekannten, einem Buchhändler, den er über Anhänger der nordischen Religion ausfragt. Hier tauchen die Begriffe Odinist und Asatru auf. Erneut wird in den ersten Sätzen eine Wertung eingebaut: 'Harmless lot, I suppose. Just a bit sad, really.' Über die Buchhandlung bekommt Fabel seinen nächsten Ansprechpartner, einen John MacSwain, in Hamburg lebender Schotte, der laut Buchhändler in Odinistenkreisen verkehre. MacSwain erklärt zunächst Asatru als Forn Siar (statt Sidr – vielleicht ein Scan-Fehler). Wer nun erwartet, daß auch diese Unterhaltung mit einer Abwertung der Asatruanhänger einhergeht, liegt nicht falsch: 'You suspect Asatru worshippers of these murders? They tend to be harmless New Age types who focus on Balder.' Weitere Aussagen MacSwains stimmen jedoch, so z.B. der Hinweis, daß manche Wissenschaftler daran zweifeln, ob der Blutadler je mehr als eine literarische Erscheinung gewesen ist. Durch weitere versuchte Morde kommt die Geborune als Rune des Blots, des Austauschs mit den Göttern, ins Spiel – und auch ein Mann, der eine Odinsmaske trägt. Während Fabel also diesem "crap", wie Asatru von der Polizeipsychologin bezeichnet wird, nachgeht, wird in den Parallelgeschichten deutlich, daß der BND offenbar Infos über eine besonders brutale ukrainische Bande sammeln will, deren Anführer ein Vasyl Vitrenko sei, ein ehemaliger Colonel einer im Afghanienkrieg eingesetzten Spezialeinheit. Dann kommt der nächste Asatrukontaktmann ins Spiel, Janssen, ein Mitglied der Gruppe 'Temple of Asatru' und Betreiber einer Website zum Thema und eines New-Age-Buchladens. Janssen stellt sich vor als: 'I am the Gothi – the High Priest – of the Blot of Asatru.' An dieser Formulierung merkt man, daß Russell bei der Vorbereitung auf das Buch doch an der Oberfläche geblieben ist, denn so würde sich sicher kein Asatruanhänger ausdrücken. Weiterhin stellt Janssen auch gleich klar, daß Asatru eine Religion von Liebe und Harmonie sei. Abgesehen davon beschreibt er den Ablauf eines Blots und weitere Details sehr gut. Man kommt dann auf eine Gruppe von Leuten zu sprechen, die sich auf die 'dunkle Seite' der Religion konzentrieren, hier fällt das Wort Seidhr. Auch dieses Gespräch wird in nun schon bekannter Weise abgeschlossen: '... there are so many people clutching at moral straws, trying to give shape and meaning to their lives. It's a dark and lonely universe otherwise.'

Gegen Ende des Buchs kommen die Stränge zusammen. Vitrenko und der BND / die GSG9, das rechte Medienimperium und die Geldwäschefirma in den USA – samt Immobilienspekulationen – und MacSwain als Verbindungsfigur – Russell findet sogar eine Möglichkeit 9-11 zu erwähnen. Interessant ist dann – wenn es auch nicht unerwartet kommt –, wie Fabel diese Dinge zusammenbekommt: die schwedischen Wikinger haben Fahrten in den Osten unternommen, wo sie als Rus bekannt wurden. Das ist der Link zwischen Wikingerritual und dem wie ein germanischer Gefolgsherr agierenden Vitrenko. Ich will aber das Ende des Romans nicht vorwegnehmen.

Welche Eindrücke bleiben zurück? Die Verwendung und Verflechtung etlicher Klischees: Rechts- und Linksextremismus, ausländische Banden, Spezialeinheiten usw. Ich schrieb weiter oben schon, daß das etwas 'üppig gestreut' anmutet. Hingegen bleiben die Charaktere eher oberflächlich, sie wirken wie in all diese Verwicklungen eingebundene Personen, die austauschbar sind. Selbst über Hauptkommissar Fabel erfährt der Leser wenig. Das Buch liest sich flüssig, wirkt aber manchmal etwas substanzlos und aufgebläht.

Zum Thema Asatru: Ich weiß nicht, welche Einstellung Russell persönlich zu Religion hat, aber Asatru kommt im Buch definitiv nicht gut weg. Zwar ist das, was der Autor verwendet hat, gut recherchiert, aber Asatru erscheint nicht als ernsthaft betriebene Religion jenseits des New-Ages-Booms. Das hätte Russell besser recherchieren können, die Frage ist nur, wollte er es? Kein Asentreuer muß nun befürchten, für einen Ritualmörder gehalten zu werden. Im Buch wird das sehr deutlich, auch durch Janssens Aussage: 'Like every philosophy or religion, Asatru is open to abuse.' Was man allerdings befürchten muß, ist weiterhin nicht ernstgenommen zu werden, denn in genau diese Kerbe schlägt Russell. Asentreue als New-Age-Plüschhäschen, Love-and-Happiness-Propheten, Spinner, die keinen richtigen Weg im Leben finden. Das ist das Ärgerliche an diesem Buch.

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Seiteninfo: 1.Autor: Stilkam | 2.Autor: ING | Weitere Autoren: - | Stand: 01.06.2013 | Urheberrecht beachten!